Direkt zum Inhalt

Umfassend, differenziert, hilfreich

DruckversionEinem Freund senden
Donnerstag, 16. Juli 2015
Cover

Homöopathie, Akupunktur, Anthroposophie – was verbirgt sich hinter den zahlreichen Angeboten der sogenannten Alternativmedizin? Mit ihrem im Alibri-Verlag erschienenen Sammelband Anders heilen? Wo die Alternativmedizin irrt wollen die Herausgeber Dittmar Graf und Christoph Lammers deutlich machen, dass paramedizinische Heilverfahren keine Alternative zu wissenschaftlicher, evidenzbasierter Medizin darstellen können.

Der Band wurde auf Grundlage der Vorträge einer Kolloquiumsreihe, die im Wintersemester 2011/12 an der Technischen Universität Dortmund stattfand, erstellt. Die Beiträge decken ein weites Spektrum an Fragestellungen rund um das Thema Alternativmedizin ab, von Definitionsproblemen über den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit bis hin zur Beschreibung und Analyse verschiedener alternativmedizinischer Verfahren.

Illusionäres Denken begünstigt die Ausbreitung einer „Glaubensmedizin“

Der Biologe und Wissenschaftsphilosoph Martin Mahner schlüsselt im einführenden Kapitel begriffliche Unklarheiten auf: Was steckt hinter den Begriffen Para- und Pseudowissenschaft und lassen diese sich klar voneinander und von „echter Wissenschaft“ abgrenzen? Mahner geht in diesem Kontext vor allem auf den Begriff der Paramedizin ein und illustriert dessen Umfang anhand zahlreicher Beispiele.

Die historische Entwicklung der Paramedizin bis hin zu ihrer großen aktuellen Beliebtheit wird ausführlich von dem Biologen und Wissenschaftsjournalisten Markus Schulte von Drach dargestellt. Ein Großteil der alternativmedizinischen Verfahren wurde in einer Zeit entwickelt, als die meisten Funktionen des menschlichen Körpers noch unbekannt waren. Trotz moderner physiologischer Erkenntnisse werden diese veralteten Ansichten und Methoden heutzutage nicht etwa verworfen. Ganz im Gegenteil: Es gibt immer mehr Universitäten, die alternative Heilverfahren in ihre Lehrpläne aufnehmen, Stiftungsprofessuren für paramedizinische Lehrstühle und Ärzte, die auf die Nachfrage der Patienten und die oftmals bessere Vergütung alternativmedizinischer Behandlungen reagieren.

Unverständlich: Rechtlicher Sonderstatus der Alternativmedizin

Dittmar Graf und Christoph Lammers analysieren in ihrem gemeinsamen Kapitel unter anderem die Rolle von Ärzten bei der Betreuung von Patienten. Neben einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung sind die Persönlichkeit und das Auftreten des Therapeuten von entscheidender Bedeutung für die Behandlung. Nichtsdestotrotz sollten Entscheidungen bezüglich therapeutischer Maßnahmen auf evidenzbasierter Medizin beruhen. Diesem „eigentlich selbstverständlichen Anspruch“ steht der stetig wachsende Sektor der Alternativmedizin klar entgegen. Hier kommen Methoden zur Anwendung, für die es keinerlei wissenschaftliche Belege gibt oder deren Wirksamkeit sogar bereits widerlegt wurde. Besonders problematisch und nicht selten folgenschwer ist die Verwendung paramedizinischer Maßnahmen, wenn gleichzeitig auf medizinische Therapien verzichtet wird, urteilen Graf und Lammers.

Die Autoren machen deutlich, dass es sich bei Alternativmedizin immer um Paramedizin handelt und diese damit niemals eine Alternative zu evidenzbasierter Medizin darstellen kann. Einige der bekanntesten und beliebtesten alternativmedizinischen Methoden – Homöopathie, anthroposophische Medizin und Pflanzenheilkunde – genießen in Deutschland sogar einen rechtlichen Sonderstatus, der sie von einem Wirksamkeitsnachweis befreit. Zum Vergleich: Konventionelle Medikamente durchlaufen strenge und jahrelange Prüfverfahren, in denen ihre Wirksamkeit sowie toxikologische Unbedenklichkeit nachgewiesen werden muss, bevor sie zugelassen werden können.

Wer heilt, hat nicht immer Recht

In den verschiedenen Kapiteln des Sammelbandes wird wiederholt ausführlich auf die Homöopathie und deren haarsträubende Grundannahmen eingegangen. Schulte von Drach etwa kommt bei der Betrachtung mehrerer Meta-Analysen zur Homöopathie zu der Beurteilung: „Niemand kann ernsthaft behaupten, eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathie sei nachgewiesen. Und die allgemeine Wirksamkeit entspricht der einer Scheinbehandlung.“ Desgleichen kann Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin und Inhaber des ersten Lehrstuhls dieser Art, im Rahmen seines Beitrags feststellen. Ernst analysiert sehr detailliert die wissenschaftlichen Studien der weltweit aktivsten Forschergruppe zur Homöopathie hinsichtlich deren Qualität und Aussagekraft. Dabei stellt er erhebliche Mängel in Forschungsdesign, Durchführung und Diskussion der Ergebnisse fest.

