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Lob der Unzulänglichkeit – Zur Aktualität von Albert Camus‘ Humanismus

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Stephanie Reichenbach-Klinke: Albert Camus‘ philosophischer Glaube an den Menschen. Von den Reflexionen über die Todesstrafe zur Kritik am Christentum.
Dienstag, 16. September 2014

Wäre der Begriff des Kanons nicht derart missverständlich, so gehörten die Romane von Albert Camus (1913-1960), allen voran Die Pest und Der erste Mensch, zweifellos in einen humanistischen ebensolchen hinein. Der algerisch-französische Schriftsteller verhandelt dort auf zugleich lehrreiche und berührende Weise die für eine ernstgenommene menschliche Lebenspraxis relevanten ethischen Fragen. Es ist schlichtweg brillant, wie ihm dies in einer allgemein verständlichen Sprache und an ein breites Publikum gerichteten Form gelingt, philosophischen Tiefgang und Unterhaltsamkeit souverän ausbalancierend.

Für diejenigen, die das menschliche Leben lieben, bleibt der Tod bei aller Unvermeidbarkeit und „Normalität“ ein Skandal. Anders als der Schlaf, dessen Bruder er eben nicht ist, verunmöglicht uns der Tod für immer das Lieben und Lachen, das Miteinander-reden, das Wollen und das Tun. Für immer: Wer sich diese Zeitlichkeit in ihrer ganzen Drastik auszumalen vermag, dem nützt Epikurs Ratschlag gar nichts, er ist ihm eine Ethik für Tote.

Für Camus war die Todesstrafe im doppelten Sinne ein Lebensthema, als konkrete Rechtspraxis und als menschliche Lebensbedingung. Dies ist der Ausgangspunkt von Stephanie Reichenbach-Klinkes Buch „Albert Camus philosophischer Glaube an den Menschen“, einer überarbeiteten Fassung ihrer 2012 an der Hochschule für Philosophie in München eingereichten Dissertationsschrift. Der Alber-Verlag hat sie in seiner Reihe Thesen veröffentlicht, die ein Forum bietet für gesellschaftlich engagierte Philosophie. Die als Wissenschaftslektorin und Journalistin arbeitende Autorin analysiert darin einen bisher weniger beachteten Text von Camus – Betrachtungen zur Todesstrafe (Originaltitel: Réflexions sur la guillotine) und verbindet ihn anregend und klug mit dessen Gesamtphilosophie, in deren Zentrum ein Bild vom Menschen als des zum Sterben Bestimmten steht: Todesstrafe lebenslänglich.

Am Anfang steht ihr Hinweis auf Camus‘ „unmissverständliches Bekenntnis zu einem philosophischen Glauben an den Menschen“ (15). Womit sofort eine interessante Frage aufgeworfen ist: Was genau ist eigentlich ein philosophischer Glaube? Er ist per definitionem weder nur ein Glaube noch ein religiöser Glaube; und er ist auch nicht einfach eine Philosophie vom Menschen oder eine Anthropologie. Ich komme darauf zurück.

Cover

Der Hauptteil des vorliegenden Bandes gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten geht es um die philosophische Einordnung und Darstellung von Camus‘ Gesamtwerk. Oftmals ist - durchaus auch von berufener Seite - angezweifelt worden, ob es sich bei Camus überhaupt um Philosophie handelt, und nicht eher „nur“ um Journalismus und Feuilleton oder Prosa und Dichtung. Reichenbach-Klinke zeigt dagegen, dass Camus in einem ganz bestimmten Sinne Philosophie betreibt: Eben nicht als theoretische Wissenschaft, sondern praktische Themen aufgreifend, handlungsorientierend und vernunftkritisch. Daher auch die „Romanform“: Camus schreibt bewusst nicht für eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern sondern will ein breites Publikum erreichen. Die Autorin kennt Camus‘ Werk ganz ausgezeichnet und versorgt den Leser und die Leserin immer wieder mit prägnanten Zitaten. Camus: „‚Was mich interessiert ist, wie man sich verhalten soll. Und genauer, wie man sich verhalten kann, wenn man weder an Gott noch an die Vernunft glaubt.‘“ (28) Nicht an die Vernunft zu glauben, das aber bedeutet bei Camus nicht, dass die Vernunft uns keine Erkenntnisse bringen könnte, es bedeutet, dass er der Vernunft bei der Bewältigung des praktischen Miteinanders der Menschen keine herausragende Stellung zutraut. Camus: „‚Wir führen ein schwer zu lebendes Lebens. Es gelingt nicht immer, sein Tun mit der eigenen Anschauung der Dinge in Einklang zu bringen.“‘ (28) Und noch einmal: „‚Tatsächlich habe ich das wenige, was ich über Moral weiß, auf Fußballplätzen und Theaterbühnen gelernt, die meine wahren Universitäten bleiben werden.“‘ (30)

