Direkt zum Inhalt

Neuausgabe eines Klassikers der modernen Christentumskritik

DruckversionEinem Freund senden
Erstmals erschien 1968 mit „Das Elend des Christentums“ ein kritisches Werk eines promovierten Theologen, der durch sein Studium zum Atheisten geworden war. Joachim Kahls Klassiker der modernen Christentumskritik liegt jetzt in einer Neuausgabe für eine neue Lesergeneration vor.
Samstag, 19. Juli 2014
Cover

Fragt man nach den bedeutsamsten christentums- und kirchenkritischen Bücher der Nachkriegszeit, so dürfte man direkt nach Karlheinz Deschners „Abermals krähte der Hahn“ Joachim Kahls „Das Elend des Christentums“ nennen. Mit diesem Titel – und dem wichtigen Untertitel – „Plädoyer für eine Humanität ohne Gott“ – erschien 1968 im Rowohlt-Taschenbuchverlag eine Schrift, die bis Anfang der 1980er Jahre eine Auflage von 120.000 Exemplaren erreichte. Übersetzungen erschienen in englischer, holländischer, japanischer und italienischer Sprache. Ein Grund für diesen Erfolg dürfte mit der persönliche Hintergrund des Autors gewesen sein: Kahl hatte eine Promotion in protestantischer Theologie erfolgreich abgeschlossen und war danach aus der Kirche ausgetreten. Sein „Pamphlet“ - er sprach selbst von einer „polemischen Absicht“ - sollte diesen Schritt nachträglich und öffentlich begründen. 1993 erschien eine Neuausgabe ebenfalls im Rowohlt-Verlag, 2014 fand „Das Elend des Christentums“ im Tectum-Verlag einen neuen Publikationsort.

Er wirbt auf dem Buchcover mit der Aufschrift „Ein Klassiker der Religionskritik in neuer Auflage“. In der Tat handelt es sich um einen modernen Klassiker in diesem Bereich. Kahl hat den Text lediglich um ein aktuelles Vorwort und die „Umrahmungen“ aus der vorherigen Neuausgabe ergänzt. Im Haupttext problematisierte er zunächst, dass Schwierigkeiten zu verbindlichen Aussagen über das Christentum bestünden, denn: „Die Christen wissen selber nicht, was christlich ist.“ Dann widmete Kahl sich der „Realbilanz der Kirchengeschichte“ bezogen auf – so lauten die Kapitelüberschriften - „Die Kirche als Sklavenhalterin“, „Die blutige Verfolgung der Heiden“, „Die blutige Verfolgung der Juden“, „Die blutige Verfolgung der Christen untereinander“ und „Die Verteufelung der Sexualität und die Diffamierung der Frauen“. Das Besondere in diesen Ausführungen besteht darin, dass Kahl mit Hinweisen auf Textpassagen aus dem Neuen Testament einen Kontext von theologischen Grundlagen und menschenverachtender Praxis deutlich machen konnte.

Dem folgend ging es um die „Unerkennbarkeit des historischen Jesus“, liegen doch in der Tat über sein Wirken keine aussagekräftigen nicht-theologischen Quellen vor. Ausführlich thematisierte Kahl danach das „Chaos im Dogma“ anhand der Theologiegeschichte vom Neuen Testament bis in die seinerzeitige Gegenwart. In dem „Programm der Entmythologisierung“ zeitgenössischer progressiver Theologen erblickte er nur einen romantischen „Versuch einer Ehrenrettung des christlichen Glaubens“ Und schließlich plädierte Kahl für eine „postchristliche Perspektive“ für die Religionsfreiheit mit seinen Forderungen nach konsequenter Trennung von Staat und Kirchen, Universität und Kirchen und Schule und Kirchen. In einem danach erneut abgedruckten Nachwort von 1993 hatte der Autor auch „Leitmotive eines atheistischen Humanismus“ formuliert. Er richte sich gegen jede Form von „Bekehrungseifer“, „Erwählungsbewusstsein“ und „Fanatismus“ und vermeide „anthropozentrische“, „eurozentrische“ und „logozentrische“ Sackgassen im Denken.

Dem Tectum-Verlag kommt das Verdienst zu, einen echten Klassiker der modernen Christentumskritik erneut zugänglich gemacht zu haben. Die Lektüre eines 1968 erstmals erschienenen Textes macht an vielen Stellen die bleibende Aktualität seinerzeitiger Forderungen und Kritik deutlich. Insofern sind auch dieser dritten Ausgabe viele neue Leser zu wünschen. Bedauerlich ist, dass in der Neuausgabe nur ein neues Vorwort für 2014 enthalten ist. Man müsste nicht unbedingt den ursprünglichen Buchtext auf den aktuellen Stand der Forschung bringen, wobei sich viele seinerzeitigen Einschätzungen bestätigt haben. Indessen wäre dazu schon ein ausführlicheres neues Nachwort wünschenswert gewesen, frei nach dem Motto „46 Jahre nach dem Ersterscheinen“ als Bilanz für eine gegenwärtige Kommentierung des seinerzeitigen Werkes. Im neuen Vorwort macht Kahl dazu interessante Bemerkungen wie etwa die, wonach er immer eine „humanistische Alternative“ im Kopf gehabt habe und nicht zum „Religionshass“ übergegangen sei.

Image of Das Elend des Christentums: oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott

Joachim Kahl: Das Elend des Christentums: oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott. Tectum Wissenschaftsverlag 2014, Taschenbuch, 216 Seiten