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Verquere Fronten

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Ein innerprotestantischer Disput gestattet Einblicke in die spirituelle Erosion der evangelischen Kirche. Die Cartoons von Oswald Huber sind allerdings das Beste in einem aktuellen Dialogband mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der EKD, und Martin Urban, dem langjährigen Leiter des Wissenschaftsteils der Süddeutschen Zeitung.
Mittwoch, 23. Oktober 2013
Bild: Gütersloher Verlagshaus

Bild: Gütersloher Verlagshaus

Titel und Titelbild hätten auch einen deftigen Disput zwischen einer christlichen Glaubensvariante und einer säkular-humanistischen Alternativposition verheißen können. Das wäre auf der Höhe der Zeit gewesen. Aber leider handelt es sich nur um einen innerprotestantischen Streit, der freilich auch einige lehrreiche Facetten der christlichen Identitätskrise erkennen lässt. Denn der preisgekrönte Wissenschaftsjournalist Martin Urban, Diplomphysiker der akademischen Ausbildung nach, beteuert zwar unverdrossen seine „große Abneigung gegen frommes Geschwätz“ (111). Zugleich aber behauptet er ahnungslos: „Das undogmatische Bild Gottes, das Jesus selbst uns vermittelt hat, erweist sich dagegen seit zweitausend Jahren als tragfähig.“ (102)

Unter ständiger Berufung auf die historisch-kritische Bibelexegese namentlich der Bultmann-Schule erträumt er sich das Wunschbild eines „aufgeklärten jesuanischen Glaubens, der sich selbst immer wieder in Frage stellt“ (112). Dabei vergisst er völlig, dass gerade die historisch-kritische Betrachtung des Neuen Testamentes die - unvermeidliche - Einbettung aller darin enthaltener Aussagen in die zeitgenössische Apokalyptik und Mythologie aufgezeigt hat. Ein aufgeklärtes Gottesbild hatten beispielsweise Spinoza und Voltaire, aber nicht Jesus von Nazareth, der den bevorstehenden Anbruch des Reiches Gottes vom Himmel herab verkündete und sich darin gewaltig täuschte (wie kurz nach ihm gleicherweise der Apostel Paulus).

Der Ratsvorsitzende ist klug genug, sich nicht auf ein vermeintlich historisch-kritisch abgesichertes Jesusbild zu verlassen. Er beschwört ganz allgemein ein starkes Gottvertrauen, das „uns Menschen getrost leben und hoffnungsvoll sterben lässt“ (11) und bewegt sich damit auf einer mittleren Linie christlicher Glaubensverkündigung. Urban dagegen verstrickt sich in bizarre Widersprüche, die nur verständlich erscheinen, wenn man seine biographische Anmerkung beachtet, er sei in „eine protestantische Familie hineingeboren“ und fühle sich seiner „Kirche weiterhin, wenn auch sehr kritisch, verbunden“ (103). Seinen berechtigten Hinweis auf die „Geschichte christlicher Gewalt gegen Unmündige und Andersdenkende“ (71) bezieht er allerdings nicht familienkritisch zurück auf den Umstand, dass er selbst als Säugling in die evangelische Kirche hineingetauft wurde, ungefragt, also fremdbestimmt hineingetauft wurde.

Die Diskussionsbeiträge Martin Urbans geben ein Beispiel dafür, welche geistigen Verrenkungen ein wacher Zeitgenosse machen muss, um sein aufgeklärt skeptisches Bewusstsein halbwegs mit seiner Religiosität, von der er nicht lassen will, in Einklang zu bringen. Gehen wir charakteristische Beispiele durch. Er stimmt einerseits (wie heute viele Theologen!) Ludwig Feuerbachs Kernthese zu: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ Dann jedoch wendet er verzweifelt ein: „Feuerbach kann aber keine Aussage darüber machen, ob es nicht jenseits unserer Bilder doch einen unbeschreiblichen Gott gibt. Dass ER (groß geschrieben von Urban) tatsächlich existiert und sich uns Menschen zeigt, ist unsere Hoffnung.“(100) Gemeint ist: das ist nur unsere Hoffnung, nicht unsere Glaubensgewissheit, wie er (gegen Nikolaus Schneider) an anderer Stelle einschränkt. (85) Hoffnungen aber können trügen und haben die Menschheit schon oft getrogen. Einen einleuchtenden Grund, mit ihm diese Hoffnung zu teilen, nennt er nicht. Im Gegenteil. Er selbst steuert Gesichtspunkte bei, die diese Hoffnung in sich unglaubwürdig erscheinen lassen.

An anderer Stelle sagt er zu Nikolaus Schneider: „Ich baue, wie Sie, auf Gott als eine Realität. Das ist meine Hoffnung. Mehr vermag ich nicht auszusagen.“ (41) Und weiter: „Wie Sie hoffe ich auf ein Wirken Gottes auch im persönlichen Bereich. Ich weiß aber nicht, wie dies geschehen könnte.“ (87) Ein dürftiges Gottesbild, das weder gedanklich überzeugt noch emotional befriedigt. Es ist nicht im Geringsten aufgeklärt, sondern eine leere Worthülse, zusammengeschrumpft aus einer stolzen Tradition. Gegen Schneiders Verweis auf die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus und in der Bibel, vermittelt durch den heiligen Geist, richtet Urban die berechtigte Frage, die sich freilich auch sofort gegen ihn selbst kehrt: Wenn Gott kommuniziert, „warum noch weniger eindeutig als einst das Orakel von Delphi?“ (100)

Für diese trostlose Selbstdemontage der christlichen Botschaft, die sich aufgeklärt dünkt, lässt sich kein passenderer Schlusskommentar finden als ein Satz im Vorwort zu Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Gerhard Szczesny konnte 1959 kein passenderes Motto finden für sein damals avantgardistisches Werk „Die Zukunft des Unglaubens“.

Image of Was kann man heute noch glauben?: Ein Disput. Mit Cartoons von Oswald Huber

Martin Urban, Nikolaus Schneider: Was kann man heute noch glauben?: Ein Disput. Mit Cartoons von Oswald Huber. Gütersloher Verlagshaus 2013, Gebundene Ausgabe, 144 Seiten