Sehr lesenswert sind in diesem Abschnitt die Untersuchungen der Autorin zum Verhältnis  Camus und römischer Stoa resp. Existenzialismus sowie einer gewissen Nähe zu Nietzsche, gefolgt von einer gelungenen Darstellung des Gesamtwerkes entlang der vier Begriffe Absurdität, Revolte, Solidarität und Liebe. Hier können Leser und Leserin nachlesen, warum die Absurdität weder ein Nihilismus oder Quietismus noch ein Solipsismus ist, sondern eine Wertschätzung nicht nur des eigenen Lebens (das eigene Sinnverlangen und die Leidenschaft dafür, das Leben zu retten), sondern auch des Lebens des Anderen und mit Anderen (der Andere als Gleicher, als ebenso dem Leid der Absurdität ausgesetzt). Camus: „Ich empöre mich, also sind wir.“ (105) Die Absurdität stiftet eine Leidenschaft für das Leben und eine Solidarität mit Anderen, gerade weil sich im Menschen alles gegen sie sträubt.

Deutlich wird eine Aufnahme der hybrisferneren Linie des abendländischen Humanismus bei Camus, abweichend von z.B. einem Pico oder auch dem Existenzialismus. Der Glaube an den Menschen ist bei Camus nicht der Glaube an ein heroisches Können des Menschen. Der Mensch ist ihm ein begrenztes Wesen, er verfügt nicht über ein gottgleiches Schöpfertum, wenn auch über Gestaltungsspielräume, ratsam ist ein Prinzip des Maßes, das nicht zuletzt auch ein „Maß“ gegen den Totalitarismus ist: Keine absolute Aufhebung des absurden Zwiespalts; keine geschichtliche Verwirklichung absoluter Gerechtigkeit; keine absolute Naturbeherrschung. Der Gedanke des Maßes resultiert bei Camus aus der Solidarität, denn der Andere ist nicht nur Mitleidender sondern zugleich schon die moralische Grenze meiner Bestrebungen.

An diesen Stellen zeigt die Autorin implizit, was mit dem eingangs zitierten philosophischen Glauben gemeint sein könnte: „Menschlichkeit“ ist bei Camus das handlungsorientierende Prinzip, er sieht es analog resp. alternativ zu religiösen Glaubensprinzipien. Der gegen die Absurdität Revoltierende „‚demonstriert hartnäckig, dass es in ihm etwas gibt, das ‚die Mühe lohnt‘, das beachtet zu werden verlangt“‘ (118). Dass dieses „etwas“ bei Camus letztlich trotz aller Beschreibungsversuche begrifflich unterbestimmt bleibt, dass er es sogar ganz bewusst nicht mit allzu viel Inhalt füllt, wird von Reichenbach-Klinke nicht bemängelt, sondern verstanden und geschätzt.

Im zweiten Abschnitt des Hauptteils geht es dann um Camus‘ 1957 – drei Jahre vor seinem Tod – veröffentlichten Essay Réflexions sur la guillotine. Dabei widmet sich die Autorin vor allem der philosophischen Analyse des Essays, die mehr als die Hälfte ihres gesamten Buches ausmacht. Man erfährt einiges über Camus‘ biografische Hintergründe seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit der Todesstrafe. Die wissenschaftliche Rezeption dieses Grundmotivs und seiner Wandlungen im Gesamtwerk werden referiert. Die Autorin zeichnet Camus‘ engagierte Auseinandersetzung mit den drei traditionellen Argumenten der Todestrafen-Befürwortern nach: Notwendigkeit eines abschreckenden Beispiels, Rache und Vergeltung, Recht einer Gesellschaft auf Schutz vor gefährlichen Verbrechern.

