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Neoliberational: Über den Zusammenhang von Rationalismus und Neoliberalismus

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Um es gleich zu sagen: Ein hervorragendes Buch. Der Autor klärt uns darüber auf, wie es einigen Hirnforschern und Medienleuten in den letzten Jahren gelungen ist, die Hirnforschung zur populären Leitwissenschaft unserer neoliberalen Gesellschaft zu machen. Diese Geschichte ist viel spannender als alles, was uns die Hirnforschung in den letzten zwanzig Jahren an angeblich neuen Erkenntnissen präsentiert hat.
Freitag, 26. April 2013
Heinemann: Populäre Wissenschaft

Die Popularisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gehört seit dem 18. Jahrhundert zum guten Traditionsbestand der Aufklärung. Wer weiß, wie die Welt beschaffen ist, kann des Glaubens entbehren. Die Struktur der Öffentlichkeit und die Präsenz wissenschaftlichen Wissens in der Öffentlichkeit haben sich seit dem 18 Jahrhundert grundlegend gewandelt. Heinemann beschreibt diesen Prozess. Naturwissenschaftliche Erkenntnis und ihre öffentliche Verbreitung war ein wichtiger Faktor in der  bürgerlichen Aufklärung und im Prozess der Entstehung von Öffentlichkeit überhaupt. Anfang des 20. Jahrhunderts kommt es dagegen zu einem Rückzug der Naturwissenschaften aus der Öffentlichkeit. Die Naturwissenschaftler gehen nicht mehr davon aus, dass ihre Erkenntnisse von der nicht wissenschaftlich gebildeten Öffentlichkeit nachvollzogen werden können und schotten sich als Fachwissenschaften von der Allgemeinheit zunehmend ab. Hinzu kommt, dass negative Folgen  naturwissenschaftlich-technischer Entwicklungen (Atombombe, Umweltschäden, Conterganskandal) in der Öffentlichkeit nunmehr zunehmend kritisch wahrgenommen werden.

Dieses kritische Verhältnis zu Naturwissenschaft und Technik steht dem neoliberalen Modell einer Wissensgesellschaft, in der neue Erkenntnisse unmittelbar der Vermarktung zugeführt werden sollen, im Wege. Ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts kommt es daher in den Medien wieder zu einer verstärkten Darstellung wissenschaftlicher Neuentwicklungen. Die Neurowissenschaften haben unter dem Schlagwort „Hirnforschung“ diese Entwicklung für sich genutzt. Es ist ihnen dabei, im Gegensatz zu vielen anderen Forschungsrichtungen, gelungen, jede kritische Diskussion um die extrem hohen Forschungskosten – bei geringem Nutzen –  und um Tierversuche wie die Implantation von Elektroden in das Hirn lebender Versuchstiere zu vermeiden. Auch als massive Fehler in der statistischen Auswertung von fMRT-Experimenten führender Neurowissenschaftler nachgewiesen wurden, konnte die neurowissenschaftliche Gemeinde auf Grund ihrer guten Medienarbeit – die in den USA inzwischen Teil der wissenschaftlichen Ausbildung ist – einen Skandal vermeiden. Den meisten in diesem Gebiet tätigen Wissenschaftlern ist klar, dass die fachfremden Thesen einiger in den Medien stark präsenter Neurowissenschaftler, z.B. über den freien Willen, Unsinn und die tatsächlichen Erfolge z.T. äußerst dürftig sind, aber die Debatten werden dennoch mit Wohlwollen gesehen, da sie die Medienpräsenz der Neurowissenschaften erhöhen. Diese wiederum ist wichtig, um die hohen Forschungskosten zu rechtfertigen und weiterhin hohe Förderungen zu erhalten. Dabei kommt es nicht darauf an, wirkliche Erfolge nachzuweisen, sondern nur darauf, das Gebrauchswertversprechen aufrechtzuerhalten. Dies wird von den meisten Neurowissenschaftlern ganz bewusst so gesehen. Zudem konstituiert die mediale Prominenz in entscheidendem Maße auch die wissenschaftliche Reputation.

