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Berlinale: Gesellschaftspolitische Dramen räumen Bären ab

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Die Berlinale hat sich einmal mehr als politischstes aller Filmfestivals bewiesen. Mit dem rumänischen Drama „Child’s Pose“, dem bosnischen Roma-Film „An Episode in the Life of an Iron Picker“, dem kasachischen Beitrag „Harmony Lessons“ und Jafar Panahis heimlich gedrehtem Selbstporträt haben gleich vier politische Filme die wichtigsten Bären erhalten. Eine Ode an das Leben erzählte einzig der chilenische Beitrag „Gloria“, dessen Hauptdarstellerin Paulina Garcia die Jury am meisten beeindruckte.
Mittwoch, 20. Februar 2013

Festivaldirektor Dieter Kosslick hatte für die diesjährige Berlinale starke Frauen versprochen und sie geliefert. Ob Pauline Etienne als Suzanne in der Diderot-Verfilmung Die Nonne (diesseits-Kritik), Paulina Garcia als lebensfrohe Gloria in dem gleichnamigen chilenischen Wettbewerbsbeitrag, Nina Hoss als zähe Auswandererin in Thomas Arslans Deutschwestern Gold oder Catherine Deneuve als Bettie auf Abwegen in Elle s'en va – diese Frauenrollen berührten den Zuschauen während der Berlinale, die am Sonntag ihre Toren schloss, aufgrund ihres würdevollen Kampfes um ein gutes, erfülltes Leben.

Krankhafte Mutterliebe

Childs Pose 1

Luminita Gheorghiu als Cornelia in Child's Pose | © Cos Aelenei

Ein solch erfülltes Leben inmitten der von Armut gezeichneten rumänischen Gesellschaft hat Cornelia bereits. Die 60-Jährige lebt an der Seite eines erfolgreichen Geschäftsmannes, gehört zur rumänischen High Society und weiß, wie man kämpfen muss, um weiterhin oben mitzuschwimmen. Die darwinistischen Prinzipien des „Fressen und Gefressen-werden" haben sich in der gut betuchten Kleinfamilie bislang immer als richtig erwiesen. Kein Wunder also, dass sich Cornelia (Luminita Gheorghiu) auch für das Ausspielen ihrer Stärken und Trümpfe entscheidet, als es darum geht, ihren einzigen Sohn, den 34-jährigen Barbu, vor dem Gefängnis zu bewahren.

Das verloren-depressive Nesthäkchen Barbu (Bogdan Dumitrache) steht bereits mit einem Bein im Knast, denn er hat vor den Toren von Bukarest einen kleinen Jungen überfahren, als er sich auf der Autobahn ein kleines Duell mit dem Fahrer eines anderen Luxusmobils geliefert hat. Er selbst gesteht seine Verantwortung kleinmütig, stellt sich bereitwillig für die obligatorischen Tests zur Verfügung. Bis seine Mutter Cornelia in Begleitung seiner Tante Olga (Natasa Raab) auf der Polizeistation auftaucht und die Sache an sich zieht. Ihre Argumente bestehen nicht aus Worten, sondern aus einer Mischung aus Einfluss und gebündelten Geldscheinen. Um ihren Sohn zu retten, lässt die alles andere als sympathische Cornelia nichts unversucht. Sie setzt die ermittelnden Polizisten unter Druck, versucht den Augenzeugen zu bestechen, damit er seine Aussage „korrigiert" und bietet der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie des verunglückten Kindes an, die Kosten der Beerdigung zu tragen – in der Hoffnung, diese würden dann die Anzeige gegen Barbu zurückziehen. Am Ende ist sie sich nicht einmal zu schade, ihren „einzigen Sohn" gegen die verbleibenden zwei Kinder der Familie des toten Jungen in Stellung zu bringen. Fassungslos wohnt man diesem selbstverständlichen Spiel auf der Klaviatur der Dreistigkeiten bei.

Childs Pose 2

Bogdan Dumitrache als Barbu in Child's Pose | © Cos Aelenei

Der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer erzählt in seinem mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Psychodrama Child's Pose, der in diesem Jahr noch in die deutschen Kinos kommen soll, eine Geschichte von Macht, Einfluss und Korruption. Auf einer zweiten Ebene erzählt der Film von der psychischen Gewalt, die sich innerhalb einer Familie abspielen kann. Denn die Beziehung zwischen Cornelia und Barbu ist alles andere als harmonisch. Barbu hat die Nase voll von der Bevormundung durch seine Mutter. Er ist ausgezogen und lebt mit seiner Freundin Carmen, die Cornelia als Einzige Widerstand leistet und somit die meisten Sympathiepunkte bekommt, in einer eigenen Wohnung. Cornelias Einsatz für das Wohl ihres einzigen Sohnes ist alles andere als selbstlos. In ihrer krankhaften Mutterliebe wittert sie die Chance, sich ihrem Sohn wieder anzunähern, ihn zurückzuerobern aus den Klauen von Carmen, aus dem Untersuchungsgefängnis und aus dem moralischen Druck seiner Schuld.