Sie identifiziert vier unterschiedliche Perspektiven, aus denen Camus den Menschen in den Blick nimmt, vier Aspekte seines Menschenbildes: Der Mensch in seiner Körperlichkeit, der Mensch in der Welt, der Mensch in seiner Innerlichkeit, der Mensch im Kontext seiner Weltanschauung. Hervorzuheben ist insbesondere, dass Reichenbach-Klinke ihre Analyse des Essays mit anderen Werken Camus‘, insbesondere den Romanen und Erzählungen verbindet. So entsteht nicht nur ein sehr kohärentes und aufschlussreiches Bild vom Gesamtwerk, sondern auch eine große Lust, diese Prosawerke zu lesen.

Der Camussche Blick auf den Körper, so arbeitet die Autorin sorgfältig heraus, betont dessen Gleichwertigkeit gegenüber dem Geist, hebt neben seiner Schönheit und seinen Reizen insbesondere seine Fragilität hervor und begründet einen Respekt für die Körperlichkeit, den die Todesstrafe gerade missachtet.

Dass der Mensch in der Welt lebt, bedeutet für Camus vor allem auch, dass er in einer Gesellschaft und zumeist in einem Rechtssystem lebt: Diese müssen ihm, insofern er ein fehlbares und empfindsames Wesen ist, gerecht werden. Zur Wahrung der Menschwürde gehöre es daher auch, Straffällige nicht zu töten.

Anhand der dritten Perspektive akzentuiert Reichenbach-Klinke mit Camus die enorme Komplexität menschlicher Innerlichkeit. Daher funktioniere die Todesstrafe nur sehr eingeschränkt als Abschreckung, andere Antriebe können stärker sein und außerdem gibt es auch Todes- und Destruktionssehnsüchte. Eine wirksamere Vorbeugung sei die Entwicklung einer Kultur der Mitempfindsamkeit.

Der Grundtenor aller Perspektiven lautet in Camus‘ eigenen Worten: „Die Todesstrafe zerstört die einzige unbestreitbare Solidarität der Menschen, die gemeinsame Front gegen den Tod (…).“ (106)

Ausführlicher soll hier auf die vierte Perspektive, den Abschnitt Der Mensch im Kontext seiner Weltanschauung eingegangen werden. Schon der Untertitel des Buches „Von den Reflexionen über die Todesstrafe zur Kritik am Christentum“ verweist auf die weltanschauliche Dimension in Camus‘ Denken. Die Autorin widmet sich Camus‘ Beziehung zum Christentum, insbesondere seinen zwei Thesen, dass die Todesstrafe erstens nur durch ein außermenschliches Prinzip zu rechtfertigen und zweitens immer eine religiöse Strafe gewesen sei. Schade ist, dass die Autorin dabei nicht auch einen kurzen Überblick über aktuelle religiöse Positionen zur Todesstrafe gibt.

Für den Agnostiker Camus, nicht auf ein Jenseits hoffend, sondern die Körperlichkeit des diesseitigen Lebens schätzend, war es der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, der es dem Christentum und den von ihm geprägten Gesellschaften erlaubt habe, die Todesstrafe zu rechtfertigen. Das Christentum könne noch die Todesstrafe als eine Etappe auf dem Weg zum Heil interpretieren, der endgültige Urteilsspruch folge ja erst noch. Schon an seinem Anfang stehe eine positiv verklärte, zur Heilsgeschichte aufgeladene Todesstrafe. Eine solche christliche Weltanschauung gerät aber auch noch viel grundsätzlicher in Opposition zu Camus‘ Philosophie. Denn sie begründet den stets auf den Religionen lastenden Verdacht, wer im Vertrauen auf eine Rettung durch Gott lebe, der nehme die irdische Rettung des Menschen weniger ernst und achte den Anderen womöglich nicht um seiner selbst willen, sondern aus Achtung vor Gott. Entscheidend ist im Essay aber vor allem auch der Gedanke von Camus, dass eine religiös motivierte Rechtfertigung der Todesstrafe in säkularen Gesellschaften unverständlich und widersprüchlich ist.

