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Uwe-Christian Arnold: „Letzte Hilfe“

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Mit seinem jetzt bei Rowohlt erschienenen Buch „Letzte Hilfe - Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben“ leistet der Arzt Uwe-Christian Arnold einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte über das Thema Suizidbeihilfe.
Dienstag, 30. September 2014
Cover

Arnolds Letzte Hilfe beleuchtet wesentliche Argumente für und gegen eine Suizidbeihilfe, unterlegt mit konkreten Erfahrungen. Denn der Autor kennt das Thema aus der Praxis. Er hat „in den letzten 20 Jahren Hunderte von unheilbar kranken und schwer leidenden Menschen in ihrer letzten Stunde begleitet, … den Medikamentenmix für sie zubereitet, war anwesend, als sie ihn zu sich nahmen und wenig später sanft entschliefen“.

In dem Buch stellt Arnold uns aus seinem Erfahrungsschatz Menschen und ihre Schicksale vor. Er erläutert, warum Menschen sterben wollen, wie ihm deren Schicksal zu Herzen ging, er sich dem nicht verschließen konnte, und die Not der Patienten ihn allmählich zu „Dr. Tod“ gemacht hat. Auch juristische Auseinandersetzungen um Fragen der Suizidbegleitung und die Beachtung des Patientenwillens werden anhand von Praxisbeispielen erläutert. Dazu gehört ebenso der Versuch der Berliner Ärztekammer, ihm seine Beihilfetätigkeit standesrechtlich zu verbieten. Den Streit darum vor Gericht gewann Arnold mit einem klaren Sieg für die Gewissensfreiheit des Arztes.

Das Buch, an dem der Philosoph Michael Schmidt-Salomon mitgearbeitet hat, stellt in einem zweiten Abschnitt die Gegner des selbstbestimmten Sterbens in den Brennpunkt. Da geht es zunächst um die Ärzteschaft selbst. Fazit: „Wenn man die verschiedenen medizin-ethischen Argumente,…einer kritischen Prüfung unterzieht, so zeigt sich, dass aus einer patientenorientierten ärztlichen Perspektive sehr viel mehr für als gegen den assistierten Suizid spricht: Denn auf der einen Seite finden wir antiquierte Schwurformeln, fehlerhafte Annahmen und nicht zuletzt auch ökonomische Interessen, die Ärztefunktionäre, Heime, Pharmakonzerne gerne unterschlagen – auf der anderen Seite hingegen eine Haltung, die sich konsequent am Selbstbestimmungsrecht der Patienten orientiert, was für ethisch denkende Ärzte selbstverständlich sein sollte.“

Keine Angst vor „Dammbruch“

Arnold geht auch auf das sogenannte Dammbruch-Argument ein. Dieses unterstellt, Menschen würden unter Druck geraten, sich um Suizidbeihilfe zu bemühen, wenn diese für alle freiverantwortlichen Sterbewilligen als eine quasi „normale“ rechtlich-medizinische Option angeboten würde. Daher wollen die Suizidhilfegegner die Möglichkeiten dazu drastisch einschränken. Das Buch zeigt am Beispiel von Ländern wie der Schweiz und Oregon in USA, in denen ärztliche Suizidhilfe für Todkranke zugelassen ist, dass es für einen Dammbruch zunächst einmal keinerlei Belege gibt. Vielmehr habe sich erwiesen, dass in Ländern mit einer liberalen Suizidhilfepraxis die versteckten Fälle von Suizidbeihilfe und Tötung auf Verlangen zurückgehen. „Nicht die Gewährung, sondern die Verhinderung der ärztlichen Suizidassistenz erhöht die Gefahr, dass Patienten ‚ohne Verlangen’ getötet werden!“ Die steigende Anzahl von Tötungen auf Verlangen in Belgien oder Holland wird unter Dammbruchaspekten nicht gewertet. Es wird darauf verwiesen, dass in diesen Ländern die Palliativangebote weit besser seien als bei uns. „Weil den Menschen die Möglichkeit des selbstbestimmten Sterbens offensteht, können sie sehr viel höhere Ansprüche an die Qualität der ärztlichen Versorgung am Lebensende stellen als die Patienten hierzulande.“ „Wahlfreiheit erhöht die Produkt- und Servicequalität!“ Diese Interpretation von Arnold (und Schmidt-Salomon) wird allerdings weder der gesellschaftlichen Debatte noch den politischen Anstrengungen zur Palliativversorgung in diesen Ländern gerecht. (Borasio et. al. vermuten in ihrem kürzlich erschienen Buch Selbstbestimmung im Sterben – Fürsorge zum Leben, dass „die Verfügbarkeit von ärztlich durchgeführter Tötung auf Verlangen die psychologische Hemmschwelle für die Bitte um Lebensverkürzung erheblich senkt“. Nun, vielleicht sollte man einfach mal nüchtern untersuchen, in welchen Situationen und bei welcher Restlebenserwartung Tötung auf Verlangen gewährt wird.) Zuzustimmen ist der begründeten Ansicht, dass die Aussage von Patienten, „anderen nicht zur Last fallen zu wollen“, ethisch keineswegs verwerflich ist und nicht generell als Zeichen gesellschaftlichen Drucks gewertet werden darf.