Im Prozess der Popularisierung der aus der Verbindung bestehender Wissenschaftszweige entstandenen Neurowissenschaften werden daher nur zu einem kleinen Teil neue wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt. Vielmehr geht es den Neurowissenschaftlern vorrangig darum, durch die exzessive Medialisierung ihres Faches und die Aufstellung größenwahnsinniger Gebrauchswertversprechen – „Eichmann erklären“, so Niels Birbaumer 2009 in einem durch das Neuroforum Frankfurt im Hermann-Joseph-Abs-Saal der Deutschen Bank in Frankfurt/M. wie eine Opernpremiere inszenierten Vortrag – ihre wissenschaftliche Reputation zu steigern und dadurch Forschungsmittel zu akquirieren. Dabei ist den Wissenschaftlern größtenteils egal, dass die in der Öffentlichkeit verbreiteten Informationen häufig fehlerhaft sind. Hauptsache ist, dass man mit seinem Projekt überhaupt an die Öffentlichkeit kommt. Die Popularisierung der neurowissenschaftlichen Erkenntnis dient aus der Perspektive der Wissenschaftler nicht der Aufklärung des Publikums, sondern vor allem dem Zweck, die eigene wissenschaftliche Stellung zu verbessern. Wichtig sei nur, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehe, „bei den Neurowissenschaften passiert was. Der Rest sei letztlich irrelevant“. Dies führt dazu, dass die Wissenschaftler ihre Forschungsthemen und Methoden zum Teil an den Erfordernissen einer optimalen Medialisierung ausrichten.

Der Forschungsprozess selber wird durch die Strukturen der Medienöffentlichkeit und die Möglichkeiten der Popularisierung beeinflusst. So wurde in einem Experiment z.B. als Schmerzquelle ein Laser eingesetzt, was ohne funktionellen Nutzen, aber mit einem erhöhten Aufwand verbunden war, weil Laser sich in der Öffentlichkeit besser verkaufen. In vielen Studien werden, anstatt Verhaltensexperimente,  EEG- oder MEG-Experimente zu machen, die zur Klärung der aufgestellten Thesen ausreichend wären, sehr viel teurere und manchmal sogar ineffektivere fMRT-Experimente durchgeführt, weil hierbei bunte Bilder vom Gehirn entstehen, die sich besser vermarkten lassen. Den Neurowissenschaftlern dient ihre Medienpräsenz dabei auch als Bestätigung der Wichtigkeit ihrer Arbeit. Worüber in den Medien berichtet wird, so die Meinung, das muss auch irgendwie von Bedeutung sein.

Verkabeltes Gehirn

Screenshot eines Honda-Werbevideos

Ein kritisches Bewusstsein der Strukturen der Medien ist nicht vorhanden. Dass es die primäre Motivation von Journalisten ist, Geld zu verdienen und von Medienunternehmen, Gewinne zu erzielen, wird nicht wahrgenommen. Dies gilt nicht nur für die Neurowissenschaftler. Auch bei Gesellschaftswissenschaftlern und Studenten, deren Einstellung zu den Neurowissenschaften Heinemann untersucht hat, fand sich kein kritisches Bewusstsein mehr. Auch hier galt: wenn etwas in den Medien steht, dann muss es im Prinzip auch so sei, wie dort berichtet wird. Die Dominanz der neoliberalen Ideologie hat offensichtlich selbst unter Akademikern zu einem massiven Verlust des Wissens über die Funktionsweise kapitalistischer Gesellschaft und zu einer naiven Mediengläubigkeit geführt.

Der Medienöffentlichkeit ihrerseits dienen die Gebrauchswertversprechen der Neurowissenschaft auf dem Gebiet der Ökonomie, Pädagogik, Philosophie und Theologie dazu, ihren Nutzern den Eindruck zu vermitteln, sich mit Hilfe der Erkenntnisse der Neurowissenschaft für die Anforderungen des neoliberalen Kapitalismus selbst optimieren zu können. Die Neurowissenschaften bedienen hier das Ratgebergenre. Zugleich bietet die Neurowissenschaft mit ihrem umfassenden Welterklärungsanspruch eine spezifisch neoliberale Weltanschauung an,  die scheinbar auf wissenschaftlicher und damit neutraler Grundlage eine lebensweltliche leistungsbezogene Orientierung bietet. Es ist vor allem dieses öffentlichkeitswirksame Gebrauchtwertversprechen als Lebenshilfe und Alltagsratgeber, das es den Neurowissenschaften in der neuen, auf unmittelbare ökonomische Verwertung orientierten gesellschaftlichen Struktur akademischen Wissens ermöglicht hat, eine breite mediale Präsenz zu erzielen und in großem Umfang Finanzmittel zu erhalten. Um das Gehirn herum hat sich eine Edutainment-Industrie gebildet. Dabei bieten die popularisierten Thesen der Hirnforschung ein unverbindliches Beratungsangebot, welches den Einzelnen Möglichkeiten der Selbstoptimierung – z.B. Medikamente zur Verbesserung des Gedächtnisses – bietet und ihm damit die Perspektive eröffnet, bei Bedarf auf dieses Wissen zurückgreifen zu können, wenn es die Leistungsanforderungen der Gesellschaft von ihm verlangen.

