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Pfandsammler

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Montag, 22. September 2014
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Seit der Verordnung zur Pfandpflicht auf Einweggetränkeverpackungen von 2006 sind Geschäfte mit mehr als 200 m² Verkaufsfläche gezwungen, auch bei ihnen nicht gekaufte Flaschen für 25 Cent zurückzunehmen. Seitdem hat die Zahl der Pfandsammler, häufig Obdachlose, stark zugenommen.

Doch dürfte nur ein Teil der Sammler ausschließlich aus finanziellen Gründen sammeln, ergibt die Tätigkeit meist kaum mehr als etwa 100 Euro im Monat. Meist ist es eher ein Versuch, den Tagesablauf zu strukturieren und ein bisschen gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, etwa durch Polizisten, die das Einsammeln der Bierflaschen etwa bei Fußballspielen positiv bewerten, da eingesammelte Flaschen nicht mehr als Wurfgeschossen verwendet werden können.

Für eine geringe Bezahlung müssen die Sammler, fast immer Männer, manche Unannehmlichkeit durch spottende Jugendliche oder Geschäftsführer und Verkäuferinnen, die den Pfandautomaten nicht durch viele Flaschen zurückgebende Sammler blockiert sehen wollen, in Kauf nehmen. Zudem gibt es in den letzten Jahren einen Trend, größere Abfallbehälter unterirdisch aufzustellen, so dass diese von Pfandsammlern nicht mehr geöffnet werden können. Das gesellschaftlich negativ besetzte Wühlen im Abfall ist nicht mehr möglich, zudem verbieten es oft städtische Verordnungen. Hier zeigt sich einmal mehr der allgemeine Trend, die Stadtzentren zu Bezirken zu machen, in den nur noch konsumiert werden soll. In den Augen der Geschäftsinhaber bzw. entsprechender Manager stören dabei die Pfandsammler.

Der heutige Pfandsammler ist zwar oft ein (ehemaliger) Obdachloser, aber auch Beschäftigte sammeln gelegentlich, z.B. um ihr karges Einkommen aufzubessern. Pfandsammler, die sich fast immer allein auf ihren selbst gewählten Routen durch die größeren Städte bewegen bzw. gezielt zu Großveranstaltungen wie Fußballspielen gehen, wirken meist nicht abgerissen. Die meisten bemühen sich um ein sozial akzeptables Äußeres. Erst wenn jemand sie anspricht, wie etwa der Autor auf seinen monatelangen Recherchen, wird ihre soziale Entwurzelung deutlich.

So ist der vereinsamte Pfandsammler ein Symbol einer Gesellschaft, die zunehmend größere Bevölkerungsgruppen marginalisiert. Der Autor hat ein bemerkenswertes Sachbuch verfasst, in dem allerdings methodologische Überlegungen zur Soziologie einen breiten Raum einnehmen. Ausführlichere Biografien einiger Pfandsammler wären interessanter gewesen.

Image of Pfandsammler: Erkundungen einer urbanen Sozialfigur

Sebastian J. Moser: Pfandsammler: Erkundungen einer urbanen Sozialfigur. Hamburger Edition, HIS 2014, Taschenbuch, 270 Seiten