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Engagiertes Plädoyer gegen die „Verzweckung“ der Kindheit

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Nichts ist antastbarer als die Kindheit: Doch die heutige Kindererziehung orientiert sich laut dem Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor Herbert Renz-Polster weniger daran, was Kinder eigentlich für ihre gute Entwicklung brauchen, sondern vor allem daran, wofür sie einmal gebraucht werden, also ihre Verwertbarkeit für Zwecke der globalisierten Wirtschaft.
Donnerstag, 22. Januar 2015
Cover

„De facto hat unsere Gesellschaft darauf verzichtet, sich über die Ziele von Bildung zu verständigen“, zitiert der österreichische Philosoph Georg Cavallar in einem STANDARD-Artikel vom 28. Dezember 2014 den deutschen Bildungswissenschaftler Volker Ladenthin. Und er bestätigt dessen massive Bedenken angesichts der Tendenz, dass sich die Politik von Institutionen wie der OECD mittels empirischer Studien wie „PISA“ unter der Hand vorgeben lässt, was heute in der Schule vermittelt und was Ziel schulischer (Aus-)Bildung sein soll.

Diese Analyse samt der Kritik an der subtilen „Machtergreifung“ der Wirtschaft auch im Bereich der Bildung steht auch im Kern des neuen Buches von Herbert Renz-Polster, das insofern noch deutlich politischer ist als das Vorgängerbuch Wie Kinder heute wachsen. So ist auch der Titel des Buches Die Kindheit ist unantastbar nicht als Tatsachenfeststellung zu verstehen (er wäre dann sogar unverständlich), sondern als dringlicher Appell oder als paradigmatische Forderung. Denn praktisch von der ersten bis zur letzten Seite des Buches geht es darum, dass und wie Kindheit heute „angetastet“ wird, und zwar dergestalt, dass nicht das Wohl der Kinder und die Bereitstellung möglichst optimaler  Entwicklungsbedingungen im Zentrum der Erziehung und der Pädagogik stehen, sondern das, „für was sie einmal gebraucht werden“, ihre Verwertbarkeit für wirtschaftliche Interessen. Das daraus resultierende pädagogische „Legehennenkonzept“ einer „totalen Pädagogik“, die Kinder nach vorgegebenen, definierten Standards normiert, statt ihrer Individualität Rechnung zu tragen, sollte uns nach Renz-Polster insbesondere im Hinblick auf die Frühpädagogik „Angst machen“ und dringend überdacht werden (160 f.). Und zwar vor allem deshalb, weil Standards „für Waren taugen“, ein Kind aber „Aufgaben und Methoden braucht, die zu ihm passen, zu seiner Individualität“. Eine an wirtschaftlichen Verwertbarkeitsinteressen orientierte Pädagogik ist demzufolge schlicht und einfach nicht kindgerecht, da ein Kind „zum Lernen nicht äußere Anreize [braucht], sondern innere. Es braucht nicht Evaluation, sondern Beziehungen, es braucht nicht Konkurrenz, sondern Rückhalt, es braucht nicht Lob für das Ergebnis, sondern Lob für die Anstrengung, es braucht kein Benchmarking, sondern Begeisterung für das, was da zu lernen ist“ (89).

Das menschliche Sozialisationsdilemma

So plausibel, einleuchtend und sympathisch dieses pädagogische Credo – das man bereits aus Renz-Polsters Vorgängerbüchern kennt – für den wesentlich von Ideen des Humanismus, der Aufklärung und der Reformpädagogik geprägten Rezensenten auch klingt: Die Kritik an diesem Credo liegt natürlich auf der Hand. Etwa in Gestalt der Frage, ob es denn in Erziehungskontexten jemals anders war, überhaupt anders sein konnte oder könnte als sich zumindest auch Gedanken dahingehend machen zu müssen, woraufhin die Erziehung abzielen soll? Schließlich wuchsen und wachsen Kinder niemals isoliert, sondern immer unter und in gegebenen sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf – und sollte nicht, in Anlehnung an Kant gefragt, Erziehung darauf abzielen, dass Kinder sich zu Menschen entwickeln, die innerhalb dieser jeweils gegebenen Rahmenbedingungen ein gutes, erfolgreiches, zufriedenes Leben führen können? Und wenn es nun mal in der „Welt dort draußen um möglichst effektive Konkurrenz geht – warum sollte im Bildungssystem eine andere Mentalität herrschen?“ (201).

