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Buchstaben, die im Kopf zu Explosionen führen

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Biografien, Rückblicke und Rekonstruktionen über Krankheiten, Kunstwerke und Personen prägen den Bücherherbst im Bereich Sachbuch. Wir haben uns für sie umgesehen und einige bemerkenswerte Titel herausgesucht, deren Lektüre intellektuellen Gewinn verspricht. Einige garantieren aufgrund ihrer Eloquenz ein außerordentliches Lesevergnügen, andere aufgrund ihres Materialreichtums den größtmöglichen Erkenntnisgewinn. Ob für Anhänger von Materialsammlungen oder Freunde des literarischen Essays, ob für Biografie-Fans oder Wissenschaftsliebhaber - mit diesen Büchern schenken Sie richtig.
Donnerstag, 13. Dezember 2012
Mukherjee_Der König aller Krankheiten

Biografien sind gemeinhin Existenzbeschreibungen von Personen. Dem amerikanisch-indischen Wissenschaftler und Onkologen Siddharta Mukherjee ist mit seinem Buch Der König aller Krankheiten. Krebs – Eine Biografie (Dumont Verlag 2012, 670 Seiten, 26,- Euro) etwas Beeindruckendes gelungen. Er hat eine eindrucksvolle Chronik der Geschichte des Krebses geschrieben, die viel weiter zurückreicht, als die meisten annehmen. Die oft als „Krankheit der Moderne" titulierte Krankheit gibt es seit über 5000 Jahren. Fünf Millennien Anpassung und Verwandlung zeichnen diese Krankheit aus, die ganze Generationen von Philosophen, Ärzten und Forschern ebenso angetrieben wie verzweifeln lassen hat auf der Suche nach d e m Antiserum. Mukherjee spannt in der Manier eines exzellenten Schriftstellers einen Bogen von dem ägyptischen Mediziner Imhotep, der die Krankheit als behandlungsresistent einschätzte, über Hippokrates, der dem Krebs seinen Namen gab, zu Galenos von Pergamon, der gemäß Körpersäftelehre die Ursache der Erkrankung in einer Überdosis schwarzer Galle, in gestauter Melancholie, vermutete. Er reist weiter zu John Hunter, der den Krebs in Stadien einteilte und zu lokalen Operationen riet, zu William Stewart Halsted, der mit radikalen Operationen selbst die umliegenden gesunden Gewebe entfernen ließ, um zunächst im Zeitalter der Strahlentherapie und schließlich in der Ära der Kombination von Eingriff und Bestrahlung, Chemotherapie und Hormonbehandlung anzukommen. Mukherjee blickt anhand unzähliger Beispiele und Einzelfälle auf die Anfänge der Krankheit und ihre Evolution – in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen und den Möglichkeiten der Therapie –, um einen Blick auf die Zukunft des Krebses zu eröffnen. Kann die Entschlüsselung des menschlichen Genoms den Krebs besiegen? Diese Frage steht am Ende dieses bahnbrechenden, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Porträts einer Krankheit, das ein Resultat akribischer und tiefgründiger Recherchearbeit ist. Der König aller Krankheiten ist ein Mix aus Wissenschafts-, Kultur- und Menschheitsgeschichte, verbindet Erinnerungen und Porträts und lässt Erzählungen und Erlebnisberichte zusammenfließen zu einer umfassenden, überaus detaillierten, aber niemals schwer verständlichen Darstellung, die auf die Frage „Kann es eine Welt ohne Krebs geben" die bestmögliche aller Antworten gibt: „Vielleicht ist der Krebs, der rauflustige, fruchtbare, invasive, anpassungsfähige Zwilling unserer eigenen rauflustigen, fruchtbaren, invasiven, anpassungsfähigen Zellen und Gene, unmöglich von unserem Körper zu trennen."