Ohne Zweifel brilliert Luminita Gheorghiu in der Rolle der Cornelia und zeigt uns diese jederzeit berechnende Frau als überaus präsente Persönlichkeit. Zugleich wird in dieser manipulierenden Frauenrolle auch deutlich, dass die von Dieter Kosslick versprochenen starken Frauen nicht automatisch auch sympathische Frauen sind. In ihrer Vehemenz und Selbstverständlichkeit, den eigenen Sohn um jeden Preis vor einer Strafe zu schützen und dabei auch noch den geringsten Anspruch von Recht und Gerechtigkeit mit den Füßen zu treten, bleibt sie dem Zuschauer fremd und auf Distanz. Zugleich verursacht das Ignorieren der Opfer in diesem Film einen verblüffenden Effekt: Gerade weil um die Opfer, vor denen sich Calin Peter Netzer am Ende von Child's Pose verneigt, in diesem gesellschaftspolitischen Film eine Sperrzone errichtet wird, sind sie permanent gegenwärtig und treten in den emotionalen Vordergrund des Cineasten.

Am untersten Ende der Gesellschaft

Iron Picker 1

Nazif zerlegt in An Episode in the Life of an Iron Picker Autos

Bei der Preisverleihung sagte die Produzentin Ada Solomon, dass sich die rumänische Regierung bewusst sein sollte, dass Filme wie Child's Pose ein realistisches Bild des heutigen Rumänien in die Welt schicken und dieses Bild Auswirkungen auf die Wirklichkeit haben kann. Dies gilt zweifellos auch für den mit zwei Silbernen Bären ausgezeichneten Film An Episode in the Life of an Iron Picker des bosnischen Oscar-Preisträgers Danis Tanovic. Er erhielt für sein Roma-Drama den Großen Preis der Jury, sein Hauptdarsteller Nazif Mujic wurde als bester Darsteller geehrt. Tanovic erzählt darin die Geschichte von Nazif und Senada, die in einem kleinen Dorf in bitterarmen und harten Verhältnissen leben. Den Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie verdient Nazif mit dem Handel von Schrott, indem er Autos mit Hammer und Axt zerlegt und diese dann in Einzelteilen an Schrotthändler verkauft. Ein Knochenjob, wie Tanovic in eindrucksvollen Bildern zeigt.

Senada erwartet das dritte Kind, das im fünften Monat in ihrem Bauch stirbt. Als wäre das nicht Drama genug, beginnt nun die eigentliche Katastrophe. Im lokalen Krankenhaus kann man nur feststellen, dass eine Totgeburt eingeleitet werden muss. Man schickt sie dafür in die städtische Klinik, aber allein dorthin zu kommen, ist schon eine Herausforderung für die junge Familie. Weil Senada keine Krankenversicherung besitzt, lehnt man die dringend benötigte Behandlung dort jedoch ab. Nazif soll 500 Euro zahlen, sonst werde man Senada nicht helfen, sagt ihm der zuständige Arzt. Dieses Geld hat die Familie aber nicht. Weder mit dem Einsammeln von Schrott noch dem Zerlegen des familieneigenen Wagens ist der Betrag annähernd aufzubringen. Während sich seine Frau in Schmerzen windet, lässt Nazif dennoch nichts unversucht, um seiner Frau zu helfen. Als nicht einmal eine Hilfsorganisation für Roma-Frauen Rat weiß (was dann doch sehr unglaubwürdig erscheint), hilft nur noch der „Betrug" mit einer anderen Versicherungskarte in einer anderen Klinik.

Iron Picker 2

Die Roma-Familie ist mit zahlreichen Diskriminierungen konfrontiert

An Episode in the Life of an Iron Picker ist eine eindringliche Erzählung von Diskriminierung und gesellschaftlicher Ignoranz. Fassungslos sieht man dabei zu, wie Nazif und Senada – beides Laienschauspieler, die ihre eigene Geschichte erzählen – immer wieder gegen die unüberwindbaren Mauern der Roma-Diskriminierung laufen. Ihre Ausweglosigkeit ergibt sich aus der Identität, die ihnen zugeschrieben wird. Hauptdarsteller Nazif Mujic appellierte auf der Pressekonferenz zum Film an die Gleichheit der Menschen. Man dürfe nicht auf die Nationalität, den religiösen Hintergrund und die Hautfarbe schauen, wenn es darum geht, jemandem in Not zu helfen. „Wenn jemand in ein Krankenhaus kommt und verletzt ist, also blutet, dann sind wir doch alle gleich, dann muss einem Menschen doch geholfen werden". Eine starke Aussage eines starken Darstellers in einem politisch bemerkenswerten Film, der jedoch nicht mit dem im vergangenen Jahr ausgezeichneten ungarischen Roma-Drama Nur der Wind mithalten kann.

