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Von der „Euthanasie“ zum Holocaust: Experten der Vernichtung

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Mittwoch, 14. Mai 2014
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Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht allgemein als Symbol für den systematischen Völkermord an den Juden. Dabei wird oft übersehen, dass im Rahmen der „Aktion Reinhardt” in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka zwischen 1942 und 1943 mehr als eineinhalb Millionen Juden ermordet wurden; die Zahl der Opfer dort also noch höher war als in Auschwitz.

Doch noch etwas macht diese Lager interessant: Die meisten der etwa 120 Männer, die im Rahmen der „Aktion Reinhardt” dort eingesetzt waren, hatten zuvor im Rahmen der sogenannten Euthanasie, der Ermordung von Behinderten, Erfahrungen mit der massenhaften Tötung von Menschen gemacht. Hitler hatte im Sommer 1939 seine Kanzlei mit der Durchführung dieser Mordaktion betraut. Deren Zentrale befand sich in der Berliner Tiergartenstraße 4, so dass das Kürzel T4 für diese Aktion entstand.

Foto: Bundesarchiv

SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik (r.) unterstanden die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Zu seinem Stab zählten T4-„Experten“ wie Christian Wirth. Foto: Bundesarchiv

In ihrem Buch Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka beschreibt Sara Berger die Geschichte dieser bisher eher vernachlässigten Vernichtungslager. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stehen die Täter. Im August 1941 stoppte Hitler die „Euthanasie-Aktion“ als Reaktion auf sich mehrende Proteste, vor allem aus dem kirchlichen Bereich. Nur wenig später begannen Überlegungen, den mittlerweile begonnenen Massenmord an den Juden effektiver zu gestalten. Da lag es nahe, auf die Erfahrungen jener Männer zurückzugreifen, die bereits im Rahmen der „Euthanasie“ 70.000 Menschen in Gaskammern ermordet hatten. Zunächst lautete ihr Auftrag, die jüdische Bevölkerung des Distrikts Lublin zu ermorden. Mit ihren einschlägigen Erfahrungen und großem Eifer gelang es ihnen, in den drei Lagern effiziente Tötungsstrukturen aufzubauen. Dazu bei trug auch die Tatsache, dass sie weitgehend autonom von der ausufernden SS-Bürokratie agieren konnten, da sie weiterhin der Kanzlei des Führers unterstanden. Zunächst als Mordzentrum für die lokale jüdische Bevölkerung geplant, führte die große Effektivität dieser Mordmaschinerie dazu, dass schon bald Transporte mit Opfern aus ganz Europa dort eintrafen.

Christian Wirth.

Christian Wirth.

Der Blick auf das Geschehen in den Lagern offenbart Erschreckendes. Im Rahmen der „Euthanasie“ waren relativ wenige Männer direkt an den Morden beteiligt gewesen. Die neue Aufgabenstellung erforderte es, dass sich viel mehr Männer direkt an der „Tötungsarbeit“ beteiligten. Aus heutiger Sicht erschreckend ist, wie umstandslos sich Männer, die bisher als Fahrer, Pförtner, Büroangestellte etc. bei T4 gearbeitet hatten und zum Teil dienstverpflichtet worden waren, sich nun in den mörderischen Apparat einfügten.

Alle zur „Aktion Reinhardt“ beorderten Personen hätten die Möglichkeit gehabt, sich aus den Lagern versetzen zu lassen, nur ganz wenige machten davon Gebrauch. Für die Täter stellte sich der alltägliche Massenmord als mehr oder weniger normale und geregelte Arbeit dar. Es fand eine weitreichende Dehumanisierung statt.

Um das zumindest ansatzweise zu erklären, untersucht Sara Berger die Herkunft und die ideologische Prägung der Männer. Sie fragt nach Handlungsspielräumen und untersucht die Bedeutung von Faktoren wie Gruppendruck und Bereitschaft zur Unterordnung.

Bei den Tätern handelte sich überwiegend um Mitglieder von NS-Organisationen, die überdurchschnittlich mit der NS-Ideologie politisch sozialisiert worden waren. Entsprechend spielte eine antisemitische Motivation für sie eine große Rolle. Die meisten von ihnen kamen aus unteren sozialen Schichten, dem Proletariat und dem Kleinbürgertum. Sie waren mit prekären Arbeitsverhältnissen und Arbeitslosigkeit vertraut. Nun verfügten sie über Macht und Einfluss und kosteten das weidlich aus. Für ihre Funktion im Lager erhielten sie SS-Ränge und Uniformen, ohne dass sie Mitglieder der SS waren. Viele nutzten ihre Position zu materieller Bereicherung und zur Ausübung von brutalster Gewalt.

Karl Frenzel. Foto: Yad Vashem Photo Archive / 3678 / FA34 245/71

Karl Frenzel. Foto: Yad Vashem Photo Archive / 3678 / FA34 245/71

In den Lagern entstand eine Kultur der Gewalt, die weit über das zum Funktionieren im Sinne der Täter notwendige Maß hinausreichte. Die grenzenlose Macht über die ihnen ausgelieferten Menschen führte zu grausigen Taten. Sie waren Herren über Leben und Tod und einige, wie der Aufseher Karl Frenzel, zelebrierten das geradezu. Als ein völlig entkräfteter „Arbeitsjude“ Frenzel bat, ihn zu erschießen, lehnte er das ab und sorgte dafür, dieser durch gute Behandlung und gutes Essen wieder zu Kräften kam. Danach fragte er ihn, ob er immer noch den Wunsch hätte zu sterben. Auf die erwartete Antwort, dass er sich nunmehr freue, am Leben zu sein, sagte Frenzel: „Nun willst du leben, aber jetzt musst du sterben“, und er erschoss den Mann.

Dass die Lager bereits Ende des Jahres 1943 aufgelöst wurden, hing u.a. damit zusammen, dass in den Lagern Treblinka und Sobibor Häftlingsaufstände gegeben hatte und die Lager teilweise zerstört waren.

Wie bei den meisten NS-Verbrechen war die juristische Aufarbeitung dieser Geschehnisse dem Ausmaß der begangenen Verbrechen nicht angemessen. Unverständlich bleibt auch, warum sich die Bundesregierung anders als in Auschwitz nicht an der Finanzierung der dortigen Gedenkstätten beteiligt.