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Weltuntergangsphantasien

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Während sich die christlichen Großkirchen in den vergangenen beiden Jahrhunderten von Weltuntergangsphantasien verabschiedet haben, sind diese in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchen noch weit verbreiteten Vorstellungen bis heute bei Sekten wie den Zeugen Jehovas oder Fiat Lux lebendig.
Donnerstag, 28. Mai 2015
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Peter Dinkelbacher, Professor für Sozial- und Mentalitätsgeschichtean der Universität Wien, gibt nicht nur einen geschichtlichen Abriss der Weltuntergangsvorstellungen in Europa von der Antike bis heute, er untersucht auch die Gründe für deren Auftreten. Während in der antiken Naturphilosophie der Untergang als Neubeginn gesehen wurde, steht bei den christlichen Apokalyptikern – neben der Johannesoffenbarung gibt es weitere apokryphe Apokalypsen – das Endgericht im Vordergrund.

Allerdings waren etliche Theologen skeptisch, wenn das Endgericht zu konkret gezeichnet wurde. So hielt etwa Gregor von Nazianz die Johannesoffenbarung nicht für kanonwürdig. Auch Luther bestritt ihre Kanonizität.

Im 12. Jahrhundert geht Bernhard von Clairvaux kaum auf endzeitliche Vorstellungen ein, während Joachim von Fiores Geschichtstheologie von den Franziskanern so funktionalisiert wurde, dass 1260 als Jahr des Weltuntergangs galt. Der für diese – wie sich herausstellte – Fehldatierung zuständige Franziskaner wanderte dafür lebenslänglich ins Gefängnis. Auch einer Geißlerbewegung gelang es nicht, den Beginn der vorhergesagten dritten Weltperiode wahr werden zu lassen.

Gelegentlich versuchten apokalyptische Bewegungen ein neues Paradies unmittelbar zu erschaffen. So etwa um 1420 die Adamiten, eine hussitische Splittergruppe, die auf einer Insel in völliger sozialer Gleichheit und vermutlich auch in Promiskuität ein Königreich Gottes etablieren wollten. Der hussitische Heeresführer Jan Zizka vernichtete sie.

Ähnlich erging es den Wiedertäufern von Münster, die 1534 ein revolutionäres Stadtregiment errichteten, bis sie von den fürstbischöflichen Truppen geschlagen wurden. Etwa drei Viertel der Stadtbevölkerung kostete das Sozialexperiment das Leben.

Weniger bekannt ist das Gemeinschaftsexperiment der Pietistin Eva von Buttlar um 1700, dem von den Gegnern u.a. „geheiligte Hurerey“ vorgeworfen wurde. 1706 wurde Buttlar vergottet. Zwar verhinderten die Büttel des Bischofs von Paderborn die Errichtung eines irdischen Reiches Gottes, aber im kleineren Maßstab konnte Buttlar in Altona weiter arbeiten.

Seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert verschwindet die Weltuntergangsrhetorik bei den Theologen der Großkirchen. Allerdings lebt sie im Volksglauben noch bis ins 19. Jahrhundert weiter, was Dinkelbacher am Weiterleben einer eschatologischen Ballade im ländlichen Norwegen belegt.

In dieser Zeit verschiebt sich aber ansonsten das Weltuntergangsmotiv in die Literatur, wie etwa Hölderlins Bücher der Zeiten (1787) und Lord Byrons Darkness zeigen. Aus einem religiösen Konzept wird nun ein Vernichtungsszenario, für das der Mensch verantwortlich ist. Doch auch bei den säkularisierten Varianten, wie etwa dem Waldsterben oder der angeblich bevorstehenden Klimakatastrophe, zeigen sich nach Dinkelbacher religiöse Züge.

Auch wenn die letztere Argumentation nicht völlig überzeugt, bleibt doch Dinkelbachers Analyse der Funktion von Weltuntergangsphantasien bemerkenswert. So sieht er neben einer Stärkung der Wir-Gruppe durch Abgrenzung von einer feindlichen Außenwelt das Machtstreben von Führern, die nicht selten eine fast totale Macht über ihre Anhänger erreichen, als wesentliche Gründe. Insgesamt ein anregender Band. Allerdings hätten einzelne Beispiele etwas ausführlicher dargestellt werden sollen.

Image of Weltuntergangsphantasien: und ihre Funktion in der europäischen Geschichte

Peter Dinzelbacher: Weltuntergangsphantasien: und ihre Funktion in der europäischen Geschichte. Alibri 2014, Taschenbuch, 210 Seiten