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Die Sturmtruppe der Kirche

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Als erster Filmemacher wurde der Österreicher Ulrich Seidl innerhalb eines Jahres mit drei verschiedenen Filmen zu den drei wichtigsten Europäischen Filmfestspielen in Cannes, Venedig und Berlin eingeladen. Im Rahmen einer Sondervorstellung bei der Berlinale konnte man die drei Filme erstmals am Stück sehen.
Mittwoch, 20. März 2013
Ulrich Seidl - Paradies Glaube 1

Paradies:Glaube - Ein Film von Ulrich Seidl

Die fanatische Katholikin Anna steht im Mittelpunkt von PARADIES: Glaube, dem zweiten und längsten Teil von Ulrich Seidls PARADIES-Trilogie, die mit PARADIES: Liebe Anfang des Jahres in den Kinos startete, nun ihren religionskritischen Höhepunkt erlebt und im Mai mit PARADIES: Hoffnung schließt. In dem bis zur Schmerzhaftigkeit unter die Haut gehenden Film trägt die tiefgläubige Anna die Botschaft Christi als missionarische Wandermuttergottes-Austrägerin engagiert unters Volk. Mit ihrer Gebetsgruppe „Legio Herz Jesu“ („Wir sind die Speerspitze des Glaubens. Wir sind die Sturmtruppe der Kirche.“) will sie erreichen, dass Österreich „wieder katholisch wird“. So zieht sie von Haus zu Haus und versucht, die Menschen zum „wahren Glauben“ zu bekehren.

Maria Hofstätter führt als Anna in grandioser Manier die verzweifelte Doppelmoral dieser Erzkatholikin vor, die einerseits jeder körperlichen Liebe abgesagt hat und die sexuelle Begegnung von Menschen verteufelt, andererseits aber eine geradezu körperliche Beziehung mit dem Gekreuzigten führt. Um fremde Sünden zu sühnen, peitscht sie sich, vor einem Kruzifix knieend, aus und robbt betend durch ihre mit Sakramenten und Kruzifixen vollgestopfte Wohnung. Nachts reibt sie sich erregt am Kruzifix. Bis zur Selbstaufgabe füllt Hofstätter diese ambivalente Rolle aus und verkörpert den religiösen Wahn dieser fanatischen Christin in Perfektion. Fassungslos wohnen die Zuschauer diesem grenzenlos extremen Treiben bei und erleben eine Frau, die in der verzweifelten Sehnsucht nach Liebe der Welt entflieht.

Ulrich Seidl - Paradies Glaube 2

Paradies:Glaube - Ein Film von Ulrich Seidl

In die Welt zurück holt sie ihr ägyptischer Ehemann Nabil, beeindruckend gespielt von dem Laienschauspieler Nabil Saleh, der nach zwei Jahren in seiner Heimat plötzlich wieder in ihrer Wohnung auftaucht. Seit einem Unfall sitzt er im Rollstuhl und ist auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Der gläubige Muslim fordert, dass sie sich nicht nur pflegerisch um ihn kümmert, sondern auch ihren ehelichen Pflichten nachkommt. Doch Anna ist längst vergeben. Ihre Liebe gehört allein Jesu Christi. „Jesus, es ist schön, in deine Augen zu schauen. Du bist so ein schöner Mann, der schönste, den’s gibt. Ich bin so glücklich, seit wir eine Beziehung haben“, säuselt sie dem an die Wand genagelten Kreuz eines Abends entgegen.

Zwischen den Eheleuten Anna und Nabil entwickelt sich das, was man nicht anders als die Hölle einer gescheiterten Ehe nennen kann. Ulrich Seidl führt hier vor, wohin die katholische Moral führt, in der Ehen für immer halten müssen. Diese Moral führt direkt in den Krieg, der ein Krieg der Geschlechter, der Ehre und der Kultur ist. In diesem Krieg wird heißblütig geschrien und eisig geschwiegen, Türen werden geschmissen und abgeschlossen, Menschen werden drangsaliert und bedrängt. Dieses Paradies des fanatischen Glaubens, dies macht Seidl deutlich, ist die Hölle. Metaphorisch überträgt Seidl diese Steigerung der Auseinandersetzung zweier religiöser Hardliner auf das Wetter, dass Anna entgegenschlägt, wenn sie mit ihrer Wandermuttergottes loszieht. Scheint am Anfang noch die Sonne, sind am Ende dunkle Wolken und ein Unwetter aufgezogen.

Ulrich Seidl - Paradies Glaube 3

Paradies:Glaube - Ein Film von Ulrich Seidl

Katholische Hardliner hatten im vergangenen Jahr versucht, Seidls Wettbewerbsbeitrag in Venedig als blasphemisch zu skandalisieren und forderten den Ausschluss aus dem Wettbewerb. Ein Irrsinn, wie auch die Jury mit ihrer Ehrung des Films bekannte. Und auch Ulrich Seidl selbst kann diese radikale Reaktion nicht verstehen. Im Interview sagte er:

Blasphemisch ist es, wenn man bewusste Gotteslästerung betreibt oder sich bewusst über Gläubige lustig macht. Aber das mache ich nicht. Ich zeige in einem Spielfilm eine Situation, die im Sinne dieser Figur und der Erzählung völlig richtig ist. Auch wenn das gewisse Christen nicht sehen wollen, ist das, was ich zeige, eine Wahrheit.

Der katholisch sozialisierte und keineswegs antireligiöse Seidl betreibt mit diesem Film keineswegs Gotteslästerung, sondern entblößt in eindrucksvollen Bildern nicht mehr und nicht weniger den fanatisierten Glauben, der einen Teil der religiösen Wirklichkeit darstellt.

Paradies Glaube Filmplakat

Ulrich Seidl: PARADIES: Glaube. Mit Maria Hofstätter und Nabil Saleh. 113 Minuten. FSK: 16 Jahre. Kinostart: 21. März

Internetseite zum Film.

Trailer "PARADIES: Glaube"