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Kann man einen Papst verklagen?

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Das Buch des Juristen Geoffrey Robertson hält, was der provokative Titel verspricht, urteilt Peter Kriesel zum 2011 auf Deutsch veröffentlichen Buch „Angeklagt: Der Papst. Die Verantwortlichkeit des Vatikans für Menschenrechtsverletzungen.“ Herausgegeben wird die deutsche Ausgabe von einem Verlag der neureligiösen Gruppierung „Universelles Leben“.
Dienstag, 6. Mai 2014
Cover

Der Autor der im Oktober 2010 erstmals im Verlag Penguin Books veröffentlichten Publikation The Case of the Pope: Vatican Accountability for Human Rights Abuse ist Gründer einer der größten Kanzleien für Menschenrechte in Großbritannien und wurde von den Vereinten Nationen zum Mitglied des Internal Justice Council ernannt.

Geoffrey Robertson, britischer Kronanwalt (QC, Queens Counsel), war u.a. für Menschenrechtsorganisationen in straf- und völkerrechtlichen Fällen tätig.

Eingangs des Buches wird das Ausmaß der Missbrauchsfälle dargestellt, sowie die Rolle des kanonischen Rechts der katholischen Kirche mit seinem Beichtgeheimnis und des „päpstlichen Geheimnisses“ bei der Behinderung der Strafverfolgung von sexuellem Missbrauch durch Priester.

Robertson spricht hier von einem „Parallelrecht“ und „parallelen Geheimjustizsystem“ (S. 61). Ein kurzer historischer Rückblick auf die Verleihung der Staatseigenschaft für die katholische Kirche durch den Lateranvertrag zwischen Benito Mussolini und dem Vatikan leitet über zu den zahlreichen juristischen Hürden, die einer Anklage des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. und vormaligen Leiters der Glaubenskongregation, dem weltweit alle Missbrauchsfälle zu melden waren, entgegen stehen.

Dabei werden alle Hindernisse gegen und Möglichkeiten für eine Anklage nacheinander gründlich analysiert und abgewogen. In eigenen Kapiteln geht es um die privilegierte Sonderrolle des Vatikans bei den Vereinten Nationen im Verhältnis zu Nichtregierungsorganisationen und anderen Religionen, die Kinderrechtskonvention, welche der Papst Johannes-Paul II. ratifiziert hat und auch Verpflichtungen einschließt, die Frage, ob diese Missbrauchsfälle sogar als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (Kapitel 9) zu werten sind und deshalb sowohl den Schutz der staatlichen Immunität vor Strafverfolgung für Staatsmänner aufhebt als auch die Möglichkeit der Verjährung, die bisher viele Täter vor der Bestrafung geschützt hat.  

Abschließend bietet das Buch im Anhang vier juristische Dokumente: Ein aufschlussreiches Kreuzverhör mit einem „Bischof im Zeugenstand“, das belegt, wie er und sein vorgesetzter Kardinal bei der Bearbeitung eines Missbrauchsfalles nicht an die Kinder und weitere potenzielle Opfer denken, sondern allein an den Schutz der Interessen der Organisation Kirche. Unter den anderen  kirchenrechtlich verbindlichen Texten befinden sich auch Auszüge aus dem Schreiben „Crimen“ von Kardinal Ratzinger von 2001, in dem er verantwortlich dafür zeichnet, dass alle Missbrauchsfälle der Kongregation für Glaubensfragen zu melden und unter Androhung schwerster Kirchenstrafen geheim zu halten sind. Im Kapitel 10 beantwortet der Autor mit Bezug auf Gerichtsverfahren in den USA  abschließend die Frage „Kann man den Papst verklagen?“ durchaus offen bis positiv.

Die bemerkenswerte Publikation des Juristen Roberts dokumentiert Sexualverbrechen von Priestern an Kindern, die schon keine Medienpräsenz mehr haben, aber aus dem Gedächtnis der Menschen nicht gelöscht werden dürfen. Gleichzeitig bestätigen der gegenwärtige Umgang des deutschen Staates mit diesen Straftaten und die Geheimnistuerei und Strafvereitelung der Katholischen Kirche die Überzeugung, dass lediglich bei einer strikten Trennung von Kirche und Staat und nur bei  Vorrang des staatlichen Rechts vor jeglichen religiösen Rechtsansprüchen viel Leid von Kindern verhindert und den Opfern durch Verurteilung der Täter und Vertuscher ihre Würde wiedergegeben werden kann.

Image of Angeklagt: Der Papst: Die Verantwortlichkeit des Vatikans für Menschenrechtsverletzungen

Geoffrey Robertson QC: Angeklagt: Der Papst: Die Verantwortlichkeit des Vatikans für Menschenrechtsverletzungen. Gabriele-Verlag Das Wort 2011, Taschenbuch, 400 Seiten