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Hoffnung Mensch

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Michael Schmidt-Salomon hat ein enorm kenntnis- und lehrreiches Buch über Evolution und Menschheitsgeschichte geschrieben. Die von ihm vertretene, stark reduzierte Form von Humanismus – der evolutionäre Humanismus – ist geeignet, in die notwendige Entwicklung einer zeitgenössischen Theorie und Praxis von Humanismus mit einzufließen.
Freitag, 13. Juni 2014
Cover

Im ersten von drei Teilen seines Buches distanziert sich der Autor, freischaffender Philosoph und Schriftsteller sowie Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, wohltuend von jeglichem einseitig heroischen Menschenbild. Anstelle eines „blauäugigen Humanismus“ (54), der die negativen Potenzen des Menschen und seine tragische Lebenssituation nicht zur Kenntnis nimmt, thematisiert Schmidt-Salomon die existenziellen Erfahrungen des Absurden, die Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten der Welt sowie die Abwesenheit einer höheren Gerechtigkeit nach dem Tod. Entgegen früherer Veröffentlichungen verzichtet er erfreulicherweise auf seinen herablassenden Tonfall gegenüber den Religionen, die nun vielmehr „tragische Rettungsversuche“ sind, deren humaner Kern anerkannt werden sollte (37f).

Die Geschichte des Humanismus – Antike, Renaissance, Aufklärung, Neuhumanismus, marxistischer Humanismus, Dritter Humanismus – fasst Schmidt-Salomon sodann auf neun Seiten zusammen. Mehr Raum erhalten dagegen Ausführungen über die menschliche Nähe zum Schimpansen sowie der evolutionäre Humanismus Julian Huxleys. Dabei erstaunt doch sehr, dass dessen starke Einheitsideologie (86), in der fast ausschließlich von „Menschheit“ und nur höchst selten von Individuen die Rede ist, einen humanistisch gesonnenen Autor wie Schmidt-Salomon nicht abschreckt, sondern ihn sogar motiviert, selbst in seinem Buch so durchgängig wie unkritisch das totalisierende Kollektivsubjekt „Wir“ zu verwenden.

Schmidt-Salomon entfaltet zu Recht einige Vorzüge des evolutionären Humanismus: das Zusammendenken von Natur und Kultur; die evolutionäre Verankerung menschlicher Kooperation; der Anspruch empirischer Wissenschaftlichkeit; das Ansinnen, die Gräben zwischen den verschiedenen Kulturen mittels einer globalen Leitkultur zu überwinden; der Glaube an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen.

Schade aber, dass er auf kritisches Weiterfragen verzichtet: Ist Evolution wirklich reduzierbar auf zweckrationale Prinzipien der Auslese? Sind womöglich auch schon in der Phylogenese andere Prinzipien mit im Spiel? Hat sich z. B. menschliche Kooperation schlichtweg als evolutionärer Vorteil entwickelt oder auch als ein er lebter Genuss von Gemeinschaft und Zuneigung zum anderen? Kann man wirklich noch so unbedarft von einem (sic!) und vom eigenen Blick auf die Realität sprechen (89)? Sind empirische Belege schlichtweg die nackte Wahrheit oder nicht doch auch kulturell fabriziert? Kann ein wissenschaftliches Ideensystem wirklich globale Konflikte lösen? Müssten nicht die kulturellen und individuellen Differenzen der Menschen viel mehr Beachtung finden und auch viel stärker bejaht werden? Und: Kann der Glaube an die Entwicklungsfähigkeit der Menschen, so richtig er ja ist, wirklich Hoffnung und Trost spenden angesichts der vorab skizzierten tragischen Lebenssituation der Menschen?

Der zweite und Hauptteil des Buches besteht zur Hälfte aus einer Schilderung der Fortschritte in der menschlichen Wissenschafts- und Technologieentwicklung. Wer dazu einen – im besten Sinne – populärwissenschaftlichen, sehr gut lesbaren und verständlichen Abriss wünscht, wird hier vom Autor gut bedient. Nur gelegentlich stört auf diesen, mit geradezu bildungsbürgerlichem Gestus verfassten Seiten die etwas monotone Stilistik der Aneinanderreihung, insbesondere dieses und auch noch jenes naturwissenschaftlichen Nobelpreisträgers.