Im Hinblick auf diese „älteste Frage“, die Renz-Polster als das „menschliche Sozialisationsdilemma“ definiert und der er ein eigenes Kapitel (Kap. 16) widmet, kommen  weitere kritische Überlegungen hinsichtlich der Wirtschaft als dem großen „Paten der Bildung“ (Kap. 11) zum Tragen: Zum einen geht es nach seiner Wahrnehmung nicht um „die“ Wirtschaft und ihre Interessen, schon weil es „die“ Wirtschaft nicht gibt. Sondern es geht vorrangig um die Belange der „hoch arbeitsteiligen internationalen Konzerne[]“, die an einem Bildungssystem interessiert sind, „das in erster Linie die Spitze abdeckt“, um Kinder also, „die einmal die Hochleistungspositionen in den ‚Zukunftsbranchen‘ übernehmen. Ob das eine oder andere Kind beim Weg zur Spitze stecken bleibt, ist für sie nicht entscheidend“ (133). Insofern kann ein solches Bildungssystem den Forderungen nach Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit in einer demokratischen Gesellschaft nicht entsprechen, ist eher un- oder sogar antidemokratisch und die „No Child Is Left Behind!“-Idee ist eine hohle Phrase für die politische Sonntagspredigt.

Darüber hinaus gibt Renz-Polster zu bedenken, dass gegenüber der bildungspolitischen Unterwerfung unter die „Vorgaben der internationalen Dominanzkultur“ (137) nicht zuletzt deshalb Skepsis angebracht ist, weil das Heilsversprechen eines auf immerwährendes Wachstum ausgelegten Systems nicht nachhaltig sein kann, weder im natürlichen/ökologischen noch in menschlichen Sinn, dass es vielmehr – mittel- und längerfristig gesehen – „selbstzerstörerische Tendenzen zeigt“ (179). Was umgekehrt natürlich die Frage nahe legt, ob ein problem- und zukunftsorientiertes Bildungssystem die Kinder nicht darauf vorbereiten sollte, „ihren Weg in einer Welt zu finden, in der es eben nicht einfach Wohlstand qua Wachstum gibt. […] Einer Welt, in der wir mit weniger auskommen und in der wir uns an einer Selbstdefinition jenseits der Verwertbarkeit im Wirtschaftsprozess versuchen müssen“ (ebd.).

Damit macht Renz-Polster natürlich haargenau das, was er der OECD (resp. der globalisierten Wirtschaft) und der von ihr diktierten Politik zum Vorwurf macht: Er definiert, für was das Wissen, die Fähigkeiten und Kompetenzen der Kinder einmal gebraucht werden (könnten), was normative Vorgaben für das „Woraufhin“ der Erziehung und Bildung impliziert.

Wer könnte Anwalt der Kinder sein?

Aber dieser fundamentalen Dialektik („älteste Frage“) ist sich Renz-Polster ebenso bewusst wie der Tatsache, dass es „eine ideale Erziehung gar nicht geben [kann]“, weil „die Erziehungsziele für ein Menschenkind immer einen Kompromiss zwischen unterschiedlichen Forderungen darstellen“ (208), die Bestimmung dieser Ziele auch stets vom jeweiligen Kinder- und Menschenbild, von grundlegenden Wertüberzeugungen, fraglos auch von Machtverhältnissen und nicht zuletzt von Zukunftserwartungen abhängt.

Insofern liegt es gewissermaßen in der (philosophischen) Natur der Sache, dass am Ende des Buches viele Fragen offen, die gegebenen Antworten diskussionswürdig sind und bleiben. Aber alleine die Tatsache, dass ein renommierter Autor wie Renz-Polster in solch engagierter Form diese Fragen stellt und seine (zutiefst humanistischen) Antworten formuliert, ist im Sinne eines lebendigen philosophischen/pädagogischen Diskurses höchst begrüßenswert – weshalb ich mich dem Statement von Remo Largo auf der Rückseite des Buchcovers anschließen möchte, wonach zu hoffen ist, „dass dieses brisante Buch eine dringend notwendige Diskussion auslösen wird – unter den Bildungspolitikern und Pädagogen, ganz besonders aber bei den Eltern“.

Wobei ich gerade im Hinblick auf die Eltern und die These des Untertitels „Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen“, mit Renz-Polsters Antwort unzufrieden bin: „Weil ich niemand anderen benennen könnte, der in diesem fundamentalen Widerstreit der Interessen mit einem eigenen, ausgleichenden Gewicht auftreten könnte. […] Wer könnte die Rolle eines Anwalts für die Kinder übernehmen, wenn nicht die Eltern?“ (225).  Ohne jetzt in schlechter platonischer Tradition die erzieherische und pädagogische Kompetenz der Eltern grundsätzlich in Frage stellen zu wollen (Renz-Polster kennt und benennt selbst die wesentlichen Vorbehalte), drängt sich am Ende dieses Buches im Hinblick auf die Frage nach dem geeigneten „Anwalt für die Kinder“ (und zugleich geeignetem „Coach“ der Eltern) doch zumindest eine mögliche andere Antwort auf: der Kinderarzt.