Gewalt allerorten

Der eindrucksvollste Film aus dem östlich von Berlin kam mit Harmony Lessons aus Kasachstan. Der erst 29-jährige Regisseur Emir Baigazin hat mit seinem Wettbewerbsbeitrag auf der diesjährigen Berlinale eine außergewöhnliche Gesellschaftsstudie seiner Heimat vorgestellt. Darin erzählt er von der allgegenwärtigen Gewalt in der kasachischen Gesellschaft, die er an verschiedenen Schauplätzen vorführt. Den Auftakt bildet das Schlachten eines Schafes durch den 13-jährigen Aslan (Timur Aidarbekov), nachdem dieser das Tier erst über den verschneiten Hof vor der Kulisse der zentralasiatischen Gebirgslandschaft jagen musste. Mensch regiert Tier!

Harmony Lessons

Überall lauert die nackte Gewalt des autoritären kasachischen Regimes | © Harmony Lessons Film Production

Dieses Bild dreht sich aber bald. Schon der englische Staatsphilosoph Thomas Hobbes wusste, dass der Mensch des Menschen Wolf ist. Baigazin führt uns in seinem Film vor, was dies im Kasachstan der Gegenwart heißt. An Aslans Schule herrscht ein Terrorregime, kontrolliert von dem Kindertyrannen Bolat, der nach unten tritt, um nach oben zu dienen. Er geht dabei äußerst brutal vor und erpresst, droht und prügelt gemeinsam mit seinen Lakaien die anderen Schüler. Für Aslan hat er nur Verachtung übrig, so dass dieser besonders unter diesem Zwangssystem zu leiden hat. Der physikbegeisterte Aslan wiederum lebt seine Machtfantasien zuhause aus, wo er Kakerlaken auf selbstgebastelten elektrischen Stühlen quält und die vom Strom gelähmten Tiere anschließend an seine Leguane verfüttert. Kakerlaken und Leguane gehören übrigens zu den wenigen Tieren, die jede menschengemachte Katastrophe überleben würden.

Als mit Mirsain ein neuer Schüler aus der Stadt in die Schule kommt und die dort herrschenden Machtverhältnisse infrage stellt, beginnt sich auch Aslan gegen das Schulregime zu wehren. Eines Tages wird Bolat tot aufgefunden, Aslan und Mirsain geraten unter Verdacht und in den repressiven Polizeiapparat des zentralasiatischen Staates, der mit allen Mitteln ein Geständnis aus den zwei minderjährigen Schülern herausholen will. So führt Baigazin die unmenschlichen Methoden des autoritären kasachischen Regimes vor Augen, in dem sich Hobbes Weisheit immer wieder bestätigt. In ruhigen und aufgeräumten Weitwinkelaufnahmen erzählt Kameramann Aziz Zhambakiyev diese erschlagende Geschichte, kontrastiert die diktatorische Ordnung mit aufgeräumten Bildern und erhielt dafür den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung.

Zwischen Hausarrest und Leben in der Wildniss

Prince Avalanche

Zwei Männer auf der Suche nach sich selbst in Prince Avalanche | © Scott Gardner

Als herausragend ist zweifellos auch Jafar Panahis Film Closed Curtain zu bezeichnen, den der iranische Regisseur trotz Berufsverbot (gemeinsam mit Kamboziya Partovi) heimlich in einem Haus am Kaspischen Meer gedreht hat. Dieses überaus kluge, surreal-gespenstische Selbstporträt eines an seinem Beruf gehinderten Regisseurs, in dem ganz nebenbei von einer iranischen Gesellschaft in Angst erzählt wird, wurde mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch geehrt (hier geht's zur diesseits-Kritik).

Den Silbernen Bären für die beste Regie erhielt David Gordon Green für seine Neuverfilmung des isländischen Films „Either Way" unter dem Titel Prince Avalanche, der sicher auch in die deutschen Kinos kommen wird. Dieses amüsante Psychogramm zweier ungleicher Männer, die Fahrbahnmarkierer Alwin und Lance, behält einige Lacher vor, bleibt aber an der Oberflächlichkeit des amerikanischen Beziehungsdramas. Warum es hier einen Bären gab, bleibt im Verborgenen.

