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Esoterik

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Die Journalisten Tobias Kurfer und Bernd Kramer untersuchen in „Unter Gurus“ und „Erleuchtung gefällig?“ kritisch die deutsche Esoterikszene.
Donnerstag, 19. März 2015
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Von Januar 2012 bis Februar 2014 bewegte sich Tobias Kurfer im „Parallelluniversum“ der Esoterik. Seine Reise beginnt mit dem Yoga-Festival in Berlin 2012, wo er beim Kundalini-Yoga „high“ wurde. Tatsächlich führt die mit dieser Yoga-Variante verbundene Hyperventilation zu Durchblutungsstörungen im Gehirn  und zu einer Untersäuerung des Blutes, was u.a. Benommenheit und Halluzinationen bewirken kann.

Mit einem derartigen kritisch-rationalen Blick nähert sich Kurfer auch anderen esoterischen Phänomenen. So besucht er die angeblich heilige indische Frau Amma die auf ihren Massen-„Hug-Ins“ inzwischen 33 Millionen Menschen umarmt haben soll. Das Berliner Event dient zugleich dem Verkauf von Devotionalien (z.B. Uhren mit ihrem Bild) und Waren ihrer Kosmetiklinie. Rund 20 Millionen US-Dollar nimmt der Amma-Konzern jährlich ein, wobei ihre Mitarbeiter meist ehrenamtlich tätig sind.

Doch auch Wahrsagerinnen kommen auf ihre Kosten, wenn sie geschickt die Aussagen und Körpersignale ihrer Klienten interpretieren und ihre Vorhersagen vage genug bleiben. Ähnliches gilt für Astrologen, die meist Plattitüden von sich geben, die von ihrer von Sorgen und Problemen geschüttelten Kundschaft begierig aufgenommen werden. Wie Leichtgläubigen Geld aus der Tasche gezogen werden kann, zeigt Kurfer am Beispiel von AstroTV.

Der Autor widmet sich auch der Herbeirufung der Geister Verstorbener, wo ein einfühlsames Medium dem Fragenden geschickt die Antworten geben sollte, die der hören will. Bemerkenswert ist Kurfers Interview mit einem Exorzisten, der schildert, wie er etwa Verfluchungen durch Ausräucherung und Schutzzauber angeht.

Wird bei derartigen Praktiken meist zumindest kein direkter Schaden verursacht, können durch sogenannte Karma-Medizin Krankheiten verschlechtert werden. Den Erkrankten wird die Schuld an ihrem Zustand gegeben, was eine Depression auslösen kann. Heilungsrituale wie Segnungen und Handauflegen sind bestenfalls unwirksam.

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Ebenfalls im Selbstversuch nähert sich Bernd Kramer der Esoterik. Doch wagt er sich weiter als Kurfer in das unübersichtliche Gelände. So nimmt Kramer nicht nur wie Kurfer an diversen Veranstaltungen teil, sondern versucht sich auch als Lebensberater bei einem Astroportal und als Anbieter auf einer Esoterikmesse. Zudem bietet Kramers Buch auch historische Hintergrundinformationen etwa zu „Gründerfiguren“ wie Swedenborg und Blavatsky.

Kramer legt seiner „Lebensberatung“ auf einem Astro-Portal einen vagen, vielfältig interpretierbaren Text des amerikanischen Psychologen Bertram R. Forer zugrunde, der Anfragern schmeichelt. Wenn möglich unterfüttert Kramer den Text mit Informationen aus dem Internet, etwa wenn Interessenten ihren vollen Namen nennen.

Ganz ähnlich geht er als Anbieter auf einer Esoterikmesse vor, wo er mit Christbaumschmuck als „Transzendenzzapfen“ und einem Rückenkratzer als „Karma-Kamm“ auftritt. Statt durchschaut zu werden, findet er nach und nach immer größeren Anklang mit seiner angeblich energisierenden Behandlung, bei der der Christbaumschmuck in den Händen gehalten wird. Auch die angebliche Aura-Restrukturierung mit Hilfe des Rückenkratzers und eines angeblichen feinstofflichen Kraftpuders (tatsächlich Steinchen in einem Salzstreuer) kommt gut an.

Kramer Kunden fühlen sich besser, berichten von gesteigerter Energie und  fühlen sich rundum verstanden von ihrem angeblichen Therapeuten. Kramers Unsicherheit bewerten die Kundinnen als Beweis für seine Authentizität. Der Autor zeigt anschaulich, dass auch ohne irgendeine geheimnisvolle Wirksubstanz, ohne irgendeine Ausbildung bei unkritischen Menschen, die sich oft in psychischen Krisen befinden, „heilende Effekte“ ausgelöst werden. In der Esoterikszene ist dieser psychologische Effekt oft noch nicht einmal dem „Heiler“ bewusst. Wie Kramer zudem am Beispiel eines Pendlers und einer Reinkarnationstherapie zeigt, handelt es sich bei Esoterik meist um eine scheinbar erfahrungsgesättigte Privatreligion, die sich relativ einfach psychologisch erklären lässt.

Image of Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch

Bernd Kramer: Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch. Ch. Links Verlag 2013, Taschenbuch, 208 Seiten

Image of Unter Gurus: Ein Trip in die Welt der Esoterik

Tobias Kurfer: Unter Gurus: Ein Trip in die Welt der Esoterik. FISCHER Taschenbuch 2014, Taschenbuch, 192 Seiten