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Offene Laien und verschlossene Ärzte

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Die Debatte um die Transplantationsmedizin und das Organspendeverhalten der Deutschen hat die Frage der Sterbehilfe etwas in den Hintergrund gedrängt. Dabei herrscht hier eine rege Debatte. Ein Sammelband hat sich dieser angenommen und präsentiert die unterschiedlichen Positionen.
Montag, 8. Oktober 2012
Der organisierte Tod

Im Vergleich zu den Skandalen der Transplantationsmedizin ist der längerschwelende Konflikt in der Sterbehilfe-Debatte im vergangenen Sommer etwas in den Hintergrund geraten. Dabei tut sich einiges in der Sterbehilfe. Während in Deutschland Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberg (FDP) im Hinblick auf eine gesetzliche Regelung des Sterbens offensichtlich wenig Handlungsbedarf sieht, prescht die übrige Koalition vor, und ein neuer Gesetzesentwurf soll her. Im Nachbarland Frankreich läuft eine palliative-care-Debatte, nachdem im Sommer 2003 15.000 ältere Bürger in der Hitzewelle allein gelassen starben. Im Nachbarland Schweiz herrscht eine freizügigere Einstellung als in Deutschland, es gibt kein Sterbe-Gesetz und der Sterbe-Tourismus wächst.

In diesem Umfeld hat die Selbstbestimmungsorganisation Exit e.V. in Zürich einen Kongress mit ähnlichen Trägern aus anderen Ländern mitveranstaltet. Anlässlich des Kongress wurde das Buch Der Organisierte Tod: Sterbehilfe und Selbstbestimmung am Lebensende – Pro und Contra vorgestellt, das indirekt mit Exit e.V. zu tun hat. Die Veröffentlichung wurde nämlich von der Stiftung Palliacura, eine von Exit e.V. getragene Körperschaft, sowohl finanziell als auch persönlich unterstützt. Die Herausgeber Hans Wehrli und Bernhard Sutter haben bzw. hatten Ämter bei Exit e.V. inne.

Zwei Dritteln der Autoren von Buchkapiteln wirkten auch als Referenten an dem Exit-Kongress in Zürich (nämlich Roger Kusch, Andreas Brunner, Hans Wehrli, Werner Kriesi, Wolfgang Putz, Ludwig Minelli, Russel Ogden und Jacqueline Jencquel. Zusätzlich kommen folgende bekannte bundesdeutsche Persönlichkeiten im Buch zu Wort: Otfried Höffe, Philosoph und Präsident der Nationalen Ethikkommission, Michael de Ridder, Arzt und Bestsellerautor, Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, und Martin Walser, Buchautor; der Münchner Rechtsanwalt für Medizinrecht und Lehrbeauftragter der Universität München Wolfgang Putz wirkte sowohl am Kongress als auch im Buch mit.

Gita Neumann: Suizidhilfe als Herausforderung

Berliner Konferenz zum ärztlich begleiteten Suizid

Am 12. und 13. Oktober 2012 lädt die Humanistische Akademie Berlin zu einer Konferenz zum Thema Ärztlich begleiteter Suizid – Fragen ethischer und gesellschaftlicher Verantwortung ein. Neben Dr. Johann Spittler (SterbeHilfe Deutschland e.V.) wird Dr. Meinolfus W. M. Strätling die Position für den ärztlich assistierten Suizid vertreten. Die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Martina Wenker, wird wohl gegenteiliger Auffassung sein. Sie hatte die Bundesregierung aufgefordert, das geplante Gesetz gegen kommerzielle Sterbehilfe zu verschärfen. Die BÄK befindet sich im Einvernehmen mit weiteren einflussreichen Kräften in Deutschland, mit den beiden christlichen Kirchen, den Hospiz- und Palliativorganisationen und entsprechenden Stiftungen sowie im Großen und Ganzen der Politik. Die Leiterin der Bundeszentralstelle Patientenverfügung, Gita Neumann, erklärt auf der Konferenz die Praxis des HVD in der Suizidprävention und Suizidhilfe. Ein Podium am Ende der Tagung wird vom WELT-Redakteur Dr. Matthias Kamann geleitet. Mit großer Wahrscheinlichkeit erscheint wenige Tage vor der Konferenz der Sammelband Suizidhilfe als Herausforderung. Arztethos und Strafbarkeitsmythos, für den Gita Neumann ärztliche, ethische und psychologische Positionen aus Sicht der Praxis sowie persönliche Aussagen Betroffener zum umstrittenen Thema der Suizidhilfe zusammengetragen und diese mit juristischen Klarstellungen und humanistischen Lösungsansätzen verbunden hat. Mehr zur Konferenz und zum Sammelband erfahren Sie hier.

