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Luther ohne Mythos

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Hubertus Mynarek, der 1972 als Theologieprofessor aus der katholischen Kirche austrat, analysiert kritisch den Reformator Luther.
Donnerstag, 29. Januar 2015
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Beim jungen Luther sieht Mynarek positive Züge, etwa in dessen Kritik an den Fürsten: „Liebe Fürsten und Herren, lernet euch danach zu richten, Gott wills nicht länger haben. Es ist jetzt nicht mehr eine Welt wie vorzeiten, da ihr die Leute wie das Vieh jagtet und triebet. Darum laßt ab von eurem Frevel und eurer Gewalttat“, so der Reformator.

Doch später habe Luther „alles Rebellische, Revolutionäre, Riskante seiner jungen Jahre abgestreift“. Der Reformator wurde zum erbitterten Gegner der aufständischen Bauern und von Thomas Müntzer, für Luther der „Erzteufel, der zu Mühlhausen regiert, und nichts als Raub, Mord, Blutvergießen anrichtet“. Luther legitimiert die Massaker der Fürsten: „[D]ie Obrigkeit hat ein gutes Gewissen und (ge)rechte Sachen und kann mit aller Sicherheit des Herzens zu Gott also sagen: Siehe, mein Gott, du hast mich zum Fürsten oder Herrn eingesetzt, daran ich nicht zweifeln kann, und hast mir das Schwert befohlen über die Übeltäter (Röm. 13,4)“.

Luthers „Staats-Servilismus“ führte zu einem „obrigkeitlich verwalteten Landeskirchentum“. Luthers Ablehnung des Primats des Papstes und seine „Rede vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“ mündeten so nicht in eine demokratische Erneuerung der Kirche.

Mynarek kritisiert auch Luthers Frauenbild, das Frauen auf die Rolle der Hausfrau und Kindergebärerin reduziert. Zudem hielt er sie für anfällig für Hexerei. Während er der Doppelehe des hessischen Landgrafen mit einer 17-jährigen Konkubine zustimmte, verurteilte er Prostitution scharf.

Fatale Auswirkungen hatte Luthers Judenfeindlichkeit: „Darum wisse, o lieber Christ, und zweifle nichts daran, daß du nächst nach dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind hast denn einen rechten Juden, der mit Ernst ein Jude sein will.“ Er fordert nicht nur zur Zerstörung der Synagogen und jüdischen Eigentums auf, sondern zur Vertreibung und Ermordung der Juden. Sowohl Hitler wie Julius Streicher rechtfertigten ihre Verbrechen mit Bezug auf Luther.

Mynarek kritisiert aber auch den „Kern von Luthers Glauben“: „Wir sind wesenhaft Gefallene, ständig Scheiternde, total Verdorbene. Wir können nichts tun, Gott muß alles tun. Er tut es durch das Blut seines Sohnes, der uns zwar nicht reinwäscht, aber immerhin bewirkt, daß Gottvater versöhnt ist und uns unsere Schuld nicht mehr ankreidet. Ein freier Wille, die Entscheidungsfähigkeit zum Guten existiert nicht.“ Dieses pessimistische Menschenbild ist nicht nur antihumanistisch sondern auch antidemokratisch.

Mynarek belegt seine Anklagen mit zahlreichen Zitaten aus den Schriften Luthers. Bei seinen Analysen bezieht er sich auf Ernst Bloch und Herbert Marcuse, aber auch auf Erik H. Eriksons psychoanalytische Studie. Zu kurz kommt der historische Kontext Luthers und der Reformation.

Fritz Erik Hoevels versucht sich daran in seinem Nachwort, das psychoanalytische und marxistische Ansätze zu kombinieren sucht. Für ihn war die Reformation „nichts anderes als die Überführung des Suggestionsapparates (Geistlichkeit, Kultgebäude) aus der feudalen Kontrolle in die bürgerliche Kontrolle“. Der Name Luthers „erhielt dadurch jenen guten Namen, den er sachlich nicht verdient; denn die Schwächung der Religion, welche die unvermeidbare Folge der Schwächung des sie stabilisierenden und standardisierenden Apparates ist, war weder sein Ziel, noch gibt es Anzeichen dafür, daß ihm der Zusammenhang dieser Schwächungen klar gewesen wäre“. Eine recht steile These, die Hoevels nicht überzeugend belegt. Insgesamt: Trotz des etwas fragwürdigen Nachworts ein lesenswerter Band.

Image of Luther ohne Mythos: Das Böse im Reformator (Unerwünschte Bücher zur Kirchengeschichte)

Hubertus Mynarek: Luther ohne Mythos: Das Böse im Reformator (Unerwünschte Bücher zur Kirchengeschichte). AHRIMAN-Verlag 2013, Taschenbuch, 149 Seiten