Direkt zum Inhalt

Strategien für Aufklärer

Druckversion
Montag, 24. März 2014
Cover

Cover

„Wie man Starrköpfe überzeugt“, unter diesem Titel fasste der Journalist Sebastian Herrmann 2012 in der Süddeutschen Zeitung das „Debunking Handbook“ von John Cook und Stephan Lewandowsky zusammen. Nun hat er den Artikel zu einem Buch ausgearbeitet. Herrmann greift darin gängige Argumentationsmuster von Esoterikern, Verschwörungstheoretikern und anderen Unbelehrbaren auf und versucht zu zeigen, warum auch die absurdesten Thesen Anhänger finden.

Auch wenn ihm dies nicht durchgehend gelingt, schafft er es gleichwohl, den Leser für die häufigsten Irrtümer und Fehlschlüsse zu sensibilisieren. Weshalb beispielsweise ließ sich eine HIV-positive Amerikanerin trotz vielfacher Warnungen von einem Vitaminguru dazu überreden, alle Medikamente zur Unterdrückung des Virus abzusetzen, warum gebar sie Kinder, die sie wie sich selbst in den Tod schickte? Und wieso findet Andrew Wakefields längst widerlegte These vom Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Autismus bei Kindern (siehe Skeptiker 3/2013, S. 107 – 113) noch immer Anhänger? Herrmann sucht Antworten auf Fragen wie diese. Und er empfiehlt argumentative Strategien gegen festgefahrene Meinungen.

Argument-Overkill

Zum Einstieg erklärt Herrmann die Mechanismen der Entscheidungsfindung. Sein Tenor: Wir sind keineswegs die rationalen Wesen, für die wir uns halten. Der bloße Zugang zu den Fakten reicht leider nicht aus, um unsere irrigen Auffassungen zu korrigieren. Es kommt auch darauf an, wie sie präsentiert werden. So wirkt sich ein Übermaß an Information eher negativ auf die Aufklärung aus. Wenn wir uns mit einer Vielzahl von Gegenargumenten auseinandersetzen müssen, kann dies falsche Überzeugung sogar zementieren, da die Verarbeitung von Gegenargumenten geistigen Aufwand erfordert. Eine Auswahl von wenigen Argumenten ist also wirkungsvoller als die vollständige Liste.

Und immer spielen unsere Emotionen, das „gute Gefühl“, eine größere Rolle, als wir denken: ob wir ein Handy kaufen oder Medizin einnehmen. Schon das Attribut „sanft“ kann die Entscheidung für oder gegen ein Medikament beeinflussen. Zur Verdeutlichung zieht der Autor den Ritt auf einem Elefanten heran. Das Tier steht für die unbewussten Handlungen: Es geht aus emotionalem Antrieb fast von selbst in eine Richtung, gleichwohl glaubt der Reiter, dass er die Richtung bestimmt. Unnötigerweise zitiert Herrmann hier nicht nur den Urheber dieser Allegorie (den Moralpsychologen Jonathan Haidt), sondern auch den Psychologen Daniel Kahneman, der darauf in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ (siehe Skeptiker 1/2013, S. 36f.) Bezug nimmt.

Denkfallen

Weltuntergang: Gläubige einer apokalyptischen Sekte versammeln sich, um gemeinsam dem angekündigten Ende entgegenzusehen. Und dann – Überraschung: Das Ende der Welt bleibt aus. Lösen sich die Gläubigen deswegen von ihrer Führergestalt, von ihrer Ideologie? Weit gefehlt, schließlich – das schildert Herrmann sehr schön – ist nichts so stabil wie das Selbstbild der Menschen. Anstatt sich einen Irrtum einzugestehen, neigt der Mensch angesichts widersprechender Fakten zur Verfestigung seiner irrationalen Vorstellungen.

Um eine kognitive Dissonanz, d. h., den Widerspruch zweier gleichzeitig verfolgter Ideen, zu vermeiden, ziehen wir Scheinargumente als Rechtfertigung für unser Tun heran. Natürlich ist Rauchen ungesund, aber der Großvater wurde auch neunzig, und der hat jeden Tag geraucht. Und die Sektenjünger verschieben eben den Weltuntergang auf ein anderes Datum. Je peinlicher der Irrtum, desto aufwändiger unsere Rechtfertigungsversuche. Das ist allemal angenehmer als einen Fehler einzugestehen. Herrmann beschreibt dazu eine Versuchsreihe mit amerikanischen Studenten (S. 38f).

