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Eine gute Einführung in ansprechender Aufmachung

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„Gläserne Wände“ – Der neue Bericht des Humanistischen Verbandes gibt einen guten Überblick zu den Formen der Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland.
Dienstag, 17. November 2015
Cover

Die von Michael Bauer, Vorstand des Humanistischen Verbandes Bayern, und Arik Platzek, leitendem Redakteur von diesseits, verfasste Broschüre gibt nicht nur eine gut verständliche Einführung in die Diskriminierung sogenannter Ungläubiger, sondern macht auch Vorschläge zur Überwindung dieser Benachteiligungen. Dabei ist den beiden Autoren bewusst, dass es – verglichen mit vielen anderen  Weltregionen – humanistisch und atheistisch eingestellten Menschen in Deutschland relativ gut geht. 

Das ändert aber nichts daran, dass Nichtreligiöse zwar prinzipiell die gleichen Rechte haben wie etwa Protestanten oder Katholiken, doch de facto sich vor allem durch die Privilegien der Großkirchen ein anderes Bild ergibt. So gibt es – abgesehen von Niedersachsen – keine Staatsverträge der Länder mit Verbänden konfessionsfreier Menschen. Dies führt etwa dazu, dass humanistische Feiertage wie etwa der 21. Juni (World Humanist Day) nicht den religiösen Feier- und Gedenktagen gleichgestellt sind. Nur in Berlin gibt es eine entsprechende Regelung zur Schulbesuchspflicht, die für Schüler mit dem Bekenntnis zu einer humanistischen Lebensauffassung eine Unterrichtsbefreiung an diesem Tag erlaubt.

Weit gravierender ist allerdings, dass es für Schüler ohne religiöses Bekenntnis keine gleichberechtigte Alternative zum im Grundgesetz garantierten Religionsunterricht gibt. Ethik als Unterrichtsfach gilt in acht der 16 Bundesländer lediglich als Ersatzfach und wird meist erst ab höheren Klassenstufen erteilt.

In den staatlichen Bildungsplänen für Kindertagesstätten hat die religiöse Bildung oft einen hohen Stellenwert. Zudem existiert in etlichen Regionen ein weitgehendes Monopol kirchlicher Träger, so dass konfessionsfreie Eltern dort kaum eine Möglichkeit zu einer Kinderbetreuung entsprechend ihrer weltanschaulichen Überzeugungen haben.

Eine vergleichbare marktbeherrschende Stellung haben kirchliche Träger im sozialen Bereich, etwa in der Kranken- und Altenpflege. Nicht nur gibt es für nichtreligiöse Patienten keine Wahlmöglichkeit, die kirchlichen Träger sind zudem berechtigt, von ihren Mitarbeitern die Mitgliedschaft in der jeweiligen Kirche zu verlangen. Dies gilt nicht nur für einen legitimen Tendenzschutz, etwa für „verkündigungsnah“ Beschäftigte, sondern auch für Stellen ohne erkennbares religiöses Profil, etwa Pflegekräfte oder Reinigungspersonal. Und das, obwohl die jeweiligen Kirchen aus Eigenmitteln nur einen sehr geringen Anteil zahlen, während die Gesamtheit der Steuerzahler (also auch die nichtkonfessionellen) den Betrieb der Einrichtungen zu 80 bis 95 Prozent finanzieren.

Eine weitere Privilegierung der Kirchen ist der staatliche Einzug der Kirchensteuer. Die damit verbundene behördliche Registrierung der Konfessionszugehörigkeit erleichtert kirchlichen Arbeitgebern die Benachteiligung bzw. den Ausschluss nichtreligiöser Arbeitnehmer.

Ein weiteres Ärgernis ist die fehlende Vertretung nicht religiös gebundener Menschen in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Mittlerweile sind dort neben Vertretern der christlichen Großkirchen auch solche des jüdischen und muslimischen Bekenntnisses repräsentiert. Im Bereich der Theologie und Religionspädagogik gibt es neuerdings sogar Einrichtungen für Aleviten – für nichtreligiöse Humanisten gibt es weiterhin nichts Vergleichbares.

Die Broschüre greift weitere Beispiele der Privilegierung vor allem der christlichen Großkirchen auf, unter anderem in der Militär- und Krankenhausseelsorge oder bei der staatlichen Förderung von Kirchentagen. Die am Ende des jeweiligen Kapitels stehenden Forderungen zur Gleichbehandlung nichtreligiöser Menschen werden am Schluss der Broschüre noch einmal zusammengefasst. Zudem finden sich im Anhang die Ergebnisse von Umfragen etwa zur Verbreitung humanistischer Lebensauffassungen in der Gesamtbevölkerung  und zu den Angaben zur Konfession bei den derzeitigen Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Die ansprechend aufgemachte Broschüre gibt eine gute Einführung in die Thematik. Weiterführende Hinweise auf Literatur und Internetadressen hätten den Gebrauchswert noch erhöht.

Website zum Bericht: www.glaeserne-waende.de