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Rückblick eines Insiders auf einen abgetretenen Papst

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Der katholische Theologe Matthew Fox erweist sich in seinem Buch „Ratzinger und sein Kreuzzug. Ein engagiertes Plädoyer für Schöpfungsspiritualität statt Dogmenmacht“ als Kenner und Zeitzeuge der Geschichte des Vatikans und der Entwicklung Ratzingers vom modernen Theologen zum Fundamentalisten. Das bereits vor zwei Jahren erschienene Werk des Amerikaners liest sich wie ein Rückblick auf das Ratzinger’sche Wirken und wie eine Bilanz seiner letzten 25 Jahre als Leiter der Glaubenskongregation und acht Jahre als Papst.
Mittwoch, 6. März 2013
Matthew Fox: Ratzinger und sein Kreuzzug

Matthew Fox' Buch Ratzinger und sein Kreuzzug zeichnet drei Kampflinien in Joseph Ratzingers Tätigkeiten im Vatikan nach, nennt exemplarisch einige seiner Gegner und die mächtigsten Verbündeten, erklärt die wichtigsten Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele und führt die hauptsächlichen Folgen seines einflussreichen Handelns vor Augen. Dabei beruft sich Fox auf seine zahlreichen Kontakte und Erfahrungen in und mit der Kirche und lässt Zeitzeugen, Experten und Journalisten zu Wort kommen. Während die Angaben aus den Medien präzis geboten werden, fehlen bei den Buchzitaten durchgehend vertiefende Angaben. Bedauerlich, insbesondere wenn man einzelnen Details gründlicher nachgehen möchte.

Hauptaufgabe von Ratzingers Tätigkeit als Präfekt der Glaubenskongregation (ab 1981-2005) war die Überwachung der Rechtgläubigkeit und auch Moral in Kirche und Klerus. Sein Amt als Wächter der Moral des Klerus nahm er gemäß Matthews Ausführungen u.a. in folgender Weise wahr: „Am 18. Mai 2001 sandte Ratzinger an alle Bischöfe ein Dokument, das sich mit schweren Verbrechen beschäftigte ..., in dem Missbrauchsfälle mit dem Siegel der besonderen päpstlichen Verschwiegenheit belegt wurden, deren Verletzung schwerwiegende Kirchenstrafen zur Folge haben konnte." Allein in Irland wurden 13.000 Missbrauchsfälle von Priestern und Ordensleuten registriert. Der Cloyne-Report hatte dies offengelegt. Seither vollzieht sich in Irland ein bemerkenswerter Wertewandel.

Als Wächter der Rechtgläubigkeit kämpfte Kardinal Ratzinger gegen die Theologie der Befreiung indem er z.B. führende Theologen Lateinamerikas zensierte und mit Lehrverboten belegte. Ratzingers Diffamierung der Theologie der Befreiung als kommunistisch überzeugt Matthew nicht, denn diese Priester haben sich in Lateinamerika für das politische Modell westlicher Staaten eingesetzt: Demokratie statt Diktatur, für friedlichen Arbeitskampf gegen Ausbeutung. Matthew berichtet von der Repression gegen Lateinamerikas Anhänger der Theologie der Befreiung. Bis Ende der siebziger Jahre sind mehr als 850 Priester und Nonnen ermordet worden, weil sie für die Bedürfnisse der Armen eingetreten waren. Doch wer meint, die katholische Kirche oder Ratzinger hätte das sonderlich bewegt, sieht sich getäuscht.

Man sollte meinen, dass der Vatikan Mitgefühl für die 850 Martyrer hat, die ihr Leben für die von den Evangelien vermittelten Werte gegeben haben. Doch statt dessen attackierte Ratzinger den Versuch, einem Kontinent im Namen Christi Gerechtigkeit zu bringen, der so lange von Eroberungen und Ausbeutung ausgeblutet worden ist – erst durch die Hand Europas und in jüngerer Zeit durch Nordamerika.

Theologisch hatten sie Jesus auf ihrer Seite, argumentiert Matthew, weil dieser für die Armen seiner Zeit eintrat. Gleichzeitig agierte der Kardinal und Papst gegen einen gleichberechtigten Dialog mit anderen christlichen Konfessionen (vgl. Enzyklika Dominus Jesus) und Religionen sowie gegen Aufklärung und Rationalität in Kirche und Gesellschaft der Moderne.

Ratzingers Verbündete waren und sind nach überzeugender Darlegung von Matthew Fox der erzkonservative Opus Dei, die radikalen Legionäre Christi und die fundamentalistische Organisation Gemeinschaft und Befreiung. Fox führt die politischen Verwicklungen des weltweit agierenden Opus Dei vor Augen und beschreibt die Organisation anhand der Erfahrungen der langjährigen Sekretärin Maria del Carmen Tapia mit Josemaría Escrivá und dem Opus Dei als eine Sekte mit einem Guru. Der mexikanische Pater Maciel gründete die Legionäre Christi. Er wird „als einer der größten Geldbeschaffer der modernen katholischen Kirche" bezeichnet. Obwohl „er zwischen den vierziger und sechziger Jahren mindestens 20 Legions-Seminaristen sexuell missbrauchte", so Matthew, und sein Bischof in dieser Sache drei Mal, zuletzt 1989, nach Rom schrieb, geschah nichts, auch unter Ratzinger nicht. Maciel „gründete im Laufe der 1980er Jahre drei Familien, zwei in Mexiko und eine in der Schweiz" und starb 2009 im Beisein seiner Tochter, dessen Mutter und einiger Legionäre Christi. Die fundamentalistische und rechtslastige Organisation Gemeinschaft und Befreiung gedieh unter der besonderen Förderung von Kardinal Bernard Francis Law aus Boston. Dieser stellte sich gegen die Bischofskonferenz in den USA, welche den Vietnamkrieg verurteilte. Als Bischof vertuschte er Fälle von sexuellen Übergriffen Geistlicher. 500 Personen klagten deshalb gegen seine Diözese. Law „verließ Boston wenige Stunden, bevor die Nationalgarde mit einer Zwangseinladung für ihn eintraf...." nach Rom, beschreibt Matthew.