Es ist gerade diese unwissenschaftliche Popularisierung, die einer ernsthaften Diskussion der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Neurowissenschaften im Wege steht. Die Neurowissenschaften haben neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Hirnentwicklung, auf dem Gebiet der neuronalen Sinnesverarbeitung und auf dem Gebiet des Transmitterstoffwechsels gewonnen. Gerade diese Themen spielen in der öffentlichen Darstellung aber kaum eine Rolle. Auch innerhalb der Wissenschaften werden zumeist nur die effekthascherischen Thesen einiger Neurowissenschaftlicher diskutiert und nicht die tatsächlich neu gewonnenen Einsichten. Dies dürfte aber auch daran liegen, dass der praktische Wert dieser Erkenntnisse derzeit ausschließlich im medizinischen Bereich liegt. Einen neuen ökonomischen, pädagogischen, theologischen oder philosophischen Erkenntnisgewinn gibt es durch die Neurowissenschaften nicht. Zwar können aufgrund der nun vorhandenen bildgebenden Verfahren erstmals Bilder des aktiven Hirns aufgenommen werden. Neu sind jedoch, wie Heinemann, Hagner zitierend, ausführt, nur die Bilder, nicht aber die Deutungsangebote, die zu ihnen gemacht werden. So wurde z.B. vor kurzem in den Medien als neuer Erfolg der Neurowissenschaften verbreitet, dass man Schmerzen jetzt sehen könne und dass es jetzt möglich sei, die Wirkung von Schmerzmitteln nachzuweisen, weil nach der Einnahme von Schmerzmitteln in den entsprechenden Hirnarealen eine geringere Aktivität nachzuweisen war. Es ist ohne Zweifel eine bahnbrechend neue Erkenntnis, dass Schmerzmittel wirken! Solche „Erfolge“ der Neurowissenschaften scheinen vor allem auf der visuellen Ausrichtung des Menschen zu beruhen. So wie die Waschmaschine durchgesetzt werden konnte, als man durch das Bullauge den Waschvorgang sehen konnte, so wurde Hirnforschung modern, seit man bunte Bilder vom Hirn machen kann.

Das eigentlich Neue an den Neurowissenschaften sind nicht neue Erkenntnisse über das Hirn, sondern die Neurowissenschaften selbst. Hier ist in den letzten 40 Jahren durch die interdisziplinäre Verbindung von Wissenschaftlern aus der Medizin, Chemie, Biologie und Psychologie, Informatik und Ingenieurswissenschaften ein neues, durch diesen Zusammenschluss produktives Fach geschaffen worden, welches die bislang in diesen einzelnen Wissenschaften verstreuten Kompetenzen und Erkenntnisse systematisch gebündelt hat. Die breite Medienpräsenz verführt immer mehr Wissenschaftler aus ganz anderen Disziplinen dazu, mit neurowissenschaftlichen Methoden zu arbeiten, um am Erfolg der Neurowissenschaften zu partizipieren und ihre Karrieren dadurch zu beflügeln, dass sie eine neurowissenschaftliche Subdisziplin ihres Faches zu begründen suchen. So hat z.B. ein amerikanischer Politikwissenschaftler versucht, mit bildgebenden Verfahren von Prozessen im Gehirn einen Einblick in den Ablauf politischer Entscheidungsprozesse zu bekommen. Es ist ihm gelungen, mit Arbeiten hierüber in renommieren neurowissenschaftlichen Zeitschriften zu publizieren. Gerade diese uneingeschränkte Integrationsfähigkeit macht die Neurowissenschaften in der Öffentlichkeit so erfolgreich.

Heinemann zeigt auf, dass der mediale Erfolg der Neurowissenschaften nur vor dem Hintergrund des grundlegenden Wandels der gesellschaftlichen Stellung der Wissenschaften, wie er mit dem „Bolognaprozess“ eingeleitet wurde, verständlich ist. Mit diesem wurde eine systematische Ökonomisierung der akademischen Wissenschaft durchgesetzt und die konsequente Transformierung wissenschaftlichen Wissens zu einer Ware. Dies führt zu einer massiven Entwertung alltäglichen Erfahrungswissens, zum Verlust jeglicher Form kritischer Wissenschaft und – ganz im Gegensatz zu der angeblichen, damit verbundenen Intention der Förderung wissenschaftlicher „Exzellenz“ – zu einer zunehmenden Dominanz akademischer Mainstreameliten und herrschender Wissenschaftsmoden. Den Neurowissenschaftlern ist es gelungen, diese neuen Strukturen hervorragend zu bedienen. Darauf beruht ihr Erfolg.

Heinemann: Populäre Wissenschaft

Torsten Heinemann: Populäre Wissenschaft. Hirnforschung zwischen Labor und Talkshow. Wallstein Verlag 2013. 304 Seiten. 29,90 Euro.