Direkt zum Inhalt

Das Drama des Lebens im Hochsicherheitstrakt

Druckversion
Die italienischen Brüder Taviani hatten im vergangenen Frühjahr bei den 62. Internationalen Filmfestspielen in Berlin den Goldenen Bären gewonnen. Ihr außergewöhnlicher Beitrag „Cäsar muss sterben“, für den sie sechs Monate lang theaterspielende Schwerverbrecher begleitet haben, ist nun endlich in den deutschen Kinos.
Sonntag, 6. Januar 2013
Paolo & Vittorio Taviani

Paolo & Vittorio Taviani | Foto: imdb

Dass die italienischen Brüder Paolo und Vittorio Taviani einen Bären bei der letzten Berlinale abräumen würden, war nicht allzu überraschend – wenngleich im deutschen Feuilleton die Vergabe des Goldenen Bären für den Taviani-Film Film Cäsar muss sterben nur irritiert kommentiert wurde. Nicht nur hätte es politischere Filme sondern auch jüngere, vielversprechendere Filmemacher gegeben, die den Preis verdient hätten. In unserem Magazin wurde die Entscheidung der Berlinale-Jury schon im vergangenen Jahr begrüßt.

Die Tavianis lassen in ihrem Schwarz-Weiß-Film die Proben für ein Theaterstück im Hochsicherheitstrakt der römischen Strafanstalt Rebbibia zu einem Spektakel. Die Akteure in dem halbdokumentarischen Film sind Insassen in eben jenem Hochsicherheitstrakt. Mit Mafiosis, Drogendealern und Mördern setzten die Taviani-Brüder William Shakespeares Julius Cäsar in Szene. Shakespeare verarbeitete darin die Verschwörung der Senatoren rund um den Cäsar-Vertrauten Brutus gegen den römischen Feldherrn und deren politisch-moralische Implikationen. Die Tavianis heben dieses Drama unter den Dramen auf packende und ergreifende Weise auf eine aktuelle und drängende Ebene, indem sie die Texte in die Münder ihrer im Leben gescheiterten Akteure legen.

Am Anfang des Films steht ein Casting, bei dem die einzelnen Inhaftierten geradezu slapstickhaft ihre Talente vorführen. Doch in der folgenden Stunde bleibt dem Kinobesucher das Lachen im Halse stecken, denn die Dynamik, die sich bei den Proben entwickelt, ist atemberaubend. Schwerstverbrecher spielen die wohl bekannteste Verschwörung der Weltgeschichte nach und verhandeln ethische und moralische Fragen nach dem Sinn des Lebens, als hätten sie keine eigene Geschichte. Da sie diese aber haben, diese tief in ihnen steckt, rückt ihnen der literarische Stoff auf den Leib, konfrontiert sie mit ihrem Tun und stellt sie schließlich selbst infrage. Zusammenbrüche und eskalierende Konflikte zwischen den schauspielenden Gefangenen, die immer wieder aus ihrer fiktiven Rolle in ihre reale zu fallen drohen, führen immer wieder zum Abbruch der Proben.

Cäsar muss sterben

"Cäsar muss sterben" begleitet Inhaftierte der römischen Strafanstalt Rebbibia bei den proben für Shakespeares "Julius Cäsar" | Foto: imdb

Über den klassischen Text werden die Inhaftierten mit ihren eigenen Verbrechen konfrontiert. Es sind nicht nur cineastische, sondern unter die Haut gehende Momente, wenn standhafte Mafiosi bewegt die großen Fragen der Menschheit verhandeln. Das Stück des englischen Dramatikers verwandelt sich in ihre Lebenserzählung, der klassische Stoff wird plötzlich im Hier und Jetzt greifbar. Mit jeder weiteren Filmminute wird deutlich, dass die Gefangenen hier ebenso viel Shakespeares wie ihr eigenes Drama aufführen. Dabei wächst so mancher der Laienschauspieler derart über sich hinauswächst, dass man als Zuschauer nur hoffen kann, sie in anderen (Lebens-)Rollen wieder zu sehen.

Einfühlsam und mit höchstem Respekt inszenieren die Tavianis die Gefangenen und ihre Rollen. Sie präsentieren sie nicht als monströse Verbrecher, sondern als Menschen, die sich mit ihrem Leben mehr als andere auseinandersetzen müssen. Der kongeniale Zusammenschnitt der Szenen fügt die oft einsamen Textübungen der Gefangenen in ihren Zellen zu einer übergreifenden Erzählung zusammen, als würde Shakespeares Text die Gefängniswände durchdringen und über den Grenzen stehen, die der Beton hier bildet. Im genialen Zusammenschnitt der Bilder erlebt der Zuschauer eine einmalige Aufführung, an deren Anfang und Ende Sequenzen der tatsächlichen Aufführung stehen.

Cäsar muss sterben wurde inzwischen auch als italienischer Beitrag für die Oscars 2013 und beim Europäischen Filmpreis 2012 in verschiedenen Kategorien nominiert. Allerdings ging der Beitrag beim Europäischen Filmfestival leer aus und erreichte bei den Oscars nicht die Nominierung in die Endauswahl.

Dennoch ist der Film überaus sehenswert, denn die Taviani-Brüder stellen darin die menschliche Seite der Gefangenen in den Vordergrund, zeigen diese als für Kultur empfängliche und Empathie empfindende Individuen, die alle an ihrer eigenen Geschichte zu tragen haben – jeder auf seine Weise. Damit zerstören Sie die Distanz zwischen ihren Akteuren und dem Zuschauer, die einander auf sehr menschlicher Ebene begegnen. Mit ihrem Beitrag nehmen die italienischen Filmemacher den schweren Jungs das Dämonische der Distanz, die die Gefängnismauern bilden, und geben ihnen ihre Würde zurück. Wirklich großartiges Programmkino.

Die Homepage zum Film.