An der Behandlung des Emergenzproblems wird nach Ansicht des Rezensenten besonders deutlich, warum der evolutionäre Humanismus nur eine stark ergänzungsbedürftige Schwundform von Humanismus ist. Zunächst anerkennt Schmidt-Salomon die Unhaltbarkeit eines reduktiven Physikalismus: „Zwar gibt es emergente Phänomene (etwa Bewusstsein oder Kultur) niemals außerhalb des physikalisch Möglichen, aber sie sind eben doch mehr als bloße Physik.“ (150) Sodann aber folgt keine qualitative Analyse dieses „Mehr“, keine Bezugnahme auf individuelle Erlebniswelten, keine Berücksichtigung biografischer und kultureller Kontexte, sondern schlichtweg die Rückführung der Qualia auf die vor 13,7 Milliarden Jahren begonnene universelle Evolution. Das, was den Einzelnen ausmache, sei „nicht allein bestimmt durch die Bewegung der Atome“, sondern auch das „Ergebnis unzähliger Selektionsprozesse, die im Verlauf der kosmischen, intergalaktischen, chemischen, biomolekularen, biologischen und kulturellen Evolution stattgefunden haben.“ Damit lässt sich – so der Autor – auch erklären, warum der Leser jetzt sein Buch in der Hand halte und nicht eines von Dieter Bohlen. (156)

Wozu aber braucht man eine solche Erklärung? Humanismus impliziert sicherlich eine viel konkretere Bezugnahme auf individuelle und spezifische kulturelle Lebenswelten – anders erklären – und ist auch viel mehr als nur eine Welterklärung Sinngebung statt Erklärung. Ihm geht es – angesichts dieses Beispiels – nur wenig darum, zu erklären, aus welchen allgemein-evolutionären Gründen Menschen Bücher lesen, sondern mehr darum, aus welchen besonderen Gründen Einzelne nun gerade dieses und kein anderes Buch lesen, und noch mehr darum, wie Einzelne Texte erleben, interpretieren, bedenken und für sich nutzen. Es geht vornehmlich um Verstehen und Sinngebung und nicht um kausale Herleitungen. Humanistischer Sinn ist nicht reduzierbar auf kausalen, evolutionären Sinn.

Entsprechend ist auch der Abschnitt zur Ästhetik, obgleich zwar betitelt mit Das sinnliche Tier oder Der Sinn des Schönen, nicht wirklich eine Beschreibung der menschlichen Sinnlichkeit oder der mit der Kunst einhergehenden Aufregungen und Vergnügungen. Leser und Leserin bekommen stattdessen eine evolutionäre Erklärung zu ihrer Genese und zu ihrer praktischen Nützlichkeit angeboten (Darwins Survival of the Sexiest, 188). Wer evolutionsbiologisch interessiert ist, wird hier genauso fündig wie der musikgeschichtlich Interessierte in den kenntnisreichen letzten Passagen dieses Abschnitts, von den Knochenflöten unserer Urahnen bis zum Hip-Hop. Humanismus aber muss sicherlich mehr sein als nur die Konfrontation des christlichen Sparringpartners mit einer alternativen Erklärung des Schönen (185f).

Die den zweiten Teil des Buches beschließenden Ausführungen zur Ethik sind sehr gut anschlussfähig für die Entwicklung eines zeitgemäßen Humanismus in Theorie und Praxis. Konsequent führt Schmidt-Salomon dort menschliche Empathie und Rücksichtnahme auf „starke Selektionsvorteile“ (226) zurück. Er differenziert zwischen einem auf die jeweilige Eigengruppe beschränkten, evolutionär gegebenen empathischen Horizont und einer kulturellen, universalistische Erweiterung dieses moralischen Dualismus auf alle Menschen. Spannend sind seine Anmerkungen in Hinblick auf eine zukünftige Überwindung des Speziesismus: Werden irgendwann auch bestimmte Tiere den Status „Fremdgruppe“ verlieren?

