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Scharlatane

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Angeregt durch Ratschläge von Freunden und Bekannten begann sich Eva S. Bernauer während einer Krebserkrankung für Esoterik zu interessieren. Ihr satirischer Roman „Vier Frauen und ein Scharlatan“ ist ebenso wie Rolf Cantzens „Mordskarma“ ein Ergebnis ausgiebiger Recherchen und eigener Erfahrungen.
Montag, 2. März 2015
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Am Chiemsee treffen sich einmal wöchentlich die Anthroposophin Johanna, die Physiotherapeutin Brigitte, die arbeitslose Verkäuferin Dietlinde und Gaia-Anhängerin Irmgard zu einem Schwesterntreffen, bei dem sie aus Heilkugeln Energie schöpfen und die Botschaften ihres Meisters Hartmut Lampe durchgehen. Doch der scheinbar so harmonische esoterische Hauskreis gerät bald in Turbulenzen.

Nach einer Einladung zu einem Fernsehauftritt erwählt Lampe Brigitte zu seiner Geliebten. Die findet heraus, dass sich Lampe selbst nicht an seine Weisungen an seine Schülerinnen hält. Die eifersüchtige Irmgard belauscht ein Gespräch Lampes mit einem Werbespezialisten und ist erschüttert über die zynische Haltung des Meisters, dem es nur um die maximale finanzielle Abschöpfung seiner Anhänger geht. Als dann auch noch eine junge Frau stirbt, der Irmgard zur Misteltherapie gegen ihren Brustkrebs riet, bricht für Irmgard eine Welt zusammen. Doch während Irmgard, Brigitte und Dietlinde ihre Einstellung ändern, bleibt Johanna trotz allem dem Meister treu. Sie nimmt als einzige der früheren Schülerinnen an seiner Beerdigung teil, die wohl von der Gemeinde organisiert wurde, die Lampe für den Anstieg des Tourismus dankbar ist.

Bernauers Roman ist eine witzige Satire, die nicht nur den Irrationalismus der Esoterikszene aufs Korn nimmt, sondern auch den Zynismus von Lokalpolitikern, die daraus Profit schlagen. Ein Thriller ist der Roman allerdings nicht, denn die Aufklärung des Mordes an Meister Lampe am Ende des Romans spielt kaum eine Rolle. Stattdessen werden die psychologischen Nöte und Bedürfnisse der Jüngerinnen unterhaltsam ausgebreitet, auf die der wendige Lampe, wenn es ihm nützt, gerne eingeht.

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Bernauers Vier Frauen und ein Scharlatan überzeugt durch ironische Beschreibungen der Szene, während an Cantzens Mordskarma die unkonventionelle Mordmethoden im esoterischen Stil besonders bemerkenswert sind. Wie Bernauer hat sich Cantzen durch den Besuch von Veranstaltungen, Interviews und Lektüre ausführlich mit der Esoterikszene auseinandergesetzt. Cantzen lernte u.a. Reinkarnationstherapeuten, Engel-Channeler, Schamanen und Germanen-Reenacter kennen, allesamt Vorlagen für seine Charaktere.

Der Ich-Erzähler von Mordskarma beteiligt sich trotz eigener Skepsis am Kauf eines großen ehemaligen Bauernhofs, den eine Gruppe Esoteriker renoviert und in einzelne Wohnungen aufteilt. Zu den Bewohnern gehören u.a. eine Schamanin, ein Waldorflehrer, ein rechtslastiger Germanenfan, eine Heilpraktikerin, die Geschäftsführerin eines Bioladens und eine promovierende Ethnologin. Bereits in einer frühen Phase wird ein ebenfalls interessierter Architekt hinausgedrängt.

Nach einem Angriff eines beteiligten Bademeisters bleibt der Erzähler wegen seiner Lebenspartnerin bei der Gruppe, sinnt aber auf Rache. Nach und nach bringt er unauffällig die überdrehtesten und unangenehmsten Mitglieder um, etwa indem er Herbstzeitlose bei dem ähnlich aussehenden Bärlauch anpflanzt. So stirbt ein Paar nach einer Bärlauch-Brennnessel-Kur wegen der beigemischten giftigen Herbstzeitlosen. Später mischt der Erzähler Fliegenpilzkonzentrat dem in der Schwitzhütte gereichten Trank bei. Einen weiteren Esoteriker lässt der Erzähler im Holzpellet-Silo verschwinden, einen anderen ereilt der Tod im Hühnerstall.

Von Anfang an bekennt sich der Erzähler dem Leser gegenüber zu seinen Morden und kündigt sie zudem frühzeitig an. Da der Mörder seine Taten zudem klug plant, kommt es auch nicht zu ernsthaften Ermittlungen gegen den Täter. Für die fehlende Spannung entschädigen die oft witzigen Szenen um die weltfremden Esoteriker und der makabre Humor des Täters.

Image of Vier Frauen und ein Scharlatan: Satirischer Esothriller

Eva S. Bernauer: Vier Frauen und ein Scharlatan: Satirischer Esothriller. Alibri 2014, Taschenbuch, 230 Seiten

Image of Mordskarma: Krimi

Rolf Cantzen: Mordskarma: Krimi. Verlag Edition AV 2014, Taschenbuch, 189 Seiten