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Humanismus und Teigtasche

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Monotheistische Männerbünde in Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“.
Dienstag, 26. Mai 2015
Cover

Der neue Roman des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq erzählt einige Monate aus dem Leben von Francois, einem atheistischen Literaturwissenschaftler. Seit dem erfolgreichen Abschluss des Dissertationsverfahrens empfindet der Mitvierziger seine schöne Jugendzeit als beendet. Er hat kein Interesse an einer beruflichen Eingliederung, sein Leben als Hochschullehrer an der Sorbonne ödet ihn an, Lehre findet er schrecklich, zu wider sind ihm Karrierismus und Opportunismus der Kollegen. Er erlebt, wie sich sein ohnehin musterhaftes und unterkühltes Beziehungsleben („es fand Geschlechtsverkehr statt“, S. 15) jetzt völlig dem Ende zuneigt. Familie und Kinder hat er keine, die Eltern seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Auf wichtige Fragen ist er ohne Antworten und ansonsten „politisiert wie ein Handtuch“ (S. 43). Die ihn umgebene Welt, geprägt von Geld, Konsum und Wettbewerb, erlebt er als eine untergehende, das politische System wie ein einziges Kasperle-Theater. Kurzum: Francois weiß nicht, wozu er da ist. Einzig die Bücher, gelegentlich das Essen und der Sex scheinen ihm ein wenig Lebenssinn spenden zu können.   

So haben wir in Unterwerfung zunächst einmal die bei Houellebecq üblichen und nicht von allen geschätzten Ingredienzen: Ein vereinsamter männlicher Protagonist mit überschaubaren emotionalen wie sozialen Kompetenzen und zweifelhaftem Frauenbild, der seine eintönige Existenz und Umwelt desillusioniert bis zynisch betrachtet. Allerdings ist Francois deutlich weicher konstruiert als seine Vorgänger, vielleicht eine Milde des Alters beim Autor. Was den neuen Roman aber auszeichnet, ist die originelle und politisch informierte Ausmalung eines islamisch regierten Frankreichs im Jahre 2022, wodurch Unterwerfung – im Gegensatz zu anderen Nachfolgewerken – nahe an die brillanten Elementarteilchen von 1998 herankommt. Man mag die Wahrscheinlichkeit der entworfenen Fiktion gering einschätzen, absurd sind die meisten ihrer Komponenten nicht. Houellebecq lässt sie literarisch elegant in das Leben seines Protagonisten einfließen.

Demokratischer Islam

In Unterwerfung herrscht nicht die brutale Hand von Kalifat und Scharia, sondern es regiert ein intelligenter, eloquenter, sich geschickt innerhalb der demokratischen Institutionen bewegender islamischer Präsident, der die islamistischen Terroristen als Dummköpfe verachtet. Mohammed Ben Abbes ist demokratisch gewählt, mit Hilfe einer „Republikanischen Front“ der etablierten Parteien Frankreichs (UMP, UDI, PS), deren Wähler ihn in der Stichwahl gegenüber der Kandidatin des Front National bevorzugten. Er regiert in einer Koalition mit diesen Parteien und ist Humanist: Der Islam gilt ihm als „vollendete Form eines alles wiedervereinigenden Humanismus“ mit ehrlichem Respekt für alle drei Buchreligionen (S. 131). Die Ausübung des katholischen Glaubens erfährt (noch?) keinerlei Einschränkungen, denn der wahre Feind der Moslems ist „der Säkularismus, der Laizismus und atheistische Materialismus“ (S. 135).

Seine 2017 gegründete Partei der Bruderschaft der Muslime vertritt eine moderate Israel-Position. Sie hat sich vor allem im vorpolitischen Bereich etabliert – soziale Dienstleistungen, Jugendverbände, Kultur – und ist daher wählbar auch für Nicht-Religiöse. Sie setzt auf die friedliche Evolution durch Demografie und Bildung: Religion gilt ihr als selektiver Fortpflanzungsvorteil (Muslime gebären mehr Kinder) und Kinder sollen durch islamische Werteerziehung kontrolliert werden. Das alles brav „pluralistisch“, am Anfang steht eine friedliche Minderheitsscharia: Ko-Existenz von Polygamie und bürgerlicher Ehe, von muslimischen Schulen und laizistischen Schulen ebenso wie Universitäten; allenfalls seien die republikanischen Schulen für spirituelle Bedürfnisse zu öffnen. 2022 an die Macht gekommen, schafft sie es, die Kriminalität drastisch einzudämmen und die Arbeitslosigkeit zu besiegen (weil immer weniger Frauen arbeiten gehen).

Francois bedauert das Verschwinden der Kleider und Röcke im öffentlichen Leben, die allgemeine Vorherrschaft der Hose bei Frauen; er registriert die deutliche Zunahme verschleierter Studentinnen in der Universität und auf den Straßen; er weiß von der großzügigen  Finanzierung der islamischen Unis durch arabische Ölmonarchien, wodurch diese klare Wettbewerbsvorteile erlangen; er ist frappiert, weil untalentierte Wissenschaftlerkollegen üppig alimentiert Karriere machen und selbst die Unansehnlichsten unter ihnen plötzlich mehrere Ehefrauen haben, alles dank Konversion zum Islam. Da kann man(n) schon mal ins Grübeln kommen.

