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In der Haut eines Mannes

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Der Film „Albert Nobbs“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der im bewegten Irland des 19. Jahrhunderts seinen schmalen Lebensunterhalt als Butler verdient. Und als wäre das nicht schon schwer genug, ist Albert auch noch eine Frau – Glenn Close in ihrer Herzensrolle.
Dienstag, 24. September 2013
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Niemand ahnt, dass Albert Nobbs (Glenn Close) in Wahrheit eine Frau ist, die sich als Mann verkleidet. | © Pandastorm Pictures

Ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse, eine traumatische Kindheit und die fast schon naive Sehnsucht, ein eigenes Geschäft zu betreiben, haben aus einem jungen Mädchen eine Frau gemacht, die sich als Mann ausgibt, um zu Geld und Ansehen zu kommen. Schweigsam aber hingebungsvoll geht sie in Albert Nobbs ihrer Arbeit als Angestellter im nobelsten Hotel Dublins nach.

Als Zuschauer könnte man sich ein bisschen um die direkte Teilhabe an Alberts früherer Geschichte betrogen fühlen, denn die Handlung steigt erst spät in das Leben der Frau ein, die sich schon längst als Mann etabliert hat. Und auch wenn eine legendäre Glenn Close, die entscheidend an Drehbuch und Produktion mitgewirkt hat, die Vergangenheit ihres Charakters noch so bewegend vorträgt, kommt man nicht darum herum, sich zu fragen, ob Albert Nobbs frühere Jahre nicht um einiges interessanter gewesen wären, als das, was sich dort auf der Leinwand abspielt oder eben nicht abspielt.

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Albert Nobbs (Glenn Close) träumt von einem besseren Leben mit dem schönen Hausmädchen Helen Dawes (Mia Wasikowska). | © Pandastorm Pictures

Der Film beginnt nicht nur mittendrin – er endet leider auch genau dort. Regisseur Rodrigo García kann eine ausgezeichnet besetzte Schauspielerriege zwar gut in Szene setzen, wie er es auch schon bei TV-Serien wie Six Feet Under, The Sopranos und In Treatment eindrucksvoll bewiesen hat, dennoch steht die dünne Handlung im starken Kontrast zu einem so potenten Casting-Aufgebot. Obwohl man sich an den phänomenalen Schauspielleistungen von Glenn Close und Janet McTeer nicht sattsehen kann, begleitet einen trotzdem das Gefühl, dass man auch bei Albert Nobbs in eine Fernsehserie einsteigt, deren Anfang man verpasst hat und deren Ende noch auf sich warten lässt.

Bei einem Drama erwartet man natürlich weder erheiternde Überraschungen, noch ein Happy End, doch auch vorbereitet auf ein dramatisches Ende einer traurigen Existenz gehen die Geschehnisse vorhersehbar und eindimensional an einem vorbei: der gutaussehende Tagelöhner, der kurzfristig eine Anstellung im selben Hotel bekommt und von Amerika träumt, schwängert natürlich das naive, blonde Zimmermädchen und macht sich aus dem Staub. Die knauserige Aristokratin und Besitzerin des Hotels, die sich nach außen als Wohltäterin gibt, ist nur auf ihr eigenes Wohl aus. Und Albert steuert über einhundert Minuten lang auf ihr Unglück zu.

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Der junge Arbeiter Joe (Aaron Johnson) ist fasziniert vom Hausmädchen Helen Dawes (Mia Wasikowska). | © Pandastorm Pictures

Die Filmmusik begleitet das Geschehen genauso ereignisarm. Pluspunkte gibt es nur für Kulisse, Kostüme und Einzelleistungen – noch nie hat eine Butleruniform so gut ausgesehen wie an Glenn Close, die für ihre Darstellung des Albert Nobbs für einen Oscar und einen Golden Globe nominiert war und ihn sicher auch verdient hätte. Insgesamt erhielt der Film drei Oscar-Nominierungen. Janet McTeer war als beste Nebendarstellerin ebenfalls für den Oscar und den Golden Globe im Rennen. Ihr Auftritt als die unverhoffte Vertraute Albert Nobbs ist ein weiteres Highlight des Films.

Wer Fan beider Schauspielerinnen ist oder ein Faible für leise Dramen der industrialisierten britischen Moderne hat, kommt mit Albert Nobbs auf seine Kosten. Alle anderen werden sich vermutlich langweilen, denn leider bleibt der auf einer Kurzgeschichte basierende und danach als Bühnenstück adaptierte Film weit hinter seinem Potenzial zurück. Dabei hatte sich Glenn Close 15 Jahre lang für die Umsetzung stark gemacht. Schon 1982 konnte sie das Theaterpublikum in London und Paris in dem Stück The Singular Life of Albert Nobbs begeistern und sich selbst von dem eigensinnigen Charme ihres Charakters nie richtig lossagen, wie sie sagt. Begeistern kann man sich für ihre Leistung und die verquere, anrührende Geschichte einer Frau, die auf ihre Weise mit den Widrigkeiten einer ungleichen Gesellschaft umgeht, immer noch, aber man muss sich schon ganz schön dafür anstrengen.

Image of Albert Nobbs
Director: Rodrigo García
Starring: Jonathan Rhys Meyers, Janet McTeer, Brendan Gleeson, Aaron Taylor-Johnson, Mia Wasikowska
Bewertung: Freigegeben ab 6 Jahren