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Die geschönte Reformation

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Zwar lautet der Untertitel von Bernd Rebes „Die geschönte Reformation: Warum Martin Luther uns kein Vorbild mehr sein kann“, aber um Luther geht es nur im zweiten Teil des Büchleins.
Montag, 7. April 2014
Cover

Der emeritierte Juraprofessor legt eine neue Einleitung mit den beiden Aufsätzen „Was dürfen wir glauben“ und „Luther als Reformator katholischen Glaubens“ vor, die in komprimierter Form im Merkur erschienen. Darin zeigt er Luther als dem Mittelalter verhafteten Menschen mit psychopathischen Zügen. Am problematischsten ist Luthers ausgeprägter Antijudaismus, der an seinem Lebensende v.a. in der Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) zu einer Verfolgung der Juden aufforderte: „dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke […],  dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre, […] weg mit ihnen.“ (S. 75).

Die Nazis bezogen sich später gerne auf diese Schrift. Nach 1945 nahmen die Bekenntnisse der Evangelischen Kirche in Deutschland zwar eine Mitschuld am Nationalsozialismus auf sich, doch erst die EKD-Denkschrift Nr. 144 von 2000 „Christen und Juden III. Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum“ kritisiert auch die Haltung Luthers: „[D]ie Schrift ‚Von den Juden und ihren Lügen‘ […] ist ein erschreckendes Beispiel tief verwurzelter Judenfeindschaft. In ihr zeigt sich, dass Luther, nicht anders als seine Zeitgenossen, die Verweigerung des Glaubens an Christus durch die Juden auf böswillige Verblendung und den Einfluss teuflischer Mächte zurückführte.“ (S. 82) Doch selbst in dieser Denkschrift findet Rebe entschuldigende Hinweise. So teilten etwa Humanisten wie Erasmus von Rotterdam schon zur Zeit Luthers nicht dessen Antijudaismus. Luther platzierte die Juden als Feinde der Christen direkt nach dem Teufel, der für ihn – wie Hexen und Dämonen – sehr real war. Auch hier fällt er hinter die Humanisten seiner Zeit zurück.

Luthers  Glaube an die Unausweichlichkeit der Sünde und seine damit zusammenhängende Verurteilung der „fleischlichen Begierden“ als unrein (S. 69) passt genau so wenig in eine aufgeklärte Weltsicht wie sein „Glaubenskonzept der Gottesparadoxie“ (S. 70). Nach Luther verbirgt Gott „seine Güte und Barmherzigkeit unter seinem ewigen Zorn, seine Gerechtigkeit unter der Untat. Denn das ist die höchste Stufe des Glaubens, dass man glaubt, der sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt.“ (S. 70) Glaube wird so nach Luther zum „Auffangen der Gottesabsurdität“ (S. 70).

Widmet sich der zweite Teil von Rebes Buch Luther, setzt sich der erste mit der heutigen krisenhaften Situation der drei monotheistischen Religionen Islam, Judentum und Christentum auseinander. Rebe sieht zum einen einen Bedeutungszuwachs der Religionen, der etwa im großen politischen Einfluss der Evangelikalen in den USA oder im fundamentalistischen Islam deutlich wird. Zum anderen gibt es aber auch einen Bedeutungsverlust, sichtbar etwa in den Kirchenaustritten. Als Gründe für die gegenwärtige Umbruchskrise sieht Rebe etwa materielle Wohlstandsorientierungen anstelle von Glaubensüberzeugungen, eine kritische Haltung gegenüber den Basisannahmen von Religionen wie etwa die Gottessohnschaft Jesu und die Folgen der wissenschaftlichen Aufklärung, etwa bei der historischen Erforschung zur Entstehung und Entwicklung des Christentums.

Nur knapp skizziert Rebe am Schluss seines Buches seine Alternative, eine „philosophische Umbildung der Religion“, die an das „Glaubenswagnis der Goethezeit“  (S. 85)  anknüpft. Gemeint ist damit ein Pantheismus, der sich u.a. auf die Aufklärung, besonders Kant, bezieht, offen für Erkenntnisse der Naturwissenschaft ist und „jede Religion und jede der Humanität verpflichtete philosophische und nichtphilosophische Weltanschauung [als] gleichwertig und gleichberechtigt“ (S. 96) achtet.