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Mehr Mensch – aber wie?

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Über ein Wutbuch, das den Leser ratlos zurücklässt.
Montag, 23. Februar 2015
Cover

Ulrich Schneider ist der breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine regelmäßigen Auftritte in Talkshows und die jährliche Pressekonferenz zum Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes bekannt. Der Hauptgeschäftsführer dieses Spitzenverbandes der Wohlfahrtspflege – Markenzeichen: breite Kotletten – hat nun eine Kampgange für mehr Werteorientierung in der sozialen Arbeit angestoßen und als Begleitmusik dazu ein Büchlein angefertigt: „Mehr Mensch!“ heißt es, und es wendet sich „gegen die Ökonomisierung des Sozialen“.

Ein nötiges, ein sogar drängendes Thema, zweifellos. Schneider kritisiert mit Recht die schon absurde Züge tragende Aufquantelung von Pflegeleistungen, bei denen jeder Handgriff einzeln be- und abgerechnet wird. Und in der Tat scheint der Mensch hinter dieser mechanistischen Fragmentierung gleichsam zu verschwinden. Der Grund für diesen Missstand liegt für Schneider im Übergreifen ökonomischer Denkweisen auf das Soziale, wodurch dessen Wesen zerstört werde und die eigene Würde und Professionalität von Sozialarbeit ins Hintertreffen gerate.

Stoff gäbe es für ein Buch, das „mehr Mensch“ fordert, mehr als genug. Doch leider hält der Text nicht, was die Prominenz des Autors verspricht. Mit Verve mal so richtig dagegen sein – das kennzeichnet den schmalen Band, der dabei kaum ein gängiges Feindbild für die „neoliberalen“, „neoliberalistischen“, „marktgläubigen“, „ökonomistischen“ Dunkelmänner und -frauen auslässt, die in den vergangen Jahrzehnten in Deutschland Sozialpolitik gemacht haben. Da passt es gut, dass der ehemalige katholische Pfadfinder den Jesuitenpriester und Sozialtheologen Friedhelm Hengsbach als Säulenheiligen wählt – und bizarrer Weise ebenso Die-Renten-sind-sicher-Norbert Blüm, der zwar auch katholisch ist, aber als Kohl’scher Minister doch wohl die ganze Malaise mit zu verantworten hat. Und der, mit Verlaub, angesichts seines real existenten politischen Wirkens keinesfalls als Mahner in der „Kulturkrise des Sozialstaates“ taugt, wie Schneider anscheinend meint.

Wesentliche Fragen blendet Schneider allerdings aus, oder er umkleistert sie mit erschreckend billiger Polemik. Die Herausforderungen aus der schwierigen Demographie, die Bewältigung der (nötigen!) Einwanderung, die Kosten des medizinischen Fortschritts, das Zusammenbrechen des etablierten Rentensystems, die rasant zunehmende Altersarmut – alles drängende Themen, die bei Schneider aber kaum vorkommen. Stattdessen muten weite Strecken des Textes eher an wie der Frustrationsabbau eines in die Jahre gekommenen Spitzenfunktionärs, der seine Vorstellungen nicht durchsetzen konnte.

Da passt es ins Bild, dass Schneider über die ganzen knapp 160 Seiten seines Werks keine einzige erkennbare Antwort auf die Frage gibt, wie es denn nun richtig wäre, wenn so vieles falsch läuft. Offenbar ist das nun doch nicht so einfach. Perspektiven entwickelt Schneider nur im reichlich Allgemeinen: Irgendwie soll es halt mehr Zeit und Zuwendung geben, so wie in den 60ern (sic). Man solle wieder zur pauschalen Bedarfsfinanzierung der Sozialarbeit kommen, den Rest regle dann schon das Berufsethos. So wird wieder „mehr Mensch“ werden und damit alles gut, zumindest wenn dem sozialen Sektor außerdem noch ein paar Dutzend Milliarden obendrauf geschustert werden. Schöne Wunschträume. Das erinnert ein wenig an Horst Schlemmers Wahlslogan „Alles muss mehr“. Klar: Bei einem „sozialen Investitionsbedarf“ von mindestens 50 Milliarden Euro, der nötig sei, „will sich diese Gesellschaft human und sozial zeigen“, würde sich manches von selber richten. Reichtum für alle, das war auch einmal der Wahlslogan der Partei Die Linke. Aber sollte man als einer der einflussreichsten Akteure in der deutschen Sozialpolitik derart naive Rezepte darbringen? Das ist ja selbst fast schon unethisch. Hat der Paritätische wirklich nicht mehr drauf? Mit diesem Niveau der Auseinandersetzung wird wohl eher die Sache derer befördert, die die Wohlfahrt und ihr Gedöns sowieso nicht für voll nehmen. Sozial ist, wenn‘s jemand anderes zahlt – dieser Polemik öffnet Schneiders Buch Tür und Tor. Leider. Das Thema hätte fundiertere, realistischere, konstruktivere, herausforderndere, kurz: bessere Antworten verdient.

Gegen Ende stellt sich Schneider voller Überzeugung als Bedenkenträger, Gutmensch und Sozialromantiker vor. Diesen widmet er zugleich sein Buch. Zu Recht.

Image of Mehr Mensch!: Gegen die Ökonomisierung des Sozialen

Ulrich Schneider: Mehr Mensch!: Gegen die Ökonomisierung des Sozialen. Westend 2014, Taschenbuch, 160 Seiten