Noch immer gegebene Dominanz der Kirchen

Unter der Überschrift „Eine kurze Kulturgeschichte des Suizids“ werden beginnend bei Epikur unterschiedliche Haltungen zum Suizid in der Antike vorgestellt. Inhalt dieser Kulturgeschichte ist auch die Entwicklung innerhalb der christlichen Religion. Die heute noch besonders im Lehrgerüst der Katholischen Kirche stark verankerte Ablehnung der Selbsttötung lässt sich bis zur sokratisch-platonischen Seelenlehre zurückführen. Die lange Zeit herrschenden christlichen Lebensauffassungen und die heute noch starke Stellung der Kirchen im Krankenhausbereich bedingen vielfach die weltanschauliche und berufliche Distanz von Ärzten zum assistierten Suizid.

Der dritte Abschnitt des Buches plädiert für ein „Sterben in Würde“. Dazu wird zunächst einmal belegt - wiederum durch Beispiele schön illustriert - wie befreiend es für Leidende ist, wenn sie auf die Möglichkeit einer Suizidbeihilfe zählen können. Dies gilt insbesondere für Menschen mit schwerwiegenden neurologischen Störungen. Der Mangel an verfügbarer Suizidbeihilfe treibt dagegen viele Menschen in grausame Selbsttötungen. Auch die Praxis des Nationalen Suizidpräventionsprogramms wird als unzulänglich kritisiert. Suizidversuche lassen sich oft dadurch verhindern, dass mit Sterbewilligen offen geredet und die Berechtigung ihres Suizidwunsches nicht von vornherein ausgeschlossen wird. Beihilfe zum Suizid könne auch bei reinem Alterssuizid (die 100-jährige Frau S.) gerechtfertigt sein und dürfe ebenso in Fällen psychischer Erkrankung nicht generell ausgeschlossen werden. „Die Beratungskompetenz ist aber entscheidend für ein menschenwürdiges System von Letzter Hilfe“.

Das Buch ist engagiert geschrieben, ist spannend und gut zu lesen. Es beeindruckt durch seine Beispiele, durch deren Reflektion und durch seine historischen und philosophischen Details, die sicher nicht zuletzt der Mitarbeit von Michael Schmidt-Salomon geschuldet sind.

Verbrieftes Recht auf Suizidbeihilfe?

Kleine Schwächen mag man dort sehen, wo finanziellem Interesse von Pharmaherstellern und Heim- bzw. Klinikbetreibern allzu bedeutender Einfluss auf die öffentliche Debatte und politische Entscheidungen nachgesagt wird. Auch könnte man bei der Lektüre den Eindruck gewinnen, es gebe ein staatlich verbrieftes Recht auf Suizidbeihilfe oder sollte ein solches geben. Die profunde Auseinandersetzung mit dem Thema Suizidbeihilfe wird idealistisch-radikal, wo es um die konkrete Umsetzung des geforderten Rechtes auf Letzte Hilfe geht. Der Arzt habe nicht nur die Pflicht „schwerstleidenden Patienten die Alternativen zum Freitod darzulegen - er sollte sich auch verpflichtet fühlen, auf den Freitod als Alternative hinzuweisen.“ Und wenn der Sterbewunsch eines Patienten ignoriert werde, handele es sich um „unterlassene Hilfeleistung“, wo man sich nicht scheuen soll, die Interessen „auf juristischem Wege einzuklagen“. Wer als Arzt nicht fähig sei, „über seinen weltanschaulichen Schatten zu springen“, der solle eben auf einem Gebiet praktizieren, auf dem sich die Frage der Suizidbegleitung nicht stellt. Das ist dann eben mal Berufsverbot von der anderen (weltanschaulichen) Seite.

Richtig ist sicher, dass Sterbewillige einen moralischen Anspruch darauf haben, dass die Gesellschaft ihren Willen ernst und sich ihrer annimmt. Aber es gibt wohl kein staatlich zu garantierendes Recht auf Beihilfe zur Selbsttötung. Ich kann auch abstrakt von niemandem verlangen, dass er mir hilft, mein Leben zu beenden. Es ist auch unrealistisch, dass Suizidbeihilfe eine einklagbare Kassenleistung wird. Ärzte können im Bereich der Suizidbeihilfe wichtige Aufgaben erfüllen, insbesondere bei der fachgerechten Umsetzung. Aber sind sie bereit und fähig zu allen Anforderungen in diesem Bereich? Ist der eigene Hausarzt oder der Stationsarzt in der Klinik in jedem Fall der richtige Helfer und Suizidkonfliktberater?

Wir werden weiterhin gemeinnützige Organisationen benötigen, die sich der Suizidprophylaxe und der Suizidkonfliktberatung widmen. Und wir werden diese Vorsorge qualitativ und quantitativ in Deutschland ausbauen müssen. Ärzte können und dürfen dabei eine hervorragende Rolle spielen. Wir werden Sorgfaltskriterien benötigen und die Leitlinie muss sein, dass jegliche Hilfe zum Leben vor die Hilfe zum Sterben geht. Dass er diese Leitlinie beherzigt, belegt Arnold in seinem Buch eindrucksvoll. Sein subjektiv geprägtes Handeln kann Anregung sein für andere Ärzte, eignet sich aber in dieser Form nicht als Modell für Deutschland.                                                                         

Das Buch Letzte Hilfe ist allen zu empfehlen, die sich mit Fragen des selbstbestimmten Sterbens und der Suizidbeihilfe auseinandersetzen wollen. Die Lektüre ist auch allen Bundestagsabgeordneten anzuraten, spätestens bevor sie über entsprechende Gesetzentwürfe abstimmen (sollen). Dies gilt auch dann, wenn sie durchaus anderer Meinung als der Autor sind. Dessen Orientierung an der Praxis und dem Willen der Menschen im Land sollte auch Grundlage sonstiger Debattenbeiträge sein.

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