Laberenz_Ich weiß, ich wars

In die DNA der kollektiven Erinnerung eingraviert ist das Schicksal des Aktionskünstlers, Filmemachers, Theaterregisseurs und Visionärs Christoph Schlingensief, der viel zu jung im Sommer 2010 seinem Krebs erlegen ist. Keiner ist so öffentlich gestorben, wie Schlingensief. Bereits in seinen unter die Haut gehenden Selbstgesprächen So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein (Kiepenheuer & Witsch 2009, 256 Seiten, 18,95 Euro) ließ Schlingensief die Leser in sein Innerstes (und den inneren Abgrund) blicken, sie an seinen Ängsten und Hoffnungen, seiner Verzweiflung und seiner Unruhe im aussichtslosen Kampf gegen den Krebs teilhaben. Hat Mukherjee eine einmalige Biografie einer Krebserkrankung geschrieben, dann hat Schlingensief dieser wohl das beeindruckendste Tagebuch eines an Krebs Erkrankten vorgelegt. Die Lücke, die der Künstler in unserer so oft sinnentleerten Welt hinterlassen hat, kann man aktuell erahnen, liest man die von seiner Frau Aino Laberenz herausgegebenen Erinnerungen und autobiografischen Skizzen, die unter dem Titel Ich weiß, ich war's (Kiepenheuer & Witsch 2012, 304 Seiten, 19,99 Euro) erschienen sind. Sie sind voller Glück und Leid, Freude und Wut, Respekt und Verachtung, ohne aber vor Emotionen überzulaufen. Die einzelnen Texte sind Puzzlestücke einer Biografie, die ihresgleichen sucht. Schlingensiefs Leben an der Erregungsgrenze und seinen einzelnen Stationen in diesen Fragmenten nachzuspüren, ist nicht nur ein intellektuelles Vergnügen, sondern holt den nun schon seit zwei Jahren fehlenden agent provocateur wieder in unser Bewusstsein: „Ich möchte noch ganz viel Frieden haben. Aber manchmal ist es auch sehr schwierig..."

Knopf_Brecht

Keine biografische Skizze, sondern ein Schwergewicht hat der Literaturwissenschaftler und Leiter der Karlsruher Arbeitsstelle Bertolt Brecht, Jan Knopf, vorgelegt. Hatte er sich bereits in der Vergangenheit als Herausgeber des Brecht-Handbuchs und als Mitherausgeber der Werkausgabe als Brecht-Experte mehr als verdient gemacht, hat er nun eine Lücke in der Brecht-Rezeption geschlossen. Seine Biografie Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten (Hanser Verlag 2012, 560 Seiten, 27,90 Euro) ist, man mag es kaum glauben, die erste umfassende Lebensbeschreibung des Augsburger Buben, den es schon früh in die Welt des Abenteuers und der Konfrontation und schließlich ins turbulente Berlin zog. Knopf präsentiert den Lesern seiner Biografie einen Brecht mit Ecken und Kanten, Genie einerseits, Wüterich andererseits, Angehimmelter hier und Verabscheuter dort, wortsensibler Schriftsteller und tatradikaler politischer Mensch. Randvoll mit Zitaten und Querverweisen führt diese monumentale Biografie durch Lebens-, Denk- und Werkstationen Bertolt Brechts, deren Linien auf der Oberfläche dieser Biografie parallel verlaufen, die sich in ihrer Tiefe aber ineinander und mit denen der tragischen deutschen Geschichte verschlingen und verknoten. „Ich kann Dir [...] eine wichtige Mitteilung machen: wir haben soeben die Kultur gerettet. Es hat 4 (vier) Tage in Anspruch genommen und wir haben beschlossen, lieber alles zu opfern, als die Kultur untergehen zu lassen." Jan Knopf erweist sich als Brecht-Biograf erster Güte, weil er nicht nur Fakten und Jahreszahlen präsentiert, sondern Hintergründe einführt und vertieft, Motive, Anlässe und Beweggründe herausarbeitet, Umstände veranschaulicht und deren Niederschlag in Brechts Werk eindrucksvoll belegt. Knopfs Biografie kann man über ihre Singularität hinaus übrigens in ein grandioses Verhältnis zu dem ebenfalls kürzlich erschienenen Briefwechsel zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel setzen, der kürzlich in vollem Umfang von Wolfgang Jeske unter dem Titel ich lerne gläser+tassen spülen (Suhrkamp Verlag 2012, 402 Seiten, 26,95 Euro) herausgeben wurde.

