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Kreuzzüge aus neuer Sicht

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Der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark stellt in "Gottes Krieger" die heute gängige Sicht auf die Kreuzzüge in Frage, nach der wenig zivilisierte europäische Ritter einen toleranten, wissenschaftlich höher entwickelten Islam brutal überfielen.
Dienstag, 11. Juni 2013
Rodney Stark: Gottes Krieger

Stark meint stattdessen: „Die Kreuzzüge fanden nicht ohne vorhergehende Provokationen statt. Sie waren nicht die erste Runde des europäischen Kolonialismus. Sie wurden nicht wegen Land, Beute oder aus Bekehrungsabsichten geführt. Die Kreuzritter waren keine Barbaren, die die kultivierten Muslime schlecht behandelten. Sie glaubten ernsthaft, dass sie in Gottes Bataillonen dienten.“

Er belegt seine Thesen nicht mit bisher unbekannten historischen Dokumenten, sondern er interpretiert die bereits vorliegenden neu. So deutet er das Massaker der Kreuzritter an der Bevölkerung Jerusalems 1099 als Folge des damals geltenden Kriegsrechts. Es war üblich, „dass die Bevölkerung einer belagerten Stadt, wenn sie sich nicht ergab und die Angreifer zwang, die Stadt zu stürmen (was diese unweigerlich hohe Verluste kostete), mit einem Blutbad rechnen musste“. Zudem gingen muslimische Heere bei der Eroberung von Syrien, Persien, Ägypten und Spanien im 7. Jahrhundert selbst wenig zimperlich vor.

Auch mit der Toleranz der Muslime gegenüber Juden und Christen in den eroberten Gebieten war es nicht weit her. So kam es zu etlichen Massakern. Stark verurteilt allerdings nicht einseitig die Muslime: „Das heißt nicht, dass die Muslime brutaler oder weniger tolerant waren als Christen oder Juden; es war eine insgesamt brutale und intolerante Zeit. Es zeigt aber, dass Versuche, die Muslime als aufgeklärte Anhänger eines Multikulturalismus darzustellen, bestenfalls ignorant sind.“

Ähnlich wendet sich Stark auch gegen die These, dass der mittelalterliche Islam dem Christentum gegenüber wissenschaftlich überlegen gewesen sei. Vielmehr seien die tatsächlichen Träger der damaligen ‘islamischen‘ Wissenschaft oft Juden und v.a. nestorianische Christen gewesen.

Bei den Kreuzrittern habe es sich überwiegend um relativ wenige miteinander verwandte europäische Adelsgeschlechter gehandelt, die trotz großen militärischen und finanziellen Aufwands die eroberten Gebiete nicht längerfristig halten konnten und Anfang des 14. Jahrhunderts nach etlichen Niederlagen aufgaben.

Während die zeitgenössischen muslimischen Chroniken sich wenig für die Kreuzzüge interessierten, setzte im 19. Jahrhundert ein größeres Interesse ein. Als Reaktion auf den britischen und französischen Imperialismus „bekam das Bild des brutalen, kolonialistischen Kreuzritters eine polemische Macht“, gegen das sich nationalistische Muslime wandten.

Starks Thesen erscheinen plausibel und anregend. Interessant wäre es allerdings gewesen, wenn er mehr auf die friedlichen Begegnungen zwischen den Kreuzrittern und ihrem großen Gefolge mit der auch zur Zeit der Kreuzfahrerstaaten mehrheitlich nicht christlichen Bevölkerung eingegangen wäre.

Rodney Stark: Gottes Krieger. Haffmans & Tolkemitt Verlag 2013. 384 Seiten. 22,95 Euro.