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Die Dummheit siegt überall

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Der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits hat auf kleinstem Raum eine Beschreibung der „(Natur)Geschichte der Unvernunft“ vorgenommen, um die Anmaßung des Menschen als vernünftiges Wesen zu entlarven. In weiten Strecken ein kluges Buch, das an mancher Stelle Widerspruch hervorruft.
Freitag, 27. September 2013
Der Schlaf der Vernunft

Ausschnitt aus Goyas Capricho Nr. 43: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer". Ca. 1797-98, Radierung, Madrid

Nach Michael Schmidt-Salomon, der vor gut einem Jahr in Keine Macht den Doofen!: Eine Streitschrift dem Menschen eine einzigartige „Riesenblödheit“ und unvergleichliche „Schwarmdummheit“ attestiert hat, enttarnt also nun auch der emsige Wiener Biologe und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits in seinem neuen Buch auf knapp 120 Seiten das „Märchen vom animal rationale“. Dieses will uns noch immer glauben machen, die „Vernunft“ sei so etwas wie die oberste, unbestechliche Kontrollinstanz über unsere Gefühlswelt, unsere Triebe und affektiven Zustände.

Anders als Schmidt-Salomon begründet Wuketits die These, dass es mit dem „animal rationale“ nicht weit her ist und der Mensch sich eher als „homo demens“ denn als „homo sapiens“ begreifen sollte, wie üblich in seinen Büchern aus evolutionär-anthropologischer Sicht. Dabei lautet die zentrale These, dass wir heutigen Vertreter unserer Gattung noch immer mit der gleichen beschränkten „steinzeitlichen Vernunft“ ausgestattet sind wie unsere Vorfahren vor 50.-100.000 Jahren. Dass wir wie diese nach der uralten Logik von Kleingruppenwesen faktisch in einer „Nah-Welt“ leben, in der es primär auf „Fressen, Schutz, Fortpflanzung“ ankommt, aber nicht auf mittel- oder gar langfristiges Denken und Kalkulieren, wie es unsere moderne Welt eigentlich erfordert. Eine Welt der hochkomplexen globalen Vernetztheit, des nichtlinearen Wachstums und der unabsehbaren Langzeitfolgen unseres Verhaltens. Was in der Jungsteinzeit „vernünftig“ war, schlägt im Zeitalter der Globalisierung mit seinen von uns selbst geschaffenen Lebens- und Überlebensbedingungen in welt- und selbstzerstörerische Unvernunft um – wobei Wuketits als einen der fundamentalsten Irrtümer, zu dem uns die in Unvernunft umgeschlagene Steinzeit-Vernunft verleitet, den quasi-religiösen Glauben identifiziert, die Wirtschaft könne und müsse ständig wachsen. Doch das ist – so Wuketits – nur ein fataler „moderner Mythos“, der längst die Vorsehung ersetzt hat und dessen Akteure sich selbst den „Nimbus von Schamanen und Priestern“ verleihen.

Und so resümiert Wuketits schließlich auf der Basis der „evolutionsbiologisch begründete[n] Erkenntnis, dass wir auch an unsere sehr komplex gewordene Welt mit uralten Verhaltensdispositionen herangehen“, dass der Unvernunft „längst zu viel“ und es dementsprechend dringend geboten sei, entweder „wirklich“ vernünftig zu werden oder uns „vernünftigerweise“ für eine einfachere Welt und Lebensweise zu entscheiden, die den beschränkten Dimensionen unserer Steinzeit-Vernunft angemessen wäre.

Wie üblich ist Wuketits‘ Buch gut und flüssig zu lesen, seine Thesen klar, verständlich und (abgesehen von einigen etwas langatmigen „Füll“-Passagen) pointiert. Nur fragt man sich am Ende, was er denn nun eigentlich Neues mitgeteilt hat. Er selbst zitiert am Anfang des letzten Kapitels das altrömische Sprichwort: „Die Dummheit siegt überall“. Bereits Kant hat den Menschen als „animal rationabile“ beschrieben, also ein zur Vernunft begabtes Tier, das aus sich ein „animal rationale“, ein vernünftiges Tier, erst machen müsse. Bereits Nietzsche hat sich lustig gemacht über die Herrschaft der Vernunft (und lange vor Gehlen eine „Fernstenliebe“ im Gegensatz zur dekadenten Nächstenliebe eingefordert). Bereits Hans Jonas hat in Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (suhrkamp taschenbuch) das Umschlagen der „Ratio“ der Aufklärung in Unvernunft und existenzielle Menschheitsbedrohung diagnostiziert; bereits Konrad Lorenz hat in Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit die stammesgeschichtlich bedingte Beschränktheit des Menschen als Grund für das mögliche (bzw. für Lorenz eher gewisse), von ihr selbst verursachte Aussterben der Spezies beschrieben …

Keine Frage: Es ist zweifelsohne von jeher einer der größten (resp. dümmsten) Fehler des Menschen, sich selbst und die Bedeutung seiner „Vernunft“ als Herrscherin seiner Lebensführung zu überschätzen, von daher ist es gut und wichtig, dass immer wieder Bücher wie Wuketits‘ Animal irrationale: Eine kurze (Natur-)Geschichte der Unvernunft (edition unseld) erscheinen, dass sie die Verhältnisse zurechtrücken, die (engen) Grenzen der natürlichen Vernunft aufzeigen und – so paradox, so widersprüchlich das auch klingt – zur „Vernunft“ mahnen. Aber trotzdem erscheint es am Ende dieser kurzen „(Natur-)Geschichte der Unvernunft“ – zumal bei einem Autor wie Wuketits, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dieser Materie befasst – doch etwas dürftig, in einem einzigen Satz „vermehrte Bildung“ als Schlüssel zur Sensibilisierung möglichst vieler Menschen für die Wahrnehmung und Berücksichtigung eben jener Grenzen der natürlichen Vernunft zu reklamieren. Frei nach Wuketits: Der Diagnose ist längst genug – wir brauchen differenzierte und praktikable Therapievorschläge!

Wirklich widersprechen, und zwar heftig widersprechen, möchte ich Wuketits aber im Hinblick auf die zu Beginn des abschließenden Kapitels präsentierte These, eine Menschenwelt, in der die Vernunft herrsche, lasse wohl keinen Platz für leibliche Genüsse, Sehnsüchte, Tagträume und Leidenschaften, für Müßiggang, Kreativität, Ausgelassenheit, Freundschaft und Geselligkeit. Denn WAS um alles in der Welt sollte an einer solchen Menschenwelt, WAS an einem solchen „Vernunft“-Verständnis „vernünftig“ sein?

Image of Animal irrationale: Eine kurze (Natur-)Geschichte der Unvernunft (edition unseld)

Franz M. Wuketits: Animal irrationale: Eine kurze (Natur-)Geschichte der Unvernunft (edition unseld). Suhrkamp Verlag 2013, Taschenbuch, 136 Seiten