Männer und Frauen

In einem langen Gespräch mit dem neuen, ebenfalls zum Islam konvertierten Präsident der Sorbonne wird deutlich, dass Francois viel weniger angetan ist von dessen tiefer Religiosität oder seinen Gottesbeweisen, als vielmehr von der guten kulinarischen Versorgung durch die erfahrene 40-jährige Erstfrau sowie dem Auftritt der 15-jährigen Zweitfrau für andere Aspekte des Lebens. Er bekommt das Buch Zehn Fragen zum Islam geschenkt und überspringt flugs die Kapitel über die Geschichte und die religiösen Pflichten des Islams, um sich sogleich demjenigen über Polygamie zu widmen (S. 241). Die Überzeugungskraft von leckeren Teigtaschen und schönen Körpern rangiert bei ihm deutlich über derjenigen von theologischen Säulen.

Der in Unterwerfung eine Art alter ego von Francois darstellende französische Schriftsteller  Joris-Karl Huysmans (1848-1907) konvertierte am Ende seines Lebens zum Katholizismus. Houellebecq erklärte in einem ZDF-Interview, es sei auch seine ursprüngliche Idee gewesen, Francois den gleichen Weg gehen zu lassen. Dann aber erschienen ihm die katholischen Rituale und Auffassungen doch als zu merkwürdig, um eine solche Konversion plausibel zu machen. Sein Protagonist wäre nur enttäuscht gewesen. Wird Francois stattdessen zum Islam konvertieren oder nicht? Auf die Beantwortung dieser Frage läuft das Buch schließlich hinaus. Dabei scheint Houellebecq im letzten Kapitel auch seinen (männlichen?) Leser augenzwinkernd zu fragen, wie er sich denn entscheiden würde.

Als Leser muss man stets vorsichtig sein mit allzu einseitigen Deutungen von Houellebecqs Romanen. In einem Spiegel-Interview (Der Spiegel, 10/2015, S. 126-135) weist er darauf hin, dass er keine Position vertritt, sondern Optionen ausprobieren will. Dem kann man getrost glauben. Aber eine Pointe von Unterwerfung ist sicherlich diese: Die Gefahr für eine offene Gesellschaft geht hier weniger von radikalen Islamisten als von einem drohenden religiösen Bündnis der Monotheisten aus, insbesondere Christentum und Islam. Denn diese stimmen in Vielem überein: Frömmigkeit, traditionelle Moralvorstellungen – insbesondere die Bedeutung von Familie, Bedürfnis nach Ordnung, nationale Gefühle.

Roman und Realität

Sicher, Frankreich ist nicht Deutschland, und vor allem: Ein Roman ist nicht die Wirklichkeit. Dennoch sind die Fragen zu stellen: Würde nicht eine islamisch dominierte monotheistische Front bei vielen Männern Gefallen finden? Eine Konversion primär aus Hedonismus und Bequemlichkeit, und nur sekundär aufgrund metaphysischer Bedürfnisse? Und die Frauen? Was sagen eigentlich die Frauen dazu? In Unterwerfung scheinen sie sich ihrer Rolle zufrieden zu fügen und Houellebecq gibt sich in vielen Szenen gar alle erdenkliche Mühe zu zeigen, dass der Islam ihnen womöglich nicht nur Nachteile bringt. Dem Spiegel-Interviewer sind die realen Frauen der letzte Trumpf, auf dem er verzweifelt gegenüber dem pessimistischen Autor beharrt. Die Emanzipation sei irreversibel, das würden die Frauen nicht mehr mitmachen. Houellebecq: Man weiß nie…

Interessant zu sehen, dass sich in Deutschland im April 2015 das Muslimische Forum Deutschland gegründet hat, ein Zusammenschluss liberaler Muslime und Muslima, als Gegengewicht zu anderen, eher konservativen Islam-Verbänden. Die Initiative ging von der Konrad-Adenauer-Stiftung aus, die einer christlichen Volkspartei und nicht gerade dem Atheismus nahesteht. Ähnlich wie in Houellebecqs Roman der islamische Präsident Ben Abbes nimmt auch dieses Forum in seiner Gründungserklärung für sich das Ziel in Anspruch, „den humanistisch orientierten Muslimen eine Stimme zu verleihen“.

