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„Religiös“ um jeden Preis

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Der Münsteraner Historiker Thomas Großbölting legt mit „Der verlorene Himmel“ eine informative Religionsgeschichte Deutschlands von 1945 bis heute, an der jedoch erhebliche theoretische Mängel zu kritisieren sind. Zudem konnte der Autor offenbar nicht seine mentale Distanz zum stetig wachsenden säkular-laizistischen Bevölkerungsspektrum in Deutschland überwinden.
Montag, 14. Oktober 2013

Unter dem melancholischen Titel Der verlorene Himmel: Glaube in Deutschland seit 1945 mit einem abgeknickten Wetterhahn als Titelbild legt der Münsteraner Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte Thomas Großbölting, Mitglied im dortigen Exzellenzcluster für Religion und Politik, eine lehrreiche und informative Darstellung der deutschen Kirchen- und Religionsgeschichte nach dem zweiten Weltkrieg bis heute vor. Wer sich für diese Thematik in dieser Epoche interessiert, wird an dem Buch nicht vorüber gehen können. Freilich wird die Lesefreude getrübt durch ärgerliche darstellerische Mängel wie Langatmigkeit und zu häufige Wiederholungen. Auch die Register sind verunglückt. Was soll ein Ortsregister, wenn das entscheidende Sachregister fehlt?

Der entscheidende inhaltliche Mangel besteht in der unzureichenden theoretischen Durchdringung des Stoffes. Denn Großbölting dokumentiert zwar schonungslos und detailreich die spirituelle Entkernung des christlichen Glaubens, von ihm in der Regel als dessen „Erosion“ bezeichnet. Aber das sich damit gleichzeitig aufbauende Potential für eine sich anbahnende geistige und praktische Alternative in Gestalt eines säkularen Humanismus bleibt verschwommen, wenn nicht unbegriffen. Ein wirkliches Jenseits von Religion vermag sich der Verfasser, der auch katholische Theologie für das höhere Lehramt studiert hat (unter anderem an der päpstlichen Hochschule Gregoriana in Rom), nicht vorzustellen. Religion, welcher Art auch immer, gilt ihm als der unhintergehbare Bezugsrahmen menschlicher Existenz. Nur drei Seiten umfasst daher die Darstellung der „Nicht-Religiösen – Zum Porträt einer (fast) unbekannten Gruppe“. Und sie steht bezeichnenderweise in einem Kapitel mit der Überschrift „Brüche und Veränderungen im religiösen Feld bis heute“.

Thomas Großbölting: Der verlorene Himmel

Das ist auch der Sinn der Titelmetapher vom „verlorenen Himmel“, wie er vom Verfasser selbst interpretiert wird. Der Himmel als Sinnbild für den menschlichen Transzendenzbezug ist nicht wirklich verschwunden. Er kann auch gar nicht verschwinden. Er ist „verloren“, insofern er bedauerlicherweise aus dem Blickfeld geraten ist, freilich wohl nur „kurz- und mittelfristig“. Großbölting nimmt damit eine religionsphilosophische Position ein, die einst, unmittelbar nach dem Weltkrieg, gerne als „Gottesfinsternis“ oder „Transzendenzvergessenheit“ debattiert wurde. Die mentale Distanz des Autors zum stetig wachsenden säkular-laizistischen Bevölkerungsspektrum in Deutschland schlägt ihm schließlich das Schnippchen, dass er offenkundig die Giordano Bruno Stiftung (gbs), gegründet 2004, übersehen hat. Denn als „jüngste Gründung“ erwähnt er lediglich den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) aus dem Jahre 1993.

Immerhin soll trotz dieser Einwände dankbar vermerkt werden, dass Großbölting dem Aufstieg der Konfessionslosen und Religionslosen eine beachtliche Aufmerksamkeit, verteilt über das ganze Buch, widmet. So erwähnt er Gerhard Szczesnys bahnbrechendes frühes Buch „Die Zukunft des Unglaubens“ (1959) und die sich daran anschließende Gründung der Humanistischen Union. Und er stellt fest: „Gelten die ‚Konfessionsfreien‘ als Konfession, dann wären sie in Deutschland die zahlenstärkste! Sowohl in der Forschung als auch in der öffentlichen Diskussion wird dieses Gesellschaftssegment aber weitgehend ausgespart.“ Wie wahr! Der Verfasser muss sich fragen lassen, inwieweit er selbst hinter diese Feststellung zurück fällt.