Neue Perspektiven hat Denis Cotés surrealer Film Vic+Flo ont vu un ours geboten und erhielt dafür den Silbernen Bären in dieser Kategorie. Lakonisch erzählt der Kanadier darin die Geschichte zweier Frauen, die sich in der kanadischen Wildnis selbst und gegenseitig suchen und dabei sowohl vom Bewährungshelfer der gerade entlassenen Vic als auch von Personen aus der dunklen Vergangenheit heimgesucht werden. Erzähl- und Wirklichkeitsebenen werden hier ineinander geschoben und miteinander verwoben, bis daraus eine surreale Kunstwelt mit ihren eigenen Existenzregeln hervorgeht.

Liebe im vorgerückten Alter

Gloria 1

Paulina Garcia überzeugt in Gloria

Bleibt am Ende von einer überaus starken Frau mit einer beeindruckenden Kamerapräsenz zu berichten. Paulina Garcia spielt die Gloria in dem gleichnamigen Film des chilenischen Regisseurs Sebastián Lelio. Gloria ist Ende 50, seit 15 Jahren von ihrem Mann getrennt, hat ihre beiden Kinder in die Eigenständigkeit entlassen und schaut nun interessiert auf den zahlreichen Singlepartys in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile, was das Leben noch für sie bereithält. Immer mal wieder trifft sie dabei auf Männer, die kurzzeitig ihr Interesse wecken, die die Bedürfnisse der lebensfrohen Gloria aber nicht langfristig ausfüllen können. Bis sie den sieben Jahre älteren Rodolfo kennenlernt, der seinen etwas zu voluminös geratenen Bauch unter einem Nierengürtel verbirgt. Beide starten in eine zärtliche und zugewandte Beziehung, über die sich aber bald Schatten legen. Denn Rodolfo kann sich von seiner Familie nicht loslösen, fühlt sich immer noch verantwortlich für seine zwei Töchter und seine Frau, die in Unselbstständigkeit und Versorgungshaltung verharren.

Sebastián Lelios Gloria erzählt von der Liebe im vorgerückten Alter – in Zeiten des abnehmenden Lichts, wenn man so will – und berührt damit ein Thema, das die alternden Gesellschaften des Westens alle betrifft. Ähnlich wie Andreas Dresen in Wolke 9 macht er das auf sensible und würdevolle Art und Weise. Das diesjährige Jury-Mitglied Andreas Dresen nimmt allerdings eine noch frühere Generation in den Blick.

Gloria 2

Der chilenische Regisseur Sebastián Lelios erzählt von der späten Liebe

Die Lebendigkeit der Generation der End-50er verkörpert Paulina Garcia mit Leib und Seele. Jeder Auftritt von ihr wird zu einer Sensation, sie zieht den Blick des Zuschauers magisch auf sich. Gespannt verfolgt man jede ihrer Handlungen und versucht zugleich, in ihren Gesichtszügen zu lesen, was hinter den braunen Augen vor sich geht. Die Melancholie, die sich im Laufe des Lebens einstellt und die hier neben Glorias Lebensfreude steht, absolut glaubhaft. Paulina Garcia berührt den Zuschauer auf eine unnachahmliche Weise. Selbst nach der Pressevorführung des Filmes gab es Begeisterungsstürme für ihre Performanz.

Dass auch die Liebe im Alter nicht ganz einfach ist und in der Tatsache, dass jeder sein Leben auf dem Buckel mit sich herumträgt, ihre Tücken bereithält, überrascht nicht wirklich. Aber Paulina Garcia macht aus dieser simplen Wirklichkeit einen sensationellen Film.

Besondere Erwähnungen

Layla Fourie

Erfolgreichster deutscher Wettbewerbsteilnehmer - Layla Fourie wurde lobend erwähnt | © Pandora Film

Nicht mit Bären versehen, aber lobend von der Jury erwähnt wurden außerdem der deutsche Wettbewerbsbeitrag Layla Fourie, der die Geschichte einer alleinstehenden Mutter in Südamerika erzählt, die in einen tragischen Verkehrsunfall verwickelt wird, der ihrem Leben in den darauffolgenden Wochen einen Stempel aufdrückt. Pia Marais ist ein eindrucksvolles Porträt einer jungen Frau gelungen, die allen widrigen Umständen zum Trotz ihren Weg zu gehen versucht.

Auch Gus Van Sants kapitalismuskritischer Beitrag Promised Land (mit Matt Damon) über einen Vertreter eines Energiekonzerns, der für seinen Arbeitgeber Ländereien kauft, unter denen in einer schmutzigen Methode nach Erdgas geböhrt wird (Fracking) wurde besonders erwähnt. Seinen Bären hat Gus Van Sant wahrscheinlich in den letzten fünf Minuten des Films versenkt.