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„Tatschi, tatschi“ – Lektionen einer Sextouristin

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Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl startet seine Filmtrilogie über drei Frauen einer Familie vielversprechend mit seinem Doku-Drama „PARADIES: Liebe“. Darin begleitet er mit seiner Kamera nüchtern und abgeklärt eine Sextouristin in Kenia und entblättert dabei schonungslos das kolonial-rassistische System des globalen Fleischmarkts, ohne seine Protagonistin bloßzustellen.
Dienstag, 29. Januar 2013
Paradies Liebe

Eine bewachte Leine trennt die eine Welt von der anderen. Sie verläuft wie eine rote Linie zwischen zwei Sehnsuchtsorten, von denen einer Wohlstand und der zweite Zuneigung verspricht. Die 50jährige Teresa aus Österreich, deren Statur Spiegel eines prekären und mühevollen Lebens in Wohlstandseuropa ist, liegt mit ihrer österreichischen Reisegesellschaft auf der einen Seite dieser Leine. Auf der anderen Seite stehen sich ein gutes Dutzend junger afrikanischer Männer geduldig die Beine in den Bauch, in der Hoffnung, dass eine der korpulenten weißen Damen Lust auf ein Urlaubsabenteuer verspürt.

Sehen kann man diese Szene in den deutschen Kinosälen, in denen derzeit der erste Teil der Paradies-Trilogie des österreichischen Filmregisseurs und Drehbuchautors Ulrich Seidl (Import Export, Hundstage) läuft. Seidl will in der Trilogie, deren Ästhetik und Haltung den deutschen Kinofrühling ohne Zweifel mitbestimmen wird, die Geschichten dreier Frauen aus einer Familie erzählen. Alle drei lernt man zu Beginn von PARADIES: Liebe kennen: Teresa, eine 50jährige Österreicherin, die in Kenia zwei Wochen Liebesurlaub machen möchte. Ihre pubertierende Tochter, die im dritten Teil der Trilogie PARADIES: Hoffnung, der im diesjährigen Wettbewerbsprogramm der Berlinale läuft, im Mittelpunkt stehen wird, bringt sie zu ihrer Schwester. Diese wiederum ist die Hauptperson in Seidls PARADIES: Glaube, das Mittel- und vielleicht Kernstück der Filmtrilogie, das am 21. März in den deutschen Kinos startet.

Um glauben oder nicht glauben geht es in PARADIES: Liebe kaum. Aber die Fragen, ob man sich selbst noch über den Weg traut und an sich selbst glaubt, liegen im weißen Sand der kenianischen Küste. An der verbringt Teresa zwei turbulente und aufwühlende Wochen mit einer Gruppe liebeswilliger Damen ihrer Generation. Im Stile eines Dokumentarfilmers begleitet Seidls Kamera Teresa nüchtern beobachtend bei ihren Ausflügen am Strand, wo sie die jungen attraktiven Beachboys kennenlernt, die sie später in ihren erbärmlichen Behausungen zur „Sugarmama" machen. Teresa lässt sich auf das Spiel ein, welches hier gespielt wird: Schwarze Liebessklaven tragen ihren Körper auf den örtlichen Fleischmarkt, auf dem sich die sexhungrigen Gäste in ihrer Heimat schon lange nicht mehr bewähren können.

Paraides Liebe 1

Dieses Spiel ist ein zutiefst kapitalistischer Handel, bei dem ein Produkt wegen Erfolglosigkeit auf dem einen Markt auf einen anderen versetzt wird. Frauen wie Teresa wissen genau, dass ihre fleischigen Körper auf dem heimischen Markt der libidinösen Eitelkeiten nur wenig wert sind, weil sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Deshalb fahren sie nach Afrika, wo sie sich von jungen Männern verwöhnen lassen, denen sie im Gegenzug ein Moped finanzieren oder sogar die Aussicht auf ein besseres Leben in Europa geben.

Teresa lässt sich auf den aufgesetzten Charme der liebesdienenden Männer ein, wechselt die Männer nicht ganz so häufig, wie andere die Hemden, ist aber durchaus offen für das exotische Abenteuer. Anfangs lässt sie sich noch von dem Reiz der paradiesischen Liebesaffäre blenden, aber schnell kehrt Ernüchterung ein angesichts der Realität, die sie dabei erlebt. Die erkaufte Liebe mag ihren Hunger nach Berührung und Zärtlichkeit etwas stillen, aus ihrer Einsamkeit holt sie sie nicht.