Im Bemühen nach Objektivität ist Der Organisierte Tod als „Debatten-Buch" konzipiert, unterteilt in elf Kapitel in Pro- und Contra-Beiträgen. Die zentrale Frage lautet: Soll man den Tod rufen? Die Antworten auf diese Frage gehen weit auseinander. Zwei der daraus resultierenden Kontroversen mögen hier Einblick in die allgemeine Diskussion geben: die Rolle von Altersheimen in der Sterbehilfe und die unterschiedliche Deutungen von Würde.

Eine Position vertritt der Münchner Rechtsanwalt für Medizinrecht und Lehrbeauftragte der Universität München Wolfgang Putz. In seinem Zürcher Vortrag ging er viel ausführlicher auf die unterschiedliche Praxis in den verschiedenen deutschen Regionen ein, als er das nun im Buch tut – sehr bedauerlich. Ohnehin lohnt es sich, zu seinem eigenen Buch Sterben dürfen zu greifen, das er mit der Betroffenen Elke Gloor verfasst hat. Darin sind Details zu einem versuchten Gnadentod in einem Bad Hersfelder Heim zu finden, der zum BGH-Fall „Putz" einschliesslich seiner Verurteilung und seinem anschliessenden Freispruch führte (Hoffmann & Campe 2011). Dieser Gnadentod war von einem Juristen aus der Verwaltung einer grossen Pflegeheimkette verweigert worden.

Anhand dieses Falles wird klar, wie kritisch die Rolle von Altersheimen sein kann, wenn Selbstbestimmungsorganisationen den Zutritt zu Patienten bekommen sollten. Der korporative Herausgeber des Buches Der Organisierte Tod, die Stiftung Palliacura, hatte selbst von 1993 bis 2006 ein unabhängiges Pflegeheim unterhalten, bis der Betrieb unwirtschaftlich wurde. Auch in der Schweizer Diskussion wird zur Zeit der Zugang von Organisationen wie Exit e.V. zu Patienten in öffentlich geförderten Heimen im Kanton Waadt behandelt und nach einer Volksbefragung Mitte Juni ist diese Option zum ersten Mal gesetzlich verankert worden.

Putz - de Ridder - Borasio

Die andere Position repräsentiert der Präsident der Deutschen Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery. Er kritisiert in seinem mit Marlies Hübner verfassten Kapitel das Urteil des BGH, das Wolfgang Putz natürlich ausdrücklich lobt. Montgomery argumentiert mit einer besonderen Wertschätzung von Würde, ein umkämpfter Begriff, der von jeder Seite in einer jeweils anderen Interpretation benutzt wird. Außerdem befürwortet das Autorenduo Montgomery-Hübner die durchaus umstrittene Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland, in deren Präambel betont wird, dass sich die Unterzeichner für würdige Bedingungen ohne medizintechnische Lebensverlängerung sowie für mitmenschliche Fürsorge einzusetzen und insbesondere Bestrebungen nach Tötung auf Verlangen entgegenzuwirken.

Weitere Kontroversen kündigen sich an, von denen eine mit einem Mitglied des Kuratoriums des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg zu tun hat, nämlich dem Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses Dr. Michael de Ridder. Er hatte 2010 ein Buch geschrieben mit dem Titel Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin (Deutsche Verlags-Anstalt 2010). Dessen Erscheinen fiel in die Zeit der Verhandlung im Fall „Putz" vor dem Landesgericht Fulda und der Verschärfung des ärztlichen Berufsrechts durch die Bundesärztekammer auf Initiative von Montgomery. Michael de Ridder geht darin, gleichsam vorausahnend, auf den Begriff des Hirntods ein, der kurz nur wenige Monate später eine zentrale Rolle in der Debatte um die Transplantationsmedizin spielen sollte. Er diskutiert außerdem die Frage der Abgrenzung zwischen Kurativ-Medizin, Palliativ-Medizin und Sterbehilfe und zitiert seinen „klugen Kollegen", den Münchener Palliativ-Mediziner Gian Domenico Borasio, der im darauffolgenden Jahr mit seinem Buch Über das Sterben: Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen (C.H.Beck 2011) die Debatte weiter vorantrieb. Das von de Ridder geschriebene Kapitel im Buch Der Organisierte Tod enthält einen Seitenhieb auf den selbsternannten Sterbehelfer Roger Kusch, den de Ridder hier als „dilettierenden Nicht-Arzt" bezeichnet. Zugleich rechnet der Rettungsmediziner aber auch mit Dr. Ulrich Montgomery ab.

Dass dennoch beide eigene Kapitel in diesem Buch erhalten und es die Ansichten und Argumente von Befürwortern und Gegnern von Sterbehilfe und der Selbstbestimmung am Lebensende nebeneinanderstellt, zeichnet dieses Buch aus. Die Herausgeber von Der Organisierte Tod stellen so eine ausgewogene Verteilung der Pro- und Contra-Ansichten von Medizinethikern, Juristen, Ärzten, Politikern, Betroffenen und Sterbehelfern (siehe Inhaltsverzeichnis) her. Dabei sind de Ridder, Putz und Montgomery die bedeutendsten Protagonisten dieser Debatte