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Tätigkeitsbericht eines Sterbehilfevereins

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Der Verein SterbehilfeDeutschland (StHD) hat mit „Der Ausklang“ (Edition 2014) nicht nur einen Tätigkeitsbericht für 2013 vorgelegt, er kommentiert auch die deutsche Sterbehilfedebatte bis Ende April vergangenen Jahres.
Dienstag, 17. Februar 2015
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Am 31. Dezember 2013 hatte die von dem früheren Hamburger Innensenator Roger Kusch gegründete Organisation 456 Mitglieder (2012: 310). Das Durchschnittsalter der Mitglieder betrug 70 Jahre, der Frauenanteil lag bei 61 Prozent. 41 Mitglieder (Durchschnittsalter: 72 Jahre, Frauenanteil: 76 Prozent) starben 2013 durch Suizid, der bei 22 von Angehörigen begleitet wurde. In zwei Fällen erfolgte eine „Suizidbegleitung durch Arzt/Ärztin mittels Injektionsautomat“. In den verbleibenden 17 Fällen erfolgte eine Suizidbegleitung durch StHD-Mitarbeiter. Wie hoch die Zahl der abgelehnten Suizidwünsche war, bleibt unklar. Immerhin traten 2013 zehn Mitglieder aus, da ihr Suizidwunsch abgelehnt worden war.

Bei den jüngeren Suizidenten (zwischen 40 bis 49 Jahre) gab es mehrere schwer Depressive (4 von 5). Viele der älteren Suizidenten litten an Karzinomen/Tumoren, multipler Sklerose und Morbus Parkinson. Für einen medizinischen Laien bleibt in etlichen Fällen unklar, wie weit fortgeschritten die Krankheit war und wie stark die Schmerzen waren. Auch bleibt unklar, inwieweit palliativmedizinische Maßnahmen zu einer Schmerzminderung hätten führen können. Es ist m.E. problematisch, depressiven Menschen bei einem Suizid zu assistieren, da es Zweifel an einer reflektierten eigenverantwortlichen Entscheidung des Betroffenen geben könnte.   

In seiner Entgegnung auf eine Kritik der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) rechtfertigt der Mitherausgeber und medizinische Gutachter der StHD, Dr. Johann Friedrich Spittler, ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, warum er den Suizidwunsch einer Frau akzeptierte, bei der er „Lebensmüdigkeit bei geistiger und körperlicher Gesundheit“ diagnostizierte. Die vereinsamte Frau, deren Mann vor ein paar Jahren verstorben war, sah für sich keine Perspektive mehr.

Auch wenn man das Leid etwa dieser Frau anerkennt und das Recht auf eine autonome Entscheidung zum Suizid bejaht, ist es m.E. doch fragwürdig, ob der betroffenen Frau oder einem Depressiven von einer humanistisch orientierten Organisation eine Suizidassistenz angeboten werden sollte. Daran ändern auch die vielen Widersprüche in der öffentlichen Debatte nichts, die in dem Kapitel „Sterbehilfe als politischer Dauerbrenner“ referiert werden.

Überzeugender erscheint Uwe-Christian Arnolds Position in dessen 2014 veröffentlichten Buch Letzte Hilfe, wo nicht nur weniger polemisch die öffentliche Debatte vorgestellt wird. Zudem verhält sich Arnold vorsichtiger zur Suizidassistenz bei psychisch kranken Menschen. Er kritisiert auch die in Der Ausklang abgedruckte Gebührenordnung der StHd: „In der eigentümlichen Gebührenordnung des Vereins wird der Zeitpunkt der Suizidbegleitung an die Höhe des Mitgliedsbeitrags gekoppelt. Je mehr man zahlt, desto früher kann man eine Suizidassistenz in Anspruch nehmen – eine Regelung, die in dieser Form wohl nur einem ehemaligen CDU-Rechtsaußen wie Kusch einfallen konnte.“ Trotz dieser Kritik ist Der Ausklang lesenswert.

Image of Der Ausklang (Edition 2014): Leitfaden für Selbstbestimmung am Lebensende

Johann Friedrich Spittler, Roger Kusch: Der Ausklang (Edition 2014): Leitfaden für Selbstbestimmung am Lebensende. Books on Demand 2014, Gebundene Ausgabe, 168 Seiten

Image of Letzte Hilfe: Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben

Michael Schmidt-Salomon, Uwe-Christian Arnold: Letzte Hilfe: Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben. Rowohlt Buchverlag 2014, Gebundene Ausgabe, 240 Seiten