Wenngleich so manchem Leser und mancher Leserin die dargelegte Fortschrittsgeschichte menschlicher Empathie ein wenig zu optimistisch oder gar euphemistisch erscheinen mag, so bieten sich dennoch Ansätze zur Fortentwicklung einer humanistischen Ethik. Es ist natürlich sinnvoll, wenn Empathie und Solidarität in evolutionärer Perspektive ein praktischer Nutzen attestiert werden kann. Doch sollte man das nicht als eine Begründung für Empathie und Solidarität missverstehen, denn sonst wären diese in allen Fällen unangemessen, in denen Beteiligte keinen praktischen Nutzen haben oder zu erkennen vermögen. Auch müsste in humanistischer Perspektive die mögliche Freude an Beziehung und Gemeinschaft in den Mittelpunkt gerückt werden, zu der es unter Umständen auch gehören kann, angesichts des Anderen von bloßen Nützlichkeitserwägungen abzurücken.

Im abschließenden dritten Teil schließlich behandelt der Autor auf 20 Seiten sämtliche aktuellen Problemfelder der Menschheit (z. B. ökologische Zerstörung, ökonomische Fehlentwicklung, kriegerische Auseinandersetzungen, Armut und soziale Ungleichheit u.a.m.), nicht ohne auf 22 weiteren Seiten gleich auch Ideen für Wege aus der Krise mitzuliefern (eine rationale Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Entwicklung intelligenterer Technologien, die Entwicklung einer transkulturellen, humanistischen Perspektive.) Der Autor vertritt die Ansicht, dass wir auf einem guten Weg seien, die „Probleme der Menschheit in den Griff zu bekommen“, notwendig sei dafür die Entwicklung „brennender Geduld“ (303), ratsam die Orientierung am evolutionären Humanismus (313).

Der Autor meint es sicherlich gut und man wird ihm nicht vorwerfen können, dass er die Dinge allzu sehr verkompliziere. Ob es sich um zulässige Vereinfachungen handelt, die auch ihren guten Sinn haben, mögen Leser und Leserin selbst entscheiden. Fatal wäre es nur, wenn hier unter humanistischem Banner der Eindruck einer allumfassenden Welterlösungsrezeptur entstünde.

Am letzten Kapitel ist zum einen besonders hervorhebenswert, dass der Autor einen differenzierteren Blick auf die Religionen und auf Säkularisierungsprozesse gewonnen hat. Er schreibt über die Nähe von mystischen Traditionen (Einheitserfahrungen), evolutionärem Humanismus (Einheitsdeutung der Welt) und Hirnforschung (Einheitsdeutung des Bewusstseins). Ob allerdings das Verschwinden des Selbst und das Aufgehen im Anatta bzw. im Reich der Atome und Neuronen wirklich von vielen Menschen derart begrüßt wird und existenzielle Ängste zu mildern vermag, darf bezweifelt werden. Liegt hier nicht ein grundsätzliches Verkennen der Bedeutung vor, die die Einzelnen ihrer je individuellen Existenz beimessen, und eine Weigerung, diese Perspektive wirklich ernst zu nehmen (und ihnen stattdessen schlichtweg eine „Bronzezeit im Kopf“ zu diagnostizieren, 313)?

Zum anderen nimmt Schmidt-Salomon am Ende dankenswerterweise eine Herausforderung an, vor der jeder ernst zu nehmende Humanismus heute stehen dürfte: Sinn- und Deutungsangebote benennen zu können für die Bewohner/innen einer Welt, die nicht frei ist von Absurditäten, Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten. Wenn der Autor auch an dieser Stelle wieder hinter den zu Beginn vollzogenen Abschied vom heroischen Humanismus zurückzufallen scheint, indem er die „tragische Lebenssituation“ des Menschen relativiert, so formuliert er doch einen erfrischend einfachen Sinn des menschlichen Lebens: Dazu beizutragen, „die Freude auf dem Erdball zu mehren und das Leid zu mindern“ (327). So sehr dieses Prinzip weiter zu entfalten und zu differenzieren wäre, so ist es doch genauso überzeugend humanistisch wie das persönliche Glaubensbekenntnis des Autors am Ende seines insgesamt interessanten Buches.

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Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch: Eine bessere Welt ist möglich. Piper 2014, Gebundene Ausgabe, 368 Seiten