Aus einem ähnlichen Grund hängen wir besonders stark an Dingen, für die wir viel Zeit aufgebracht haben. Ein unter Mühen selbst aufgebautes Regal beispielsweise betrachten wir dem Wirtschaftswissenschaftler Michael Norton zufolge mit wesentlich größerem Wohlwollen als ein fertig geliefertes, weshalb diese Beobachtung auch als „IKEA-Effekt“ bekannt ist. Für Skeptiker ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Überzeugte Anhänger von paranormalen Vorstellungen haben viel Zeit und Energie in ihr Selbstbild investiert. Es aufzugeben, würde für sie einen Gesichtsverlust bedeuten. Deshalb ist platte Kritik an ihren Vorstellungen kontraproduktiv, da es nur zu deren Verfestigung führt. Dies kann gefährlich werden, wie Herrmann zeigt.

Gegen Bestätigungsfehler, auch Confirmation Bias genannt, ist niemand immun. Besonders treffen sie jedoch denjenigen, der die eigenen Ansichten mittels wissenschaftlicher Untersuchungen verifizieren will. Die vorhandenen Informationen werden zu den eigenen Gunsten interpretiert, „Menschen sehen, wonach sie suchen“ (S. 49). Gegen die Widerlegung unserer Grundüberzeugungen bilden wir automatisch einen inneren Widerstand, den Disconfirmation Bias. Herrmann findet dafür ein schönes Beispiel: „Aus den Reihen jener, die die Realität der globalen Erwärmung in Frage stellen, wird oft darauf hingewiesen, dass sämtliche Klimamodelle unbrauchbar seien. Schließlich existierten keine zuverlässigen Temperaturmessungen aus den Zeiten vor der Erfindung des Thermometers“ (S. 57). Oder man entzieht sich mit Ausweichbehauptungen der Diskussion – etwa, dass die Wissenschaft nicht geeignet sei, eine bestimmte Methode oder Therapie zu bewerten. Falls Sie dies für absurd halten, schlagen Sie mal unter dem Stichwort „Binnenkonsens“ die Regelung für die Zulassung bestimmter „alternativmedizinischer“ Verfahren im Sozialgesetzbuch nach!

Tricks und Tipps

Wer über Mythen aufklären will, sollte, so Herrmann, beharrlich Fakten dagegenhalten, jedoch auf ausführliche Darstellung des Mythos unbedingt verzichten. Die derzeitigen Impfkampagnen beispielsweise haben nach Ansicht von Herrmann deshalb nicht den gewünschten Erfolg, weil die Aufklärungsbroschüren der Widerlegung von Gegenargumenten zu viel Platz einräumen. Ratlos lässt den Leser jedoch Herrmanns Behauptung zurück, die Ex-Gattin von Bundespräsident Wulff hätte durch ihre wehrhafte Haltung die rufschädigenden Gerüchte erst recht befeuert. Ob das Ignorieren jeder Boshaftigkeit wirklich der psychologisch geschickteste Weg ist, darf doch bezweifelt werden. In diesem Kapitel bleiben Fragen zum richtigen Umgang mit Starrköpfen offen. „Die Fakten sprechen, der Mythos schweigt“ – das geht leider nicht immer.

Schlüssiger scheinen da schon die aus der Verkaufspsychologie bekannten Experimente, wonach man eher etwas verkauft, wenn man nicht allzu viele Alternativen anbietet, sondern die Vorzüge einzelner Produkte hervorhebt.

Cover

Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken Diese Buchbesprechung und viele weitere Beiträge mit einem Fokus auf para- und pseudowissenschaftlichen Phänomenen sowie spannende Interviews und aktuelle Meldungen aus Deutschland und der ganzen Welt bietet die Zeitschrift der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, als Print-Magazin im Abonnement oder als ePaper zum Download direkt im Online-Shop. Mehr über die Themen der aktuellen Ausgabe erfahren Sie hier: www.gwup.org/zeitschrift