Friedländer_Kafka

Ebenfalls auf biografische Spuren hat sich der Historiker Saul Friedländer in seiner gleichermaßen beeindruckenden wie bahnbrechenden Kafka-Studie begeben. Wie Franz Kafka ist der Pulitzer- und Friedenspreisträger Friedländer in Prag geboren. Seit seiner Jugend ist er begeisterter Kafka-Leser. In seiner Studie Franz Kafka (C.H.Beck 2012, 251 Seiten, 19,95 Euro) hat er nun die Entdeckungen seiner jahrzehntelangen Lektüre der Werke Kafkas versammelt. Ausgehend von dessen Werk ergründet Friedländer dessen ambivalentes Verhältnis zu den Eltern, bei denen er nahezu sein Leben lang wohnte. In der Figur des Gregor Samsa präsentiert er uns Kafka als ebenso geliebtes und ödipal liebendes, aber auch als abstoßendes „Wesen". Insbesondere das Verhältnis zum Vater prägte Kafka sein Leben lang. Kafka-Biograf Peter-André Alt hatte dies einst mit dem Dasein als „ewiger Sohn", der „seine Furcht vor dem Vater mit obsessiver Lust" pflegte, passend beschrieben. Als ambivalent erleben die Leser auch Kafkas Verhältnis zu seinem eigenen Judentum, dass er insbesondere zwischen 1917 und 1925 pflegte, um „Nahrung für die ausgehungerte jüdische Seele" zu finden, schreibt Friedländer. Aber auch wenn biblische Motive in Kafkas Werk immer wieder auftauchen, entziehe sich seine „Jüdischkeit" seinen Schriften. Ein weiterer Schwerpunkt dieser grandiosen und ebenso zu lesenden Spurensuche liegt in Friedländers Erkundung von Kafkas „polymorpher" Sexualität, deren homoerotische Seite Friedländer „eingebettet in einen kulturellen Rahmen" sieht, den Ulrich Raulff vor zwei Jahren mit seiner Studie zum Nachleben Stefan Georges Kreis ohne Meister (C.H.Beck 2010, 544 Seiten, 29,90 Euro) umfassend erkundet hat. Dass dieser „kulturelle Rahmen" nicht mehr von der Missbrauchsgeschichte der Odenwaldschule zu trennen ist, machte Raulff schon deutlich. Diese fern-nahe Verwandtschaft gibt Friedländers Kafka-Buch einen Anflug des Skandalösen. Ausführlich belegt Friedländer mit Werkverweisen Kafkas ausschweifendes und zugleich mit Scham besetztes Sexualleben, in dem Frauen vor allem der Selbstbestätigung durch Eroberung und Triebbefriedigung und Männer der intellektuellen und „reifen" Erfüllung dienen. Die Nähe zur Kultur des George-Kreises, in dem Jünglinge und Knaben als Gespielen zum „begnadeten Leben" irgendwie dazugehörten, habe zwar nur in Kafkas Phantasie stattgefunden, aber sie fand statt: Die Beine zweier schwedischer Jungen beschrieb er später als „so geformt und gespannt", „dass man nur mit der Zunge richtig an ihnen hinfahren könnte." Zweifellos greift Friedländer hier in besonderem Maße auf die Mittel der Deutung und Auslegung zurück, aber er macht das derart quellensicher, dass seine Ausführungen alles andere als abwegig sind. Ein Brief an seine Schwester Ottla macht deutlich, dass Friedländers Werkerkundung womöglich noch ein „geschöntes" Bild hinterlässt: „Ich schreibe anders als ich rede, ich rede anders als ich denke, ich denke anders als ich denken soll und so geht es weiter bis ins tiefste Dunkel." Friedländer eröffnet mit seiner vorzüglichen Annäherung an den Prager Schriftsteller einen Weg in dieses Dunkel, indem er die Innen- und die Außenwelt Kafkas zueinander bringt. Sein Franz Kafka ist die beeindruckende Rekonstruktion des Kafka'schen (um nicht kafkaesk zu sagen) Seelenlebens aus seinem Werk heraus, die in ihrer Prägnanz und sprachlichen Eloquenz ihresgleichen sucht.