Eigentlich kann die Gründung eines solchen Forums aus humanistischer Sicht nur begrüßt werden. Und dennoch bleibt ein merkwürdiges Gefühl. Sorgt nicht eine von den christlichen Kirchen protegierte Etablierung des Islams für eine allzu einseitige Dominanz des Religiösen im öffentlichen Raum, für eine monotheistische Front - ob nun nur mit Männern oder „gegendert“? Wenn in Deutschland von konfessionsfreier und humanistischer Seite mit guten Gründen die Gleichbehandlung des Islams oder anderer Religionen gegenüber dem Christentum befürwortet wird, so muss das deutlich an die Bedingung einer Gleichbehandlung nicht-religiöser Weltanschauungen geknüpft sein.

Houellebecqs hidden humanism

Wie auch in anderen seiner Romane beschimpft Houellebecq in Unterwerfung den Humanismus. Im Spiegel-Interview verkündet er inbrünstig dessen Tod. Allerdings liegt dem ein spezifisch reduziertes Verständnis von Humanismus zugrunde. Humanismus ist ihm erstens eine erhabene Vorstellung von menschlicher Freiheit und Würde, nach der der Mensch den Thron Gottes besteigt und sein Leben auf das Vortrefflichste meistert. Das wirkliche Leben der Menschen und der wirkliche Zustand der Welt werden dabei nur unzureichend zur Kenntnis genommen. Dies entspricht also einer durchaus existenten, vermessenen und elitären Linie innerhalb des historischen Humanismus. Humanismus ist ihm zweitens eine solche materialistische Weltanschauung, die das Bedürfnis der Menschen nach seelisch-geistiger „Nahrung“ resp. Orientierung verhöhnt und keinen anderen Lebenssinn als den des materiellen Florierens kennt. Auch dies entspricht einer ebenfalls existenten, naturalistisch reduzierten Linie des Humanismus. In beiden Fällen ist es sehr zweifelhaft, ob der Tod solcher Humanismen ein Grund zur Trauer wäre.      

Drittens aber ist Humanismus bei Houellebecq die „Last des eigenen Lebens“ (S. 88), die Last der Freiheit und der Individualität. Im Spiegel-Interview spitzt er sein Problem zu: „Wozu soll es gut sein, autonom sein zu wollen, wenn man das nicht schafft? Mein Diskurs ist nicht ideologisch, sondern realistisch.“ Autonomie wird hier nicht grundsätzlich abgelehnt, aber  ihre Verwirklichung pessimistisch eingeschätzt. Zugleich kritisiert Houellebecq die moderne – liberale und kapitalistische – Gesellschaft, weil sie die Verwirklichung von Autonomie erschwert: Sie bietet zum einen keine wirklichen Sinn- und Orientierungsangebote und zum anderen eine auf Konsum, Rentabilität und Zerstreuung reduzierte Form von Freiheit und Individualität. Vor diesem Hintergrund erscheinen ihm die Religionen desillusioniert als eine in gesellschaftlicher Hinsicht realistische Lösungsoption, in der viele die Möglichkeit der Befreiung vom Lastcharakter des Lebens und der gesellschaftlichen Sinnleere sehen könnten. Die Möglichkeit eines „dritten Weges“ zwischen Religiosität und Sinnlosigkeit sieht er anscheinend nicht.

Dennoch ist Houellebecq kein antihumanistischer, wohl aber ein humanismuskritischer Autor. Einer Kritik des Humanismus liegt oftmals eine humanistische Haltung zu Grunde. Auch bei Houellebecq lassen sich Spuren eines solchen hidden humanism ausmachen: Der alle seine Bücher durchziehende „romantische“ Impuls nach einer Verbesserung des menschlichen Lebens, die verzweifelte Suche nach Glück und Sinn jenseits von Profit und Konsum; eine das Sinnproblem diagnostizierende Gesellschaftskritik bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber den Religionen; und speziell in Unterwerfung die Freiheit der Forschung und der „freie geistige Umgang mit einem Freund“ (S. 11) sowie das Aufscheinen eines einfachen – spießigen? – bürgerlichen Glücks: Essen und Trinken an einem warmen Ofen, gemeinsam mit Freunden und einem Menschen, den man liebt und von dem man geliebt wird (S. 254).

Im ZDF-Interview bezeichnet sich Houellebecq als Agnostiker, als jemand, der ganz und gar nicht davon überzeugt ist, dass es da ein übergeordnetes Prinzip gibt. Er gesteht: „Aber mit jedem nahen Menschen, der stirbt, wird dies eine zunehmend schmerzlichere Haltung.“ Die Frage, wie man diese und andere Schmerzen am besten aushält, ohne sich einer Sache zu verschreiben oder gar zu unterwerfen, an die man doch nicht wirklich glaubt, ist eine genuin humanistische Frage, selbst wenn sie nicht jede Humanistin bzw. jeden Humanisten interessieren sollte. 

Houellebecqs Unterwerfung ist ein großartiges Buch: Unterhaltsam, witzig, tiefsinnig, politisch relevant, doppeldeutig und multi-anstößig. Was will man mehr von einem Roman? Wer allerdings in der Prosa Identifikationsfiguren sucht, weder Francois noch der Autor taugen dazu, oder aber eine klare politische oder weltanschauliche Position, der wird enttäuscht sein.