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Das Mittelmeer – ein Friedhof auch der Menschenrechte

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„Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!“ ist eine Streitschrift des Journalisten Heribert Prantl. Sein Plädoyer gegen den Friedhof Mittelmeer und für mehr Menschlichkeit entlarvt den Umgang der europäischen Politik mit geflüchteten Menschen als beschämend und menschenverachtend.
Mittwoch, 1. Juli 2015
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Europa, der Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts ist abgesichert durch Stacheldrahtzäune, eine Grenzschutzorganisation namens Frontex und nicht zuletzt durch Einwanderungsgesetze, die vor allem den Ländern in Mittel- und Nordeuropa jegliche Flüchtlinge vom Hals halten. Diese Gesetze sind es, die eine legale Einreise für Flüchtlinge im Prinzip unmöglich machen: „Europa schützt seine Grenzen, aber nicht die Flüchtlinge.“

„Absaufen lassen ist billig“

Während sich täglich Tausende Flüchtlinge auf den oft tödlichen Weg über das Mittelmeer machen, um dem Krieg, der Verfolgung und dem Elend in ihrer Heimat zu entgehen, bestraft das moderne Europa jene Mitgliedsstaaten, deren Abwehrsysteme nicht radikal genug sind, um die Flüchtlinge abzuhalten: An ihnen ist es nun, sich um die ankommenden Menschen auf der Flucht zu kümmern.

Der Autor bezeichnet die zugrunde liegende Verordnung als Elend. Das Dublin-Abkommen ist ein „elendes Recht für die Elenden“, welches zu einer brutalen Flüchtlingsabwehr aufruft. Prantl klagt die Europäische Union, den Friedensnobelpreisträger von 2012, an. Während die Staatschefs sich auf dem G7-Gipfel in Elmau gegenseitig umsorgen, ertrinken weiter Menschen im Mittelmeer. Menschen, die noch im letzten Jahr durch das Seenotrettungsprogramm Mare Nostrum gerettet werden konnten. Zu teuer sei jenes Rettungsprogramm, das hunderttausend Flüchtlinge rettete. Es verursacht im Jahr jedoch nur so viele Kosten wie ein G7-Gipfel.

„Europa schafft Fluchtursachen“

Die Frage ist nicht, so Prantl, ob den Europäern die Flucht nach Europa gefällt. Die Frage, die gestellt werden müsste, ist die Frage nach einem menschlichen Umgang mit dieser Flucht, die aktuelle Realität ist.

Prantl räumt zudem mit Vorurteilen auf: Uns in Europa erreicht keine Flut an Flüchtlingen. Ein Bruchteil der über 50 Millionen Menschen, die sich momentan auf der Flucht befinden, erreicht jemals europäischen Boden. Während unter anderem die Handelspolitik Europas Fluchtgründe in Entwicklungsländern schafft, werden die Menschen, die uns aus diesen Ländern erreichen, hierzulande als Wirtschaftsflüchtlinge verspottet. So werden Flüchtlinge häufig wie Einbrecher, wie Eindringlinge in unseren Wohlstand behandelt.

Ein menschlicher Umgang mit Geflüchteten beinhaltet neben einer umfassenden europäischen Schutzkultur auch eine Kooperation der westlichen Staaten zur Bekämpfung von Fluchtursachen und damit einhergehend eine strenge Kontrolle von Waffenexporten sowie einen gerechten Handel.

Prantl erinnert an das Manifest der 60 von 1994, in dem Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen Vorschläge für das politische Gelingen von Flüchtlingspolitik machten. Er zeigt Konzepte für eine zukunftsfähige und nachhaltige Inklusion von Flüchtlingen und eine gelungene Migrationspolitik auf: Hilfe für Schutzsuchende in Transitländern, sichere Wege ins europäische Asyl, Abschaffung des Dublin-Systems und einmalige Wahlmöglichkeit des Asyllandes, eine Eingliederung von Flüchtlingen in die Sozialgesetze, Privatwohnungen statt Massenunterkünfte und eine Verbesserung der Gesamtsituation für geflüchtete Kinder.

Dieses Buch sollte Pflichtlektüre sein

Prantl argumentiert leidenschaftlich, prägnant, informativ und leicht verständlich für eine neue Schutzkultur Europas - für eine Kooperation der europäischen Staaten, die sich momentan darauf beschränkt, die Schutzsuchenden wieder loszuwerden. Er fordert eine neue Flüchtlingspolitik, die die Bevölkerung Deutschlands mit einbezieht und zeichnet das hoffnungsvolle Bild eines Landes, dessen Gesellschaft sich in den letzten 25 Jahren weiterentwickelt hat:

„Aber die Menschen, die Flüchtlinge und Einwanderer willkommen heißen und ihnen die entsprechende Unterstützung zukommen lassen wollen, sind gewiss zahlreicher als die Pegidisten, die sich, vergeblich, ein Deutschland und ein Europa der fünfziger Jahre zurückwünschen.“

Wenn Ihnen das nächste Mal jemand etwas von Wirtschaftsflüchtlingen erzählt oder Sie hören, dass „wir ja nicht jeden aufnehmen“ und uns „die vielen Flüchtlinge gar nicht leisten könnten“, dann verschenken Sie dieses Buch. Es ist ein kurzweiliges Werk, das zum Nachdenken anregt, Vorurteile ausräumt, beim Argumentieren, Urteilen und Handeln hilft. Prantls Plädoyer besticht durch die kurz gehaltene Kombination aus Hintergrundinformationen, Verweisen und Lösungsansätzen.

Danke für diesen messerscharfen und emotionalen Aufruf zu Mitmenschlichkeit, Heribert Prantl.

Image of Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!

Heribert Prantl: Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!. Ullstein Hardcover 2015, Taschenbuch, 32 Seiten