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Berufswunsch Henker

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Zehntausende deutscher Männer beteiligten sich im Verlauf des Zweiten Weltkrieges mit großer Selbstverständlichkeit an Massenmorden. Die Frage, wie jene weitverbreitete Bereitschaft zu töten entstehen und erzeugt werden konnte, bewegt nach wie vor die Gemüter.
Mittwoch, 6. November 2013
Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-031-2436-05A / Koch / CC-BY-SA

Erhängte russische Partisanen. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-031-2436-05A / Koch / CC-BY-SA

Die Täterforschung erklärt dies mit einer Umwertung moralischer Maßstäbe, die zur Herausbildung einer eigenen „Tötungsmoral“ geführt hat. Entsprechend betrachteten die Täter das Töten von Menschen im Dienste einer übergeordneten Sache als normal und moralisch einwandfrei. (Harald Welzer. Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/Main, 2005.)

Einen eindrucksvollen Beitrag zu dieser Diskussion, bilden die von dem Journalisten Klaus Hillenbrand ausgewerteten Initiativbewerbungen für das Amt eines Scharfrichters. Hunderte von Männern bewarben sich in der NS-Zeit für diese Aufgabe. 482 dieser Bewerbungen hat Klaus Hillenbrand ausgewertet und etliche davon in seinem Buch dokumentiert.

Während die Täter des Holocaust sich kaum zu ihrer Motivation äußerten, geben diese Briefe Einblick in das Denken von Männern, die es geradezu zum Töten drängte. Sie hielten es für erstrebenswert, die mörderische Politik des Regimes aktiv zu unterstützen, in dem sie ihre Hilfe bei der Tötung von als Verbrechern, Reichsfeinden und Untermenschen Definierten anboten. Und sie taten dies, obwohl auch unter dem NS-Regime der Beruf des Scharfrichters mit sozialer Ächtung verbunden war und keinerlei Prestige besaß. Zwar ging aus vielen Bewerbungen hervor, dass sich ihre Verfasser eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation erhofften; die Tatsache, dass man in den letzten Jahren der NS-Herrschaft, angesichts der enorm gestiegenen Zahl von Hinrichtungen, als Henker sehr viel Geld verdiente, konnten die Bewerber jedoch nicht vorausahnen. Ihre Bewerbungsschreiben sind Belege dafür, wie hoch die Gewaltbereitschaft in Teilen der Gesellschaft war, auch schon zu Beginn der 30er Jahre, also zu einer Zeit, als das NS-Regime noch nicht die Möglichkeit hatte, seine Kultur der Gewalt widerspruchslos in Staat und Gesellschaft durchzusetzen.

Die NS-Bewegung setzte von Anfang auf Gewaltbereitschaft und die SA tat sich bereits in der Weimarer Republik durch Gewalt bis hin zu Morden gegenüber politischen Gegnern und Juden hervor. Diese Kultur der Gewalt kommt auch in diversen Bewerbungen zum Ausdruck. Die meisten der Männer verfügten bereits Gewalterfahrungen in Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern, als Angehörige von Freikorps und oder der SA. Bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gingen die ersten Bewerbungen ein. Die Anzahl der Männer, die sich zum Henker berufen fühlten, vervielfachte sich. In den Jahren der Weimarer Republik bewarben sich durchschnittlich sieben pro Jahr, im Jahr 1933 allein 72.

„Hass gegen das Untermenschentum“, so beschrieb ein Bewerber am 1. März 1933 seine Motivation. Die politische Übereinstimmung mit den Zielen des NS-Regimes betonten viele der Bewerber. „In Anbetracht unserer politischen Umwälzungen in unserem Vaterlande und die Berufung unseres allseits verehrten Führers Adolf Hitlers zum Reichskanzler, möchte ich nicht abseits stehen und fühle mich für diese schwere Handwerk besonders berufen“ schrieb jemand am 23. März 1933.

Ein anderer formulierte: „Mich drängt nicht die Sensation oder andere Gelüste sondern lediglich die Erkenntnis: Dies der nicht zu erschütternde richtige Kurs den unser verehrter Führer Adolf Hitler ergriffen hat.“ Ein weiterer Bewerber machte sogleich Vorschläge um das Töten effektiver und abschreckender zu gestalten und plädierte für die Einführung des elektrischen Stuhls. Um das „politische Verbrechertum“ zu bekämpfen, bot ein beim Bezirksamt Pankow als Beamter angestellter Stadtinspektor am 13. April 1933 seine Dienste als Henker sogar ehrenamtlich an.

Auch in den folgenden Jahren, als der verbrecherische Charakter des NS-Regimes immer deutlicher hervortrat, findet sich eine solche Haltung in den Bewerbungen. Im Februar 1939 schrieb ein Interessent: „Ich trage Hass und Verachtung in mir gegen Mörder, Verbrecher und Vaterlandsverräter“. Antisemitismus spielte bei den Motiven einiger Bewerber ebenfalls eine Rolle: „Würde mir recht sein, wenn ich in einem Judenlager mein (i.O.) Dienst verrichten kann, denn diese Gruppe weist ja immer die meisten Täter auf“ formulierte ein Pförtner aus Breslau. Zum Zeitpunkt seiner Bewerbung am 3. April 1943 wurden gerade die letzten noch verbliebenen Juden aus Deutschland deportiert.

Während des Krieges gingen viele Bewerbungen von Soldaten ein, die darauf verwiesen, dass sie sich bereits freiwillig zu Hinrichtungskommandos gemeldet hatten. Offenkundig hatten sie Gefallen am Töten von Menschen gefunden.

Nur sehr wenigen der Initiativbewerber gelang es, ihren Berufswunsch zu verwirklichen. Auch die NS-Behörden betrachteten Henker als sozial deklassierte Berufsgruppe und blickten entsprechend skeptisch auf jene, die sich dazu drängten. Diejenigen Scharfrichter, die während der NS-Zeit amtiert hatten und an der Tötung von mindestens 12.000 Menschen beteiligt waren, blieben, wie auch Richter und Staatsanwälte, die für die Todesurteile verantwortlich waren, in den Westzonen von der Justiz unbehelligt. Einige amtierten über das Ende der NS-Herrschaft hinaus. Der in München tätige Johann Reichart, der u.a. Hans und Sophie Scholl hingerichtet hatte, vollstreckte nun im Auftrag der US-Militärbehörden die Todesurteile gegen NS-Verbrecher.

Image of Berufswunsch Henker: Warum Männer im Nationalsozialismus Scharfrichter werden wollten

Klaus Hillenbrand: Berufswunsch Henker: Warum Männer im Nationalsozialismus Scharfrichter werden wollten. Campus Verlag 2013, Taschenbuch, 292 Seiten