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Anders heilen?

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Die Alternativmedizin, wie etwa die Homöopathie oder die anthroposophische Heilkunde, ist nicht nur in aller Munde. Sie erobert mittlerweile sogar die Universitäten wie der Band „Anders heilen?“ zeigt.
Freitag, 30. Oktober 2015
Cover

An über 30 medizinischen Fakultäten wird die Homöopathie als Wahlpflichtfach angeboten, obwohl es keine überzeugenden Belege für deren Wirksamkeit gibt. Etwa 6000 niedergelassene Ärzte, neun Kliniken mit 1400 Betten und vier Kurkliniken arbeiten nach den Phantastereien Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie.

Der Band, Ergebnis einer Kolloquiumsreihe an der Technischen Universität Darmstadt im Wintersemester 2011/12, versammelt gut lesbare Beiträge von Wissenschaftlern und Fachärzten. Sie widmen sich neben der Homöopathie und der anthroposophischen Medizin v.a. den Impfgegnern und der alternativen Tierheilkunde. Martin Mahner, Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, definiert den Begriff Parawissenschaft so: „Eine Parawissenschaft ist ein außerhalb der Wissenschaften – aber nicht unbedingt außerhalb des universitären Wissenschaftsbetriebes – angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruht.“ (S. 17) Charakteristisch für illusionäres Denken ist z.B. das Fehlen von Selbstkorrekturmechanismen.

In der Homöopathie sollen durch starkes Verdünnen von Heilmitteln und ritualisiertes Schütteln Mittel hergestellt werden, die eine geistartige Heilkraft entfalten. Zudem wird nach dem Prinzip „Ähnliches durch Ähnliches“‘ angeblich geheilt. So werden Patienten, die über eine Enge in der Brust klagten, mit Würgeschlangenfett behandelt. Für beide Prinzipien gibt es keine Belege der Wirksamkeit.

Homöopathie ist die beliebteste Spielart von Alternativmedizin in Deutschland. So ermittelte 2009 das Institut für Demoskopie Allensbach, dass 57 Prozent der Befragten homöopathische Mittel bereits verwendet hatten. Zur Begründung verwiesen ihre Befürworter u.a. auf das Fehlen von Nebenwirkungen. Tatsächlich haben sie in höherer Verdünnung überhaupt keine Wirkung. Verantwortlich für die meisten der berichteten Heilungserfolge ist weitgehend der Placebo-Effekt. Homöopathischen Ärzten bringen Patienten vor allem wegen der sehr ausführlichen und zeitaufwendigen Anamnese viel Vertrauen entgegen. Zudem verschwinden leichtere Beschwerden nach einiger Zeit meist von allein.

Noch irrationaler ist die anthroposophische Medizin, die die Fachärztin für innere Medizin Barbara Burkhard in zahlreichen Zitaten ihres Gründers Rudolf Steiner vorstellt. Sie beruht auf dessen Schauen, Hören und seiner Intuition der angeblich existierenden geistigen Welt. So geht Steiner unter anderem von einem physischen Leib, einem Ätherleib, einem Astralleib und einem rein geistigen Ich aus. Zudem wird der Mensch mit seinen Organen als Abbild des Makrokosmos gesehen. All dies ist unüberprüfbar.

Für das wohl bekannteste anthroposophische Arzneimittel – in der Krebsbehandlung eingesetzte Mistelpräparate – gibt es keinen überzeugenden Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit. Auf Grund des Wunsches vieler Menschen nach einer menschlicheren Medizin – nicht zuletzt eine Folge von Missständen in der konventionellen Schulmedizin (Zeitdruck, Profitmaximierung usw.) – wächst die Zustimmung zur anthroposophischen Medizin sowohl in der Bevölkerung wie auch unter Ärzten.

Wie gefährlich das Anwachsen irrationaler Medizinkritik ist zeigt Peter Pommer, Chefarzt für Innere Medizin und Pneumologie, am Beispiel der zunehmenden Verurteilung von Impfungen. Trotz der großen Impf-Erfolge – etwa dem Rückgang von Erkrankungen wie der Kinderlähmung oder von Masern und dem Verschwinden der Pocken – und den sehr seltenen Komplikationen weigern sich immer mehr Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen, gerade unter Anthroposophen. Dies führte unter anderem zum vermehrten Auftreten von Masern in Deutschland in den letzten Jahren.

Bemerkenswert ist auch der Artikel des Psychologen und Wissenschaftsjournalisten Colin Gardner zur alternativen Tierheilkunde, einer Spielwiese unqualifizierter Laien, die für viel Geld im besten Fall unwirksame Methoden und Präparate anbieten.

Insgesamt ein gut lesbarer Band, der eine solide Einführung in ein seit Jahren wachsendes Feld esoterischer Aktivitäten bietet.

Image of Anders heilen?: Wo die Alternativmedizin irrt

: Anders heilen?: Wo die Alternativmedizin irrt. Alibri 2015, Taschenbuch, 178 Seiten