Er schreibt: „Eine starke atheistische Linie hat sich in Deutschland weder aus den freidenkerischen Traditionen der Arbeiterbewegung und des Liberalismus erhalten noch aus der Protestbewegung von 1968 entwickelt.“ Eine Halbwahrheit, die nur für die Zeit nach 1945 gilt. Denn in der Endphase der Weimarer Republik brachten es die Freidenker immerhin auf weit über eine halbe Million organisierte Mitglieder! Mit dem Machtantritt der Nazis wurden freilich ihre Verbände zerschlagen, ihr Vermögen beschlagnahmt, ihr Vorsitzender Max Sievers 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Davon und von den Folgen ist bei Großbölting nichts zu lesen. Stattdessen wiederholt er unkritisch die ebenso gängige wie falsche Behauptung von einer „antikirchlichen Politik des Nationalsozialismus“. Dabei war Hitler Katholik, nie exkommuniziert, sein Buch „Mein Kampf“ stand nie auf dem vatikanischen Index der verbotenen Bücher. Das Reichskonkordat mit dem Vatikan sicherte gleich zu Beginn alle kirchlichen Rechte und Vorrechte und machte im Gegenzug das NS-Regime international salonfähig. Laut Parteiprogramm stand die NSDAP auf dem Boden eines überkonfessionellen „positiven Christentums“. Natürlich gab es punktuelle Konflikte, etwa in Sachen Euthanasieprogramm. Und es gab auch den Elite-Orden der SS mit ihrer in der Tat „antikirchlichen“ Ideologie und Praxis. Aber weshalb sollte der NS die Kirchen insgesamt bekämpft haben? Leisteten sie ihm doch so unersetzliche Dienste, indem sie mit Hilfe der Kirchenregister die „Ariernachweise“ lieferten (siehe Manfred Gailus Kirchliche Amtshilfe. Die Kirche und die Judenverfolung im "Dritten Reich" ).

Werfen wir abschließend einen vertiefenden Blick auf die positiven Ergebnisse von Großböltings Studie, die mit selten erreichter Klarheit den Prozess der spirituellen Entkernung der christlichen Religion nachzeichnet und dafür beschönigende Begriffe findet. Sie bringt nicht den Mut auf, wie einst der Kirchenhistoriker Franz Overbeck in Basel, in desillusionierter Redlichkeit vom „finis christianismi“, vom Ende des Christentums, zu sprechen.

Unter der zutreffenden Überschrift „Vom ‚Höllenfeuer‘ zur ‚allumfassenden Liebe‘“ skizziert Großbölting das, was er als „Selbstmodernisierung“ des christlichen Glaubens verniedlicht und als „transzendente Sinnstiftung im Wandel“ formalisiert. Denn ohne den schroffen doppelten Ausgang des menschlichen Schicksals im Jenseits – die Drohung mit der Hölle für die Ungläubigen und die Verheißung der Seligkeit für die Gläubigen im Himmel bei Gott – bleibt ja das blutige Heilsgeschehen, Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, funktionslos. Wozu der ganze Aufwand, wenn wir doch alle in den Himmel kommen? Die heutige heimliche und offene Entsorgung der Hölle entsorgt zugleich den Erlöser. Den Namen Origines sucht man freilich vergeblich in Großböltings Namensregister. Denn es war Kirchenvater Origines, der bereits im dritten Jahrhundert die Existenz der Hölle bestritten hatte und die „Wiederbringung aller“ aus der Liebe Gottes ableitete, dafür freilich der Irrlehre bezichtigt und verdammt wurde.

Als Konsequenz aus dieser vermeintlichen „Selbstmodernisierung“ der christlichen Religion diagnostiziert Großbölting richtig „eine neue Sozialfigur des Christen: nämlich die des Suchenden“. Nicht mehr die Gläubigen in der Nachfolge Jesu Christi, sondern Personen mit höchst instabiler religiöser Identität machen hiernach das charakteristische Gros der Kirchenmitglieder aus. Ach fänden sie doch bei ihrer Suche auch irgendwann den Zugang zu einem weltlichen Humanismus!

Hinweis: Bei der Bundeszentrale für politische Bildung kann das Buch zum Preis von 4,50 Euro bestellt werden.

Image of Der verlorene Himmel: Glaube in Deutschland seit 1945

Thomas Großbölting: Der verlorene Himmel: Glaube in Deutschland seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht 2013, Gebundene Ausgabe, 320 Seiten