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Glaubwürdige Orientierung für eine nicht nur schöne neue Welt

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In unserer globalisierten Welt verändert sich Alles ständig, Vieles in rasender Geschwindigkeit, wir sind weltweit mit allen anderen Lebewesen verbunden, und es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Komplexität umzugehen. Die Philosophin und Kulturredakteurin Natalie Knapp zeigt in „Kompass neues Denken“, wie wir die Komplexität und die aus ihr resultierenden Themen und Probleme konstruktiv meistern könnten.
Donnerstag, 7. März 2013
Nathalie Knapp: Kompass neues Denken

Delphine können die abstrakte Aufgabe erfassen, „etwas Neues" zu präsentieren. Nach mehreren Durchläufen, in denen die Tiertrainerin versuchte, einem jungen Delphin dieses Konzept zu vermitteln und die Frustration des Tieres stetig wuchs, klappte es plötzlich. Irgendetwas war passiert, eine neue Stufe des Begreifens erreicht. Wie wir Menschen eine neue Stufe des Begreifens erreichen können, „Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können" (so der Untertitel des Buchs), möchte uns die Autorin nach dem Einstieg mit dem Delphin-Beispiel vermitteln.

Wir erfahren, wie wir lernen können, miteinander in den Dialog zu treten, miteinander (und mit unserer Umwelt) Beziehungen zu führen. Hierarchische Beziehungen, in denen einer meint, anderen sagen zu können, wo es langgeht, sind in einer komplexen Welt, die sich fortlaufend ändert, kontraproduktiv. Stattdessen solle jeder seinen eigenen Standpunkt finden, um daraufhin mit anderen im gleichberechtigten Dialog Lösungen zu finden, in dem und indem man einander richtig zuhört.

Knapp stellt etliche Beispiele für andere Formen des Miteinanders vor, wie etwa den brasilianischen Unternehmer Ricardo Semler, in dessen Dienstleistungsunternehmen Semco die Angestellten selbst bestimmen, was sie tun, wie sie es tun und auch noch wann und wo sie ihre Arbeit erledigen. Ihr Gehalt legen sie selbst fest und ebenso, ob sie neue Kollegen brauchen, die sie gleich selbst einstellen. Das Unternehmen ist in den 30 Jahren, seit diese Form der Arbeitsgestaltung eingeführt wurde, von 90 auf 3.000 Mitarbeiter gewachsen, der Umsatz um das 50fache. Der Leser erfährt zudem Einiges über Menschen, die sich im Widerstand gegen die Nazis engagierten sowie darüber, wie x-beliebige Bürger tragfähige politische Entscheidungen fällen können, wenn man ihnen dafür den geeigneten Rahmen bietet.

Man findet außerdem wirklich großartige und überraschende Sätze in dem Buch, wie zum Beispiel: „Nicht die Freiheit, die ich mir nehme, sondern die Freiheit, die ich gewähren kann, trägt dazu bei, den Wert der Freiheit zu verbreiten", „Während wir uns vielleicht so fühlen, als würden wir mit großer Anstrengung kleine nichtsnutzige Brötchen backen, bereiten wir in Wirklichkeit den Teig für ein gemeinschaftliches Brot" oder: „Es bedarf stetiger Anstrengung, von der Illusion der eigenen Bedeutung etwas Abstand zu gewinnen". Irgendwann formuliert Knapp gar die Empfehlung: „Falls also bislang das Wort ‚inneres Gleichgewicht' auf dem Wunschzettel Ihres Lebens stand, ersetzen Sie es am besten durch ‚sich von Ungleichgewichtsbewegungen tragen lassen'."

Darüber hinaus geht es um den Sinn des Lebens, wobei „'sinnvoll' ist, was uns wirklich berührt". Zwischen Interessen und Werten wird unterschieden, zwischen Kompliziertheit und Komplexität, es geht um den Prozess der (nicht ausbeutbaren) Selbstorganisation und es wird der Frage nachgegangen: „Was ist eigentlich ein ‚Ich'?" - wobei sympathischerweise das „Ich" in diesem Zusammenhang stets in Anführungszeichen gesetzt ist.

Natalie Knapps „Kompass neues Denken" ist ein zutiefst humanistisches Buch, das den Leser schnell in seinen Bann zieht und an vielen Beispielen zeigt, dass Menschen lernen können, „gut" und verantwortungsvoll zu sein, wenn sie nur wissen, wie. Die einen wählen die vermeintlich einfache Tour mit vermeintlich einfachen Lösungen und vermeintlichen Sicherheiten, während die anderen sich der Komplexität und der damit verbundenen Unsicherheit stellen. Sie begeben sich auf die Suche nach brauchbaren Lösungen, die heute anders sein können als gestern oder morgen.

Natalie Knapp schreibt locker, leicht zu lesen und humorvoll – womit also Form und Inhalt des Werkes einander ergänzen – und sie erweckt an keiner Stelle den Eindruck, irgendetwas besser zu wissen oder Vorschriften machen zu wollen. Sie zeigt in „Kompass neues Denken", wie Menschen die Gesellschaft, gar die Welt neu gestalten können, wenn sie nur den geeigneten Rahmen dafür vorfinden und lernen, wie sie miteinander in den Dialog treten können. Es wird eine große Herausforderung für Humanisten, diesen konstruktiven Rahmen herzustellen und den Dialog zu moderieren, um die großen Themen und Probleme unserer Zeit gemeinsam zu bewältigen. Dieses Buch bietet vorbildliche Anregungen und Orientierung, um sich gemeinsam auf die Suche zu begeben.

Natalie Knapp: Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können. Rowohlt 2013. 336 Seiten. 9,99 Euro (Leseprobe).