Stangneth_Lüge Alles Lüge

Eine unter die Haut gehende Rekonstruktion hat die Hamburger Philosophin Bettina Stangneth in diesem Jahr mit Lüge! Alles Lüge! (Arche Verlag 2012, 347 Seiten, 19,95 Euro) vorgelegt. Sie hat die persönlichen Aufzeichnungen des Eichmann-Verhörers Avner Werner Less aus Tagebucheinträgen und Briefen zusammengetragen, überarbeitet, editiert und mit einem sehr erhellenden Vorwort versehen. Das Zitat, dass dem Buch seinen Titel gab, fiel der Philosophin bei den Recherchen zu ihrer das Eichmann-Bild korrigierenden Studie Eichmann vor Jerusalem (Arche Verlag 2011, 655 Seiten, 39,90 Euro) in die Hände. So viel Emotion in so wenigen Buchstaben, da habe sie gewusst, dass es sich bei Avner Werner Less um einen besonderen Menschen handeln würde. Und tatsächlich, Avner Less ist eine Ausnahmegestalt in der internationalen (Rechts-)Geschichte. Mehr als 257 Stunden saß er dem Mörder seines Vaters gegenüber und ermöglichte das mit 3.564 Seiten längste Verhörprotokoll der Rechtsgeschichte. In seinen Aufzeichnungen, die er selbst nie vollenden konnte, hielt der stets um Sachlichkeit bemühte Less fest, was nicht in das Protokoll einfließen konnte – seine Gedanken und Beobachtungen, die sich bei ihm während des monatelangen Verhörens des deutschen Massenmörders Adolf Eichmann einstellten. Seine Strategie, Eichmann betont zuvorkommend zu begegnen, war seinen Kollegen befremdlich, Eichmann selbst aber ging seinem aufmerksamen Zuhörer aber auf den Leim. Je gerader ihm Less gegenübersaß, je interessierter er ihm zuhörte, umso mehr geriet Eichmann ins Plaudern und verriet sich selbst als selbstzufriedener Anwalt in eigener Sache: „... er berauscht sich an seinen eigenen Lügen und Phantasiegebilden." Less habe Eichmann durchschaut, meint Stangneth, der (wie zuvor u.a. auch Bettina Stangneth) Hannah Arendts Einschätzung während des Eichmann-Prozesses, dass der Verantwortliche für die Massendeportationen lediglich die Verkörperung des „gewissenlosen" Beamten und damit der „Banalität des Bösen" sei, widerspricht energisch: „Dieser Mann ist keine kleine Beamtenseele, bei ihm ist alles Taktik, Logische List..." Less gelang es, die Fassade bis zum Ende aufrechtzuerhalten, Eichmann seinen eigenen Schmerz und Ekel vor dessen Aussagen vorzuenthalten. Erst als Eichmann seinen Verhörer nach seiner Familie befragte und Less ihm erzählt, dass sein Vater in einem der letzten Züge nach Osteuropa transportiert und dort umgebracht worden war, scheint ihm zu dämmern, wer ihn da verhört. Er kann nur noch stammelnd „Aber das ist ja entsetzlich, Herr Hauptmann" entgegnen. Lüge! Alles Lüge! ist eine ebenso erschütternde wie erhellende Dokumentation einer Begegnung, der aufgrund ihrer Intensität auch eine unfreiwillige Intimität innewohnt.