Martin Hermann nimmt den Erfolg von Therapien aus Therapeuten- und Patientensicht unter die Lupe. In diesem Kontext stellt er fest, dass aus einer Besserung oder gar Heilung einer Krankheit nicht automatisch folgt, dass die verwendete Methode wirksam ist. Viele Krankheitsbilder erfordern keine spezifisch wirksamen medizinischen Verfahren, sondern lassen sich schon durch einen Placebo-Effekt mildern oder klingen von selbst ab.

Anthroposophie, Impfgegner & Tierheilkunde

Der auf Rudolf Steiner zurückgehenden anthroposophischen Medizin widmet sich die Ärztin Barbara Burkhard in dem von ihr verfassten Kapitel. Bei der Anthroposophie handelt es sich um ein Glaubenssystem, das nicht nur medizinische, sondern auch pädagogische, theologische, landwirtschaftliche und künstlerische Bereiche berührt. Neben grundlegender Kritikpunkte an der Anthroposophie, wie fehlende Nachprüfbarkeit und Selbstimmunisierung, wird dabei vor allem die bei Krebserkrankungen beliebte Misteltherapie einer genaueren Betrachtung hinsichtlich ihrer Grundannahmen und Wirksamkeit unterzogen. 

Der starke Rückgang und die Ausrottung von vielen Krankheiten wie Polio, Masern, Diphterie oder den Pocken, bilden die Erfolgsgeschichte des Impfens. Der Arzt und Wissenschaftsjournalist Peter Pommer beschreibt die Geschichte des Impfgedankens und der Impfkritik. Dabei wägt er anhand wissenschaftlicher Erhebungen Risiken und Nutzen des Impfens ab und kommt zu dem deutlichen Urteil, „dass die positiven Effekte des Impfens gegenüber den negativen bei Weitem überwiegen.“ Pommer macht deutlich, dass im Gegensatz zur vehementen Impfgegnerschaft aus der Esoterik-Szene, differenzierte Impfkritik nützlich und notwendig zur Verbesserung von Impfstoffen ist.

Der Psychologe Colin Goldner tritt immer wieder als Aktivist für die Rechte von Tieren auf und befasst sich im letzten Kapitel des Sammelbandes ebenfalls mit einem tierischen Thema, der alternativen Tierheilkunde. Er stellt fest, dass Menschen, die bei der eigenen Behandlung zu alternativmedizinischen Verfahren tendieren, dies häufig auch für ihre Haustiere wünschen. Dabei gibt es keinerlei Qualitätskriterien für Tierheilpraktiker. So kann sich jeder Mensch ohne jegliche Ausbildung als Tierheilpraktiker bezeichnen und als solcher praktizieren – von einer zusätzlichen veterinärmedizinischen Grundbildung kann dabei häufig keine Rede sein.

Medizin ist Wissenschaft und Heilhandwerk

An vielen Stellen des Sammelbandes wird darauf hingewiesen, woran unser Gesundheitssystem eigentlich krankt und wie sich der große Zuspruch zu alternativmedizinischen Behandlungsweisen erklären lässt: Den Patienten fehlen in vielen Fällen die menschliche Zuwendung und der vertrauensvolle Umgang – ein Bedürfnis, das die Alternativmedizin offensichtlich besser zu stillen vermag.

Die verschiedenen Beiträge bieten einen umfassenden und äußerst informativen Überblick über wissenschaftliche, rechtliche, historische und gesellschaftliche Aspekte der Alternativmedizin. Dabei bilden alle Kapitel unabhängig voneinander eine geschlossene Einheit. Dies führt zwar an einigen Stellen zu thematischen Dopplungen, jedoch ermöglicht es dem Leser gleichzeitig schnell auf benötigte Informationen zugreifen zu können. Die vielen Verweise auf Bücher und wissenschaftliche Publikationen ermöglichen interessierten Lesern ein vertiefendes Eintauchen in die gesamte Thematik. Als besonders informativ stellen sich die Exkurse in dem Sammelband dar, in denen bspw. wichtige Begrifflichkeiten wie Placebo und Nocebo erklärt oder Argumente von Befürwortern der Alternativmedizin oder der Impfgegnerschaft beleuchtet und beurteilt werden.

Insgesamt ist dieser Sammelband eine umfassende, differenzierte und damit sehr hilfreiche Auseinandersetzung mit dem Thema Alternativmedizin, in der auch ein kritischer Blick auf das Gesundheitssystem und die konventionelle Behandlungspraxis nicht ausgelassen wird.