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Generation Allah

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Als arabischer Israeli und Muslim hat der heute in Berlin lebende Psychologe Ahmad Mansour Erfahrungen gemacht, die ihm einen leichteren Zugang zu sich radikalisierenden Islamisten ermöglichen. Über seine Arbeit und seine Einschätzungen der Lage berichtet er in „Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“.
Samstag, 15. Oktober 2016
Cover

Mansour erzählt von seiner eigenen islamistischen Episode in einem arabischen Dorf in Israel, die er durch sein Psychologie-Studium in Tel Aviv und seine Auswanderung nach Deutschland überwand. Während er im kleinkarierten ländlichen Milieu unter dem Einfluss eines radikalen Imams und dogmatischer Jugendlicher auf einen antiwestlichen und antisemitischen Kurs ging, nicht zuletzt als Protest gegen seinen autoritären Vater, lernte er als Student jüdische Wissenschaftler kennen und schätzen. Vollends löste er sich von religiösem Fanatismus, als er in Berlin in Projekten gegen den Islamismus arbeitete.

Obwohl sich die Lage islamischer Jugendlicher in Deutschland deutlich von der in Israel unterscheidet, gibt es doch einige Gemeinsamkeiten, die den Weg in einen fundamentalistischen Islam und – als letzte Konsequenz – zum Kämpfer des Islamischen Staates in Syrien verständlicher machen. So finden sich häufig in den von Mansour geschilderten Biografien jugendlicher Islamisten ein brutaler autoritärer Vater, mangelnde Anerkennung durch die Umgebung, ein mangelhaftes Wissen über den Islam und eine negative Einstellung zur Sexualität. In der Pubertät rebellieren viele Jungen, aber auch einige Mädchen, gegen ihr Elternhaus. Treffen sie auf Salafisten, die gezielt psychisch labile Jugendliche ansprechen, integrieren sie sich oft in eine Gruppe, die sich um sie kümmert und sie respektiert. Nach und nach geraten sie immer mehr in einen rigiden Islam, der an ihre Verlassenheits- und Angsterfahrungen anknüpft. Unter dem Einfluss radikaler Prediger und Fanatismus verbreitender Internetseiten grenzen sie sich mehr und mehr von der Außenwelt ab und einige geraten schließlich zum Islamischen Staat.

Mansour empfiehlt Pädagogen, den Kontakt zu sich radikalisierenden Jugendlichen nicht abbrechen zu lassen, sondern ihnen (kritisch!) zuzuhören. Nur dann kann Prävention oder auch eine Deradikalisierung erfolgreich sein. Mansour weist darauf hin, dass einige der Merkmale radikaler Islamisten auch auf scheinbar moderate Muslime zutreffen, wie etwa die Selbststilisierung als Opfer, ein mehr oder weniger offener Antisemitismus und ein dogmatischer Buchstabenglaube, der den historischen Entstehungskontext des Islam ausblendet. Folglich sollten Projekte nicht mit Gruppen zusammenarbeiten, die nur oberflächlich moderat auftreten.

Mansour bietet eine differenzierte Analyse der „Generation Allah“ und macht nachvollziehbare Vorschläge, wie Bildungsprojekte sinnvoll arbeiten können. Sein persönliches Engagement hebt sein Buch wohltuend von trockenen soziologischen Analysen ab. Seine vielen, oft relativ leicht umsetzbaren Vorschläge – etwa nach einem Bundesbeauftragten zur Prävention und Bekämpfung ideologischer Radikalisierung oder nach einer Jugendliche ansprechenden Präventionsarbeit im Internet – sollten breit diskutiert werden, wobei sich Humanisten hier offensiver einbringen sollten.

Image of Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen

Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. S. FISCHER 2015, Gebundene Ausgabe, 272 Seiten