Vahland_Michelangelo & Raffael

Von Intimität geprägt war auch die tiefe Rivalität der beiden Maler Michelangelo und Raffael, die Anfang des 16. Jahrhunderts gemeinsam am Hof des römischen Papstes zu Gast waren. Kia Vahland, die sich für das Kunstressort in der Süddeutschen Zeitung verantwortlich zeichnet, erzählt in Michelangelo & Raffael (C.H.Beck 2012, 207 Seiten, 21,95 Euro) von dieser Intimfeindschaft im Rom der Renaissance. Vahland führt dieses Duell zweier Genies im Stile einer Romanautorin vor Augen. Während sich der zur Bildhauerei und Einsamkeit berufene Michelangelo frustriert an der Decke der Sixtinischen Kapelle zu schaffen macht, weil ihm die Decke „unter seinen Pinselhieben" wegschimmelt, sieht sich der kommunikative Jungstar der römischen Malerszene Raffael grundsätzlich im Schatten Michelangelos gestellt – völlig zu Unrecht natürlich. Er macht sich einen Steinwurf von der Sixtinischen Kapelle in den Stanzen im Apostolischen Palast zu schaffen und entwirft dort das Idealbild einer harmonischen Welt. Die Rivalität zwischen Michelangelo und Raffael ist auch eine zwischen Jüngstem Gericht (Michelangelo) und Schule von Athen (Raffael), der Erschaffung Adams (Michelangelo) und dem Dialog zwischen Platon und Aristoteles (Raffael). Kia Vahland nimmt ihre Leser mit auf eine Reise ins 16. Jahrhundert und führt ihnen Herkunft, Werdegang und die gegenseitige Auseinandersetzung dieser beiden Ausnahmekünstler vor, die mit ihren Gemälden und Plastiken (von denen zahlreiche im Buch veranschaulichend abgebildet sind) Antworten auf das Menschenbild der Humanisten und dessen Versöhnung mit dem Sakralen suchten. Dabei beschreibt sie nicht nur die offensichtlich feindseligen Akte und Handlungen der beiden, sondern, und dies macht dieses Buch besonders lesenswert, sie zeigt auf, wie die persönlichen Schwächen im Vergleich zum Rivalen als Ansporn dienten, sich weiterzuentwickeln und mit Farben, Mischtechniken, Untergründen und Techniken zu experimentieren. Erst diese ständige Weiterentwicklung machte Michelangelo und Raffael zu den Ausnahmekünstlern, als die sie uns heute noch erscheinen, deren Werke so nachhaltig das Bild des Menschen und den Blick auf den Menschen in der Welt verändert haben.

Arasse_Bildnisse des Teufels

Wie die Humanisten in der Renaissance das Menschenbild revolutioniert haben, kann man in dem beeindruckenden Essay Bildnisse des Teufels von Daniel Arasse erfahren. Der Franzose galt in seiner Heimat bis zu seinem Tod im Jahr 2003 als einer der berühmtesten Kunsthistoriker und schuf mit seinen Studien zu Leonardo da Vinci, Jan Vermeer, Mark Rothko oder Anselm Kiefer materialreiche Grundlagenwerke. Bildnisse des Teufels (Matthes & Seitz 2012, 134 Seiten, 17,90 Euro) kommt mit seinen etwas mehr als 100 Seiten wie ein Leichtgewicht daher. Aus kunsthistorischer Warte aber ist dieses Werk ein manifestes Schwergewicht. Arasse führt seine Leser in die Bildgenese des Teufels ein, dessen kunsthistorische Reflexion im 15. und 16. Jahrhundert eine bemerkenswerte Veränderung erfährt. Der französische Kunsthistoriker spricht von einer „radikalen Umformung der Teufelsbildnerei", weg von einem von Anomalien, Unförmigkeit und Mischwesenhaftigkeit geprägten Dämon hin zu einem „Teufel mit menschlichem Antlitz". Wie konnte es dazu kommen? Es waren die Humanisten der Renaissance um Pico della Mirandola oder Angelo Poliziano, die mit ihren Schriften über den Menschen und seine ihm eigene Würde auch das Bild des Menschen veränderten. „Bedingung und Praxis der dignitas hominis, der Menschenwürde, liegt darin, dass auch das Teuflische dem Menschen selbst innewohnt; als einzige Kreatur ist er frei erschaffen worden, daher kann der Mensch sich bis zu Gott erheben, aber er kann bekanntlich auch bis zum Tier, bis ins Teuflische hinabsteigen.", beschrieb Ernst Cassirer 1926 die Sichtweise der Renaissancehumanisten. Ursächlich für diese Umdeutung war auch die durch die humanistische Wiederbelebung der griechischen Philosophie in Bedrängnis geratene Teufels-Ikonographie. Der Satyr als mit behuften Füßen und gehörntem Kopf konnte nicht mehr als Sinnbild des Dämonischen dienen, da das Motiv des gehörnten Bocksfüßers nun wieder an die Gestalt des dionysischen Gesellen abgetreten wurde. Mit dieser ikonografischen Verschiebung ging auch eine der Transformation der Funktion des Teufels in der Kunst einher. Die Entsakralisierung und Verweltlichung des Teuflischen als negative Charaktereigenschaft des Menschen entledigte die Teufelsfigur völlig ihrer religiösen Funktion. Die Ausgestaltung des Teufels wurde zum Qualitätsmerkmal des Künstlers selbst, als „Groteskendekor" wurde das zusammengesetzte Ungeheuer zur künstlerehrenden Bildgestalt. In Luca Signorellis Fresken im Zyklus von Orvieto, auf dem Blatt mit den fünf grotesken Köpfen von Leonardo da Vinci oder in Albrecht Dürers anomalienhaften Christus-Gestalten lässt sich die „gerade Linie [des Menschen, T.H.] mit der überkommenen Bildlichkeit des Teuflischen" erkennen. Das Teuflische wurde zur Dimension des Menschlichen. Arasse' Essay Bildnisse des Teufels zeichnet sich durch ein hohes Maß an Quellensicherheit aus. Im Original äußert sich das in einem nackten Text mit typografisch verunstalteten Originalzitaten. Dem namentlich nicht genannten Herausgeber (G.H.H.) ist es zu verdanken, dass man mit der deutschen Ausgabe einen wunderbar illustrierten Text inklusive der vollständigen Quellenzitate in der Hand hat, der dieses Schlüsselwerk des Humanismus zur vollen Entfaltung und Wirkmächtigkeit bringt.

Jisheng_Grabstein

Verändert hat sich in den letzten zwei Jahren vor allem unser Blick auf China. Einerseits wurden wir Zeugen der Verfolgung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei und des schreibenden Friedenspreisträgers Liao Yiwu – beides engagierte Gegner der chinesischen Führung. Andererseits erlebten wir die Auszeichnung des als regimetreu eingestuften Literaturnobelpreisträgers Mo Yan. Beides zusammengenommen macht es nahezu unmöglich, einen unverstellten Blick auf das Land zu bekommen. Auffällig ist, dass der Blick auf China zunehmend ahistorisch wird. Die dramatische Geschichte des kommunistischen Chinas gerät vor dem Hintergrund des rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs fast in Vergessenheit. Der chinesische Journalist Yang Jisheng, der seit Mitte der 1970er Jahre für die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua arbeitet, sorgt mit seinem Grabstein (S. Fischer Verlag, 792 Seiten, 28,- Euro) dafür, dass niemand mehr sagen könnte, er habe das nicht gewusst. In der Manier eines Alexander Solschenizyn hat Jisheng in zwei Jahrzehnten unzählige Daten und Fakten in Archiven und Statistikbehörden, in Gesprächen und Begegnungen zur großen Hungerkatastrophe während Maos Reformkampagne des „Großen Sprungs nach vorn" gesammelt. Auszüge aus den Befehlsketten innerhalb des Apparats wechseln sich mit Briefausschnitten betroffener Bauern ab, Protokollen und Parteierklärungen werden mit der bloßen Gewalt konfrontiert, die aus den nackten Zahlen der Statistiken hervorgeht, und irrsinnige Maßgabenpläne stehen der Kraftlosigkeit einer ausgemergelten Bevölkerung gegenüber. Yang Jisheng verhilft mit seiner akribischen Puzzlearbeit den Nachweisen einer strukturellen Hungerpolitik durch die Regierung Mao Zedongs ans Tageslicht, deren Last erdrückend und deren Fülle erschlagend ist. Sein Grabstein zur großen chinesischen Hungerkatastrophe zwischen 1958 und 1962 ist ein Mahn- und Denkmal für die 36 Millionen Chinesen, die in dieser Zeit an Hunger starben und ein Grabstein für das System, das ihren Tod verursachte. Yang Jisheng erinnert uns - ebenso wie Liao Yiwu in seinem neuen Buch Die Kugel und das Opium. Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens (S. Fischer Verlag, 432 Seiten, 24,99 Euro), in dem er anhand von Zeugenaussagen und Opferangehörigen die Ereignisse vom 4. Juni 1989 zu rekonstruieren versucht - daran, dass dieses China, mit dem wir heute zu tun haben, eine Geschichte hat, die nicht in Vergessenheit geraten darf, weil sie in ihrer Gewalt-igen Dramatik die Chinesen bis heute prägen.

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