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Ist die Kriminalgeschichte des Christentums abgeschlossen?

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Im März 2013 ist er erschienen: der lang erwartete zehnte und letzte Band der seit 1986 bei Rowohlt verlegten „Kriminalgeschichte des Christentums“. Ihr Autor, Karlheinz Deschner, ist in freigeistig-humanistischen Kreisen wohlbekannt. Sein kirchenkritisches Erstlingswerk „Abermals krähte der Hahn“ erschien bereits 1962, die „Kriminalgeschichte“ wurde seit 1970 konzipiert.
Samstag, 1. Juni 2013
Harald Deschner

Karlheinz Deschner zwischen Büchern und Notizen in seinem Arbeitszimmer | Foto: Evelin Frerk

Jahrzehntelang studierte er Schrifttum, Dokumente und Akten, maß die Kirche an ihrem eigenen Anspruch, besonders die katholische, und fand statt rechtem Glauben Heuchelei und Verbrechen. Berge von Material verwob er zu einer Chronik des Grauens, zu einer Anklageschrift im Namen der Menschlichkeit, zur eindringlichen Mahnung, was Menschen anrichten können, wenn sie von höheren Ideen oder der Idee des Höheren besessen sind.

Er schwamm gegen den Strom der Lobhudelei und nahm dabei Nachteile in Kauf, war kein Vermarkter in eigener Sache, eher ein von seiner Sache Gefesselter – gefesselt an Schreibtisch und Schreibmaschine. So grub er aus, was andere verstecken, brachte ans Licht, was andere verdunkeln, sprach offen aus, was andere verschweigen. 1993 erhielt er den International Humanist Award, 2001 Preise des IBKA und des bfg Augsburg. Seit langem ist er Ehrenmitglied des HVD Bayern (früher bfg Nürnberg). Zum 80. Geburtstag 2004 feierte den Sprachriesen aus Oberfranken sein Heimatort Haßfurt, und im selben Jahr erhielt er den Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken.

2008 war Band Neun der Kriminalgeschichte erschienen, er behandelt die Zeit von Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Daran galt es anzuschließen. Der neue Band trägt den Titel 18. Jahrhundert und Ausblick auf die Folgezeit mit dem Zusatz Könige von Gottes Gnaden und Niedergang des Papsttums. Er beginnt mit einer Schilderung der kriegerischen Geschichte Skandinaviens und stellt Karl XII. von Schweden heraus, mit dessen Tod 1718 die schwedische Großmachtstellung endet. Auf diese Betrachtung einer protestantischen Region folgt ein Abriss russischer Geschichte vor dem Hintergrund des orthodoxen Christentums.

Kriminalgeschichte Teil 10

Ein Kapitel ist der Karriere des Prinzen Eugen – für die Habsburger, gegen die Türken – und seinen Methoden gewidmet, ein weiteres dem Siebenjährigen Krieg, nicht ohne auch den Spanischen Erbfolgekrieg zu würdigen, und ein Kapitel stellt den Niedergang des Papsttums in der zweiten Hälfte des 17. und ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar.

Die Jesuiten, speziell in Portugal, Frankreich, Spanien bekommen ein Kapitel und ebenso die Zeit des Staatskirchentums unter Kaiser Joseph II., einem letztlich weitgehend gescheiterten Reformer. Eine Sonderstellung nimmt das abschließende 9. Kapitel ein: Es nimmt nicht die Untaten einzelner Herrscher in den Blick, nicht spektakuläre Siege oder Niederlagen, sondern die ganz normalen Lebensumstände der Untertanen im Absolutismus, ihre Armut und Ausweglosigkeit.

Dem Text Deschners ist ein persönlicher Rückblick seines langjährigen Lektors im Rowohlt-Verlag, Hermann Gieselbusch, auf Vorgeschichte, Entstehung und Begleitumstände der Kriminalgeschichte des Christentums angefügt. Zusammen mit Quellenangaben, einer Auflistung der benutzten Sekundärliteratur, einer ausführlichen Übersicht über den Inhalt aller zehn Bände und einem Register erreicht der Schlussband 320 Seiten.

Gleichwohl kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht eigentlich zehn, sondern nur neuneinhalb Bände vorliegen. Die inhaltliche Abhandlung bleibt chronologisch unmittelbar vor der Französischen Revolution stehen und bietet als Abschluss nur eine kurze Nachbemerkung zu früheren Werken des Autors und zur Determiniertheit menschlichen Handelns. Dem mittlerweile 89-jährigen Karlheinz Deschner wird daraus niemand einen Vorwurf machen.

Deschner: Politik der Päpste

Den Bogen bis zur Gegenwart soll eine erweiterte Neuauflage des Deschner-Buchs Die Politik der Päpste schlagen, die im Alibri Verlag kurz vor der Auslieferung steht. Dieses 1.100 Seiten starke Werk mit dem Untertitel Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege kann als inoffizieller elfter Band der Kriminalgeschichte betrachtet werden. Es geht auf den Doppelband Ein Jahrhundert Heilsgeschichte zurück und endet mit einem Nachwort von Michael Schmidt-Salomon.

Die verbleibende chronologische Lücke in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann man verschmerzen. Wichtiger – und keineswegs selbstverständlich – ist, dass überhaupt noch Band Zehn erscheinen konnte, 27 Jahre nach dem ersten Band. Wie immer gibt es auch diesmal eine Broschüre zu Leben, Werk und Wirkung Deschners als Gratiszugabe, ermöglicht durch Sponsor Herbert Steffen.

Wer den Deschnerschen Stil mag, den Duktus der Aufzählung, die sich steigernde Ausmalung, die Einschübe, die Originalzitate und die ironisch-anklagende Zuspitzung, der wird auch dieses Buch bereichernd finden. Eine abschließende Bewertung seiner inhaltlichen Durchschlagskraft fällt indes schwer. Ist die Einseitigkeit der Perspektive eine Schwäche des Projekts Kriminalgeschichte oder eine Bedingung seines Erfolgs? Wird die Zeit über den Zorn des Gerechten hinweggehen, oder wird das Wort des Mahners Eingang in Schulbücher finden? 

Die Ähnlichkeit zwischen einem kompromisslosen Aufklärer und einem enttäuschten Moralisten mag für sensible Geister typisch sein. Bei Deschner jedenfalls ist ein tiefes Misstrauen gegen Macht, Reichtum und Abhängigkeit spürbar, das ihn zum Fürsprecher der geschundenen Kreatur macht, zum Anwalt der Armen und Schwachen, der Gequälten und Betrogenen. Sein Ruf nach Humanität ist nicht zu überhören. Inwieweit ihm auch – oder gerade? – moderne Christen folgen können, muss die offene Debatte zwischen Gläubigen und Ungläubigen zeigen.

Der Philosoph und Soziologe Hans Albert schrieb in einem Gutachten bereits 1976 über Deschner: „Seiner Forschungsarbeit kommt eine Korrekturfunktion zu, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist.“ Das müssen ihm heute auch seine schärfsten Kritiker zugestehen. Kürzlich hat die Giordano Bruno Stiftung den Autor mit einem würdigen Festakt im Kreis von Freunden und Weggefährten geehrt. Im langen stehenden Beifall war der tiefe Respekt vor Karlheinz Deschners Lebensleistung mit Händen zu greifen: Ein Unbeugsamer hat Wort gehalten.