Ihre Sehnsucht nach Liebe führt Teresa in schmierige Hotels, schmutzige Bars und heruntergekommene Baracken, in denen sie unter notdürftig geflickten Moskitonetzen aufwacht. Sie führt sie aber auch weg von den ausgetreten touristischen Safari-Pfaden, heran an die Wirklichkeit des afrikanischen Alltags: Sie besucht als edle Spenderin eine überfüllte Schulklasse und unterstützt – unwissentlich wohlgemerkt – die Familie eines ihrer Liebesdiener.

Ulrich Seidl verschont weder seine Protagonistin noch seine Zuschauer mit  der Wirklichkeit des Liebesabenteuers iim Urlaubsparadies, das wenig mit Palmen, weißem Sandstrand und sauberen Hotelbetten zu tun hat. Schonungslos deckt er das System des Sextourismus an den Sehnsuchtsorten dieser Welt auf, in denen sich längst eine abseitige, aber nicht zu übersehende Parallelwelt der gekauften Liebe entwickelt hat. Zugleich konfrontiert er die Zuschauer mit einem Afrika, das mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat als die Hotelgärten und Strandbars, in denen sich Pauschaltouristen gemeinhin verbarrikadieren.

Paraides Liebe 2

In eindringlichen Bildern führt Ulrich Seidl in PARADIES: Liebe die Parallelwelt des Sextourismus vor. Die weiten Panoramen der paradiesischen Kulisse kontrastiert er mit der bedrückenden Atmosphäre der fensterlosen Liebeshotels und dekonstruiert so ein träumerisch verklärtes Bild dieser Orte.

Seidl reißt mit seinem Beitrag die Wunden der kolonialen Vergangenheit Europas ganz bewusst auf. Mit einer brillanten Margarethe Tiesel in der Rolle der Teresa, für die sie den Österreichischen Filmpreis als Beste Darstellerin erhalten hat und für den Europäischen Filmpreis nominiert worden ist, erkundet er den spätkolonialen Rassismus der weißen Sugarmamas, die hier nur stellvertretend für die europäischen Reisenden stehen.Er rekurriert so auf eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, die bei den Wissenschaftlern des 18. Jahrhunderts angefangen hat und sich über die Missionare und Abenteurer des 19. Jahrhunderts bis zu den Pauschaltouristen der Gegenwart hinzieht.

Kein Wunder also, dass sich Teresa, Inge und die anderen Damen nicht nur von den Schwarzen verwöhnen lassen, sondern sie auch beherrschen wollen. Sie meinen auch, einen berechtigten Anspruch darauf zu haben, schließlich haben sie "Vollpension" gebucht. Tiesel füllt diese selbstverständliche Anspruchshaltung auf Erfüllung des vermeintlich gebuchten Gesamtpakets der Sugarmamas mit vollem Körpereinsatz aus. Sie gibt der Teresa die Aura einer Verlorenen auf der Suche nach sich selbst, die nach Liebe und Zuneigung hungert und in eine Art Abhängigkeit gerät. Hin- und hergerissen zwischen der eigenen Leere, der aufgesetzten Lebendigkeit ihrer „Reisegruppe" und der zwanghaften Sehnsucht nach Nähe offenbart sie aber auch die Unbarmherzigkeit der Sextouristin, wenn es nicht nach ihrer Vorstellung läuft. Der schwarze Hotelboy, der den Oralsex verweigert, wird rausgeschmissen. Ein „gebuchter" Beachboy, der nicht die entsprechende Körperreaktion zeigt, als ihn die halbnackten Damen zum Gruppensex animieren wollen, wird als Schlappschwanz vor die Tür gesetzt. Es geht nicht um Freiwilligkeit, sondern um die Erfüllung eines Anspruchs, ganz nach dem Motto: „Wir zahlen, ihr befriedigt!"

Das bittere Spiel des Sextourismus ist aber nicht nur eines der Machtausübung, sondern auch eines der Hilflosigkeit. Als einer der Sexdiener zu forsch an die Sache herangeht, bremst ihn Teresa. Sie will nicht Sex, sie will begehrt werden. Und in einer Art anrührender Fürsorge will sie ihren jungen Gespielen an die Kunst der edlen Verführung heranführen. Sie nimmt seine Hand, führt sie über ihren Körper und sagt, er solle sie sanft und zärtlich berühren. Im radebrechenden internationalen Idiom heißt das dann „tatschi, tatschi". Danach schläft sie friedlich unter dem Moskitonetz, während der Standventilator die Erbärmlichkeit der Situation durch den Raum treibt.

PARADIES: Liebe. Ulrich Seidl. 121 Minuten. FSK ab 16 freigegeben.

Webseite des Regisseurs Ulrich Seidl unter www.ulrichseidl.com.