Und immer darauf achten: Jede These wirkt glaubwürdiger, wenn sie mit Bildern unterlegt ist. Herrmann schwört offensichtlich auf einfache Mittel. Jede These wirkt glaubwürdiger, wenn sie mit Bildern unterlegt ist. Fett gedruckte Unwahrheiten wirken glaubhafter (und wieder zitiert er Kahneman, S. 104) als in normaler Schrift präsentierte. Dazu gibt es auch die passende Untersuchung, die diesen Effekt natürlich eindrücklich bestätigt. Zum wiederholten Male stellt sich der Leser hier die Frage, ob Menschen tatsächlich so einfach hinters Licht zu führen sind. Zwar schreibt der Autor im Fazit zu diesem Kapitel, dass diese Manipulationsversuche die Illusion von Wahrheit nur stützen. Grober Unfug wird jedoch auch in Fettdruck nicht glaubhafter. Andernfalls müsste in der öffentlichen Wahrnehmung die Bild-Zeitung der Zeit und der Süddeutschen Zeitung den Rang als seriöse Informationsquelle ablaufen. Ohnehin überzeugt man Starrköpfe am besten mit Reimen, weil diese die kognitive Leichtigkeit bei der Verarbeitung der Inhalte“ erhöhen. Dass darauf nicht längst schon alle gekommen sind, wo es doch so einfach und gut belegt ist... Und auch in diesem Kapitel lässt sich wieder Daniel Kahneman zitieren: „Wenn Sie Wert darauf legen, für glaubwürdig und intelligent gehalten zu werden, sollten Sie sich nicht kompliziert ausdrücken, wenn man das Gleiche auch in einfachen Worten sagen kann“ (S. 117). Das erklärt einem auch jeder Deutschlehrer.

Viel überzeugender ist Herrmann, wenn er die wirklich verblüffende Wirkung unterschiedlicher Schlüsselbegriffe auf bestimmte Zielgruppen aufzeigt. So sprechen US-amerikanische Republikaner in der Regel von „globaler Erwärmung“ und vermeiden den Begriff „Klimawandel“, was sich auch in ihrer Beantwortung von Sachfragen niederschlägt. Wurden US-Republikaner gefragt, ob die globale Erwärmung eine Tatsache sei, bejahten dies 44 Prozent. Fragte man nach dem gleichen Sachverhalt anders formuliert, nämlich, ob der Klimawandel ein reales Phänomen sei, stimmten 60,2 Prozent zu (S. 120).

Der Halo-Effekt

Kennen Sie den Halo-Effekt? „Wenn eine einzige positive Eigenschaft den Blick auf ein Produkt oder einen Menschen verzerrt, sprechen Psychologen vom sogenannten Halo-Effekt.“( S. 140). Ein Doktortitel vor dem Namen, ein Bio-Etikett auf Lebensmitteln, schon steigt das Zutrauen in Kompetenz oder Qualität. Irritierenderweise sieht Herrmann den „Halo-Effekt“ schon gegeben, wenn man eine „eine graphisch ordentlich aufbereitete Präsentation oder höflich vorgetragene Argumente“ verwendet (S. 144). Leider nicht die einzige Stelle im Buch, wo man daran zweifelt, dass man auf diese Weise „Starrköpfe überzeugen“ kann. Immerhin, die Vielzahl der aufgezählten Strategien macht klar, warum anonymisierte Bewerbungsschreiben und geschlechtsneutrale Berufsbezeichnungen in Stellenanzeigen durchaus Sinn ergeben. Schließlich neigen wir alle zu Vorurteilen.

Mit der Ansammlung von Argumentationstipps erweckt der Autor oft den Eindruck, nur niemandem zu nahe treten zu müssen, damit man überzeugend wirkt. Das ist ermüdend. Gerade wenn er einem Kapitel sogar den Titel „Immer recht freundlich“ gibt und den oft spöttischen Ton in den „Blogs der Skeptiker-Szene“, kritisiert (S. 185). Auch fragt man sich nach dieser endlosen Aufzählung von echten und vermeintlichen argumentativen Fallstricken, warum der Autor nicht seinen ursprünglichen Artikel einfach zu einem Essay verarbeitet hat, anstatt zu einem mehr als 200 Seiten umfassenden Buch, das etliche Längen aufweist. Dennoch eine wichtige Arbeit.

Die Frage „Warum sich an den Irrtümern und der Starrheit anderer abarbeiten? Weshalb will dieses Buch unbedingt zeigen, wie Mythen und Fehlinformationen aus der Welt zu schaffen sind?“(S. 211) beantwortet er gleich selbst: „Wenn eine nennenswerte Zahl von Bürgern (…) an Ansichten festhält, die allen Fakten  widersprechen, dann werden sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene Entscheidungen getroffen, die dem Wohl und dem Interesse der Menschen nicht entsprechen.“

Selbst wer nicht gleich die Demokratie in Gefahr sieht, wird das Anliegen des Buches wohl positiv anerkennen: zu zeigen, wie man psychologische Fallstricke erkennt und vermeidet. Zumindest ein Teil des Buches ist unterhaltsam und informativ, manches wirkt – Referenzuntersuchung zum jeweiligen Kapitel hin oder her – allzu banal. Neugierig wird man aber auf das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“, das der Autor so fleißig zitiert.

Hersteller.:
Part Number:
Preis: