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Der Puls der modernen Türkei

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Mit ihrem Buch „Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst“ bringt die Journalistin Ece Temelkuran die Leser in das Innere einer zerbrochenen Nation.
Freitag, 8. Januar 2016
Cover

Um die besorgniserregenden Entwicklungen in der gegenwärtigen Türkei verstehen zu können, nimmt das literarische Sachbuch „Euphorie und Wehmut“ der türkischen Schriftstellerin, Juristin und Journalistin Ece Temelkuran seine Leser mit auf eine Zeitreise in ein verblüffendes und zugleich amüsantes Land – wie die Autorin aus ihrem persönlichen Blickwinkel heraus feststellt.

Um die Gezi-Park Proteste, die Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit und die osmanischen Ambitionen des türkischen Präsidenten deuten zu können, beginnt die Autorin scharfsinnig mit vorangegangenen Stationen türkischer Geschichte, die lückenlos von Unterdrückung, Massakern und Krisen geprägt gewesen sei.

Die Türkei stecke daher seit ihrer Gründung in einer tiefen Identitätskrise und habe es zudem nicht geschafft, ihre vergangenen Konflikte und Krisen je zu lösen, meint Temelkuran. Der Völkermord an den Armeniern, die Massaker an den Aleviten, die Hinrichtung des linken Aktivisten Deniz Gezmis, der Militärputsch von vermeintlich säkularen Kräften 1980, der Susurluk-Unfall – all diese Konflikte und Krisen seien niemals bewältigt worden. Vielmehr hat man versucht, die Ereignisse zu vergessen, zu verdrängen und die Kapitel zu schließen, um in die Zukunft zu blicken – ohne sich der Gegenwart bewusst zu sein.

Dass sich die Türkei momentan in einem „schizophrenen Zustand“ befinde, in dem das Land „zwischen Minderwertigkeitskomplex und übersteigertem Selbstbewusstsein“ pendele, sei bereits in der Gründung der türkischen Republik angelegt. Dieser Zustand resultiere aus dem Identitätskonflikt der modernen Türkei, die sich zum einen von ihrer osmanischen Vergangenheit und von der östlichen Welt abwenden möchte, um in ihre westliche Zukunft zu schauen, sich aber andererseits als eine Brücke zwischen der westlichen und östlichen Welt verstehen möchte.

Dabei sei die Periode unter der AKP-Regierung „die Geschichte eines Versuchs der Therapierung dieser Krankheiten, wobei aus dieser Therapie neue, noch komplexere Krankheiten entstanden sind“, diagnostiziert die Journalistin, deren kritische, besorgte und unabhängige Stimme die politischen Führer des Landes so sehr störte, dass auch sie, wie viele ihrer Kollegen, von einer Kündigung nicht verschont blieb.

Temelkuran wirft westlichen Politikern, Journalisten und Intellektuellen vor, auf verblendete Weise in der AKP eine „perfekte Ehe zwischen gemäßigtem Islam und Demokratie“ gesehen zu haben, die zugleich als Vorbild für die arabische Welt fungieren sollte. Dabei seien die besorgten Stimmen der türkischen Intellektuellen nicht nur ignoriert, sondern mit dem Vorwurf konfrontiert worden, sie seien anti-demokratisch und militaristisch.

„Was soll aus diesem Land werden?“ – Dies sei eine Frage, die nicht nur die Regierungspartei beschäftigt, die ihre politische und gesellschaftliche Vision einer „großen Türkei“ im Jahr 2023 – 100 Jahre nach Gründung der Türkei ­ – verwirklicht sehe. Die Frage schwebe im Alltag besorgter Bürger, auch an den melancholisch-sorgenvollen „Raki-Tischen“, wenn Freunde beisammensitzen und über das Leben philosophieren. „Sollen wir vielleicht gehen?“, fragen sich die regierungskritischen, weltoffenen und gebildeten Menschen des Landes. Dennoch hegt Temelkuran Hoffnung auf eine demokratische Zukunft der Türkei. Dass Temelkurans Werk verdeutlicht, dass die gegenwärtigen Probleme nicht mit der AKP begonnen haben, aber auch nicht mit der AKP gelöst werden können, zeigt, wie differenziert es der Autorin gelingt, ihre analytischen Fähigkeiten und Beobachtungen aus jahrzehntelanger journalistischer Arbeit und ihren persönlichen Erfahrungen zu vereinen. So beschreibt sie die prekäre Situation der Frauenrechte in der Türkei, die sie durch ihre eigenen alltäglichen Erfahrungen vermittelt. Allerdings ist die Verknüpfung der Ereignisse zwischen den Kapiteln etwas schwach – was jedoch gleichzeitig dem Leser ermöglicht, einzelne Kapitel nach Interesse nachzuschlagen.

Dem Sachbuch gelingt es auf literarische und scharfsinnige Weise, seine Leser in das Innere einer zerbrochenen Nation zu bringen, die ihre Scherben nicht aufsammeln kann, weil ständig etwas Neues zerbricht. Es ist gerade deshalb empfehlenswert, weil es mehr als nur eine Anreihung von Daten und Ereignissen aus der jungen türkischen Geschichte umfasst, sondern vielmehr den Puls der modernen Türkei wiedergibt.

Image of Euphorie und Wehmut: Die Türkei auf der Suche nach sich selbst

Ece Temelkuran: Euphorie und Wehmut: Die Türkei auf der Suche nach sich selbst. HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH 2015, Gebundene Ausgabe, 240 Seiten