Es ist Reichenbach-Klinkes Verdienst, dass sie zweierlei vermeidet: Zum einen die häufig versuchte, theologisch interessierte Eingemeindung Camus‘ ins Christentum und zum anderen seine absolute Entgegensetzung. Sie führt sorgsam aus, für welche Aspekte des Christentums Camus Sympathien hegt und für welche nicht, in welcher Hinsicht der Mensch (wohlgemerkt: nicht der Gottessohn) Jesus Christus eine positive Referenzfigur für den Humanisten Camus sein kann und wie der Gedanke begründet ist, dass der christliche Glaube an eine Gnade Gottes die Christen unempfindlicher mache gegenüber diesseitigen Leiden. Was den Humanisten Camus mit dem Christentum verbindet, ist nicht der Glaube an Gott und sind schon gar nicht dogmatische und kirchenpolitische Auswüchse, sondern die Beunruhigung durch Sinnfragen und durch die Negativitäten der conditio humana, durch das Böse und den Tod.

Reichenbach-Klinke zeigt sehr schön, wie sich Camus‘ kritischer Blick auf das Christentum in seiner frühen Auseinandersetzung mit der Gnadenlehre von Augustinus herausbildet. Dabei versieht sie seine Kritik aber von Anfang an mit den Indexen „einseitig“ und „anachronistisch“. Camus betrachte das Christentum sehr reduziert, andere und neuere theologische Entwicklungen nehme er nicht mit auf. Als ein Beispiel für solche Entwicklungen zu Zeiten Camus‘ nennt sie den katholischen Theologen Karl Rahner (1904-1984) und führt am Ende ihres Buches in dessen Theorie vom impliziten resp. anonymen Christen ein.

Nach Meinung des Rezensenten aber wird Camus‘ Sorge, dass der Glaube an eine jenseitige Gerechtigkeit zu einer diesseitigen Passivität führen könne, die er insbesondere im Verhalten der Kirchen und ihrer Mitglieder im 2. Weltkrieg erblickte, keineswegs durch Rahners Gnadenbegriff ausgeräumt. Auch scheint Rahners pluralistischer Inklusivismus zu wenig beizutragen für die von Camus angemahnte bessere Wertschätzung der Nicht-Christen durch Christen. Denn bei Rahner werden Nicht-Christen entweder als implizite Christen eingemeindet und tendenziell als Unwissende betrachtet, weil sie den wahren Gott noch nicht erkannt haben, oder aber sie werden als von ihrem menschlichen Wesen Entfremdete betrachtet, weil sie gar nicht an Gott glauben.

Bei aller differenzierten Betrachtung von Camus’ Kritik am Christentum durch die Autorin stellte sich dem Rezensenten am Ende die Frage, ob die Grundintention des vorgelegten Buches nicht auch in einer Apologetik des Christentums besteht. Dieser Eindruck ergibt sich vor allem durch ihren etwas sehr bemüht wirkenden Versuch, Camus‘ Thesen mit Rahners Theologie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wohlwollend könnte man die Bemühungen der Autorin aber auch anders deuten, nämlich als den Versuch einer Bekräftigung, dass ein Dialog von Humanismus und Christentum möglich und sinnvoll ist.

Insgesamt betrachtet ist das vorliegende Buch äußerst lehrreich und humanistisch inspiriert. In einer gut verständlichen Sprache erfahren Leser und Leserin sehr viel über das Denken von Albert Camus. Dessen Themen und Thesen berühren deutlich aktuelle Forschungen und Überlegungen zu einem zeitgenössischen Humanismus-Verständnis: Philosophischer Glaube, Mitmenschlichkeit, Schwäche des Menschen, Beziehung zur Religion, Darstellungsformen. Die Autorin hat das letzte Wort: „Der Mensch, so lässt sich abschließend konstatieren, kann und muss durch seine Unzulänglichkeit etwas beim Gegenüber bewegen: Es handelt sich dabei um das Mitempfinden, wie Camus es philosophisch einfordert. In seiner Sterblichkeit, seiner Zerbrechlichkeit, seiner Mangelhaftigkeit und nicht zuletzt aufgrund eines ihn zum Lebewesen machenden, von Camus nur angedeuteten Geheimnisses wird der Mensch, ein schwacher Held, Impuls allen moralischen Handelns.“ (310)