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„Ich habe Gott gesucht und nicht gefunden“

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Sonntag, 1. Dezember 2013
Cover

Schon vor Jahren hat ein Großer seiner Zunft, Herbert Schnädelbach, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, sich vom Christentum verabschiedet. Heute gilt es auf eine Neuerscheinung aufmerksam zu machen, verfasst von Kurt Flasch, einem ebenfalls hoch angesehenen Repräsentanten der deutschen Philosophie, seines Zeichens Philosoph und Historiker, ausgewiesen in antiker und mittelalterlicher Philosophiegeschichte. Schon der Titel seines Buches lässt an Klarheit der letztendlichen Aussage nichts zu wünschen übrig: Warum ich kein Christ bin. Auch er stellt sich zum Ende seines beruflichen Wirkens und angesichts seiner 83 Jahre und des unvermeidlichen eigenen Schlusspunktes die Frage nach der Wahrheit, die angeblich im christlichen Glauben verborgen liege.

Nicht traumatische Erfahrungen mit Kirche und Pfarrern, im Gegenteil freundliche Erinnerungen an Begegnungen mit bischöflichen Freunden im Elternhaus und an aufopferungsvolles Verhalten von Christen gegenüber Verfolgten in der Nazidiktatur, lassen Flasch ein positives Verhältnis zu Christenmenschen und vor allem auch zu den kulturellen Leistungen des Christentums bewahren. Nicht das Ressentiment eines Kirchengeschädigten noch Religionsfeindlichkeit sind seine Motive. Es sind unverbogener Menschenverstand, also das eigene angestrengte und intellektuell redliche Nachdenken, und das Ausbleiben jener Barmherzigkeit eines Gottes, der in den Vorstellungen Gläubiger so alles herrlich regiere, die ihm den Abschied vom Christentum zwingend machten.

Ausgelöst wurde seine kritische Haltung dem Christentum gegenüber durch einen seiner Hochschullehrer, der sich in seiner Forschungsarbeit akribisch an die historische Methode hielt, befasste er sich mit dem Christentum, ließ er alle Wissenschaftlichkeit fahren. Flasch irritierte dieses Verhalten außerordentlich. Er schreibt: „Und ich begann mich zu fragen, ob der Glaube nicht zuweilen den Verstand ruiniert“.

Flasch nimmt sich die biblischen Texte vor und wendet dabei konsequent die historisch-kritische Methode an, die er aufgrund ihrer Wissenschaftlichkeit ausdrücklich verteidigt. Sie besagt bekanntlich, dass Texte – hier die biblischen Erzählungen – aus ihren damaligen Kontexten heraus zu verstehen und zu deuten seien. Die Methode fragt nach Ort und Zeit der Textentstehung, sucht nach Vorläufern des Textes, untersucht und vergleicht Sprachformen, richtet ihren Blick auf verdeckte Absichten im Text. Diese Methode geht davon aus, dass ein Text eine Historie hat, die zu berücksichtigen sei, die Kriterien der Methode sind Wissenschaftlichkeit und Nachvollziehbarkeit.

Das Ergebnis seiner jahrelangen Studien ist, dass den allermeisten Jesus-Worten ihre Echtheit abgesprochen werden muss. Verworfen wird auch die Jungfrauengeburt, die Dreifaltigkeitslehre, die Unsterblichkeit der Seele, die Wundergeschichten. Am wenigsten glaubwürdig sei die Auferstehung von Jesus, das zentrale Ereignis des christlichen Glaubens. Gerade hier seien die Texte so widersprüchlich, dass sie als Dokumente wertlos seien. Kein Wunder, dass der Theologe Joseph Ratzinger die historisch-kritische Methode mehr als nur argwöhnisch betrachtet. Dieser will „die historisch-kritische Betrachtung [daher] ‚ergänzen‘, ‚ausweiten‘ oder ‚überwinden‘. Aber das heißt nur, daß man deren Logik nicht verstanden hat“, stellt Flasch kühl fest.

Hinsichtlich der Ethik der Bibel kommt Flasch zu ähnlich negativen Einschätzungen. Die Zehn Gebote seien bloße Rechtsvorschriften, die auch andere Völker hervorgebracht haben, sie begründeten noch keine Moral. Die Bergpredigt hat das nahe Ende der Welt vor Augen und skizziert daher eine Utopie, der die diesseitige Welt gleichgültig sei. Und Flasch spricht von „abstoßender Großmäuligkeit“, wenn Prediger verkündeten, dass ein Leben ohne Bezug auf Christus sinnlos sei.

Flasch, der nicht mehr glauben kann und auch nicht mehr glauben will, geht es um den Anspruch auf Wahrheit und Gültigkeit des Christentums. Seine Antwort ist sehr eindeutig: Die christliche Lehre ist eine Konstruktion und erfüllt den Anspruch auf Wahrheit und Gültigkeit nicht. Und darüber hinaus: „Der Erlösungsreligion Christentum entspricht kein Bedürfnis mehr“. Der zum Agnostiker mutierte Flasch beschreibt seine Abkehr vom christlichen Glauben als „Gewinn intellektueller Fröhlichkeit“.

Das alles wird in einer unpolemischen und verständlichen Sprache abgehandelt, der auch der Nicht-Theologe und Nicht-Philosoph gut folgen kann, und die gelegentlich einer gewissen rheinisch-humorvollen Note nicht entbehrt. Als aufklärende Lektüre ist sein Buch sehr beachtenswert, es facht die christentumskritische Diskussion weiter an, vor allem weil aus kompetenter und renommierter Feder stammend. Es reiht sich sachkundig ein in eine zunehmende Zahl kritischer Schriften zu Glauben und Kirche.

Image of Warum ich kein Christ bin: Bericht und Argumentation

Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin: Bericht und Argumentation. C.H.Beck 2013, Gebundene Ausgabe, 280 Seiten