Imperator der Gegenaufklärung oder König vom Katholikenkiez?

Doppelcover

Was ist Benedikt XVI. für ein Papst, fragten wir im September 2011, als Joseph Ratzinger als Papst die Bundesrepublik besuchte. Unser Autor Arik Platzek schrieb damals, dass Benedikt XVI. eine der konservativsten Formen der christlichen Religion vertritt und verteidigt, deren fundamentale Annahmen von Forschung und Wissenschaft widerlegt worden sind und deren Aussagen keiner kritischen und rationalen Prüfung mehr standhalten. Seinen Auftritt im Bundestag bezeichnete Platzek als "Tiefpunkt für die säkulare Republik". Sie haben die Ausgabe verpasst? Für 4,75 Euro senden wir Ihnen das Heft zu. Einfach eine Mail an abo@diesseits.de; Kennwort: Ratzinger.

Seine konservativ-theologische Weltsicht und kirchenpolitische Strategie setzte Ratzinger Matthew Fox zufolge mit der Zerschlagung der Befreiungstheologie (bei gleichzeitiger Unterstützung des Vatikans für Kontras in El Salvador, Guatemala und Nikaragua), mithilfe von Kooperation mit Diktaturen und hohen Finanzkreisen, durch den Aufbau von Privatschulen, Hochschulen und Priesterseminaren in der Hand von Opus Dei, Legionären Christi sowie der Organisation Gemeinschaft und Befreiung sowie durch die Besetzung der kirchlichen Leitungsebenen mit konservativen Bischöfen und Kardinälen aus denselben Kreisen durch. Matthew macht deutlich, wie hier ein Zahnrad in das andere greift, um das große Uhrwerk der Ratzinger'schen Zeitenwende in Gang zu setzen.

Im Ergebnis von 25 Jahren als oberstem Glaubenshüter und den acht Jahren als Papst stellt Fox der Lebensleistung Ratzingers ein miserables Zeugnis aus. Er beschreibt den Niedergang einer weltoffenen, dialogbereiten katholischen Theologie und führt als Beleg die Namen von 99 unter Ratzinger zum Schweigen gebrachten Personen in einer „Klagemauer" auf. Er führt vor Augen, wie die Zementierung der konservativen Theologie und Politik der katholischen Kirche erfolgte. Nämlich indem er die Besetzung von Bischöfen und Ernennung von Kardinälen gezielt aus den Gruppierungen förderte, welche die Kirchenpolitik von Johannes-Paul II., dem Chef der Glaubenskongregation Ratzinger sowie Papst Benedikt XVI. bedingungslos befürwortet und unterstützt haben,. Unter Johannes Paul II. und Ratzinger seien die Ernennungen der Bischöfe von Rom zentral bestimmt worden. So seien die nationalen Bischofskonferenzen sukzessive entmachtet worden, berichtet Matthew Fox. Die „moralische Weltmacht" katholische Kirche erscheint bei Matthew Fox als ein Sumpf aus Seilschaften zur Vertuschung und versuchten Strafvereitelungsmaßnahmen im Amt von Bischöfen und Papst, wenn es um tausende missbrauchter Kinder und Jugendliche geht.

Mit seinem Plädoyer für Spiritualität statt Dogmen am Schluss seines Buches folgt Matthew Fox allerdings und bedauerlicherweise dem schon von Gerhard Czermak kritisierten Trend von Gläubigen, die weder weiterhin die Bibel fundamentalistisch wörtlich verstehen können, noch die Ergebnisse historisch-kritischer Bibelforschung akzeptieren wollen.

Wer über die doppelte Amtszeit von Ratzinger im Vatikan sich informieren, reden oder schreiben möchte, sollte vorher dieses Buch gelesen haben, dass in Alan Poseners Der gefährliche Papst eine sinnvolle Ergänzung findet. Nach der Lektüre von Ratzinger und sein Kreuzzug drängt sich der Eindruck auf, dass es noch mehr Gründe für den Rücktritt des deutschen Papstes Benedikt XVI. geben könnte als nur sein Alter und seine Gesundheit. Denn kein Regierungschef eines demokratischen Landes auf unserem Planeten hätte sich nach dem Bekanntwerden der Vereitelung von Strafverfolgung bei Kindesmissbrauch unter seiner Verantwortung länger als einen Tag im Amt halten können.

Matthew Fox: Ratzinger und sein Kreuzzug. Ein engagiertes Plädoyer für Schöpfungsspiritualität statt Dogmenmacht. Arun Verlag 2011. 308 Seiten. 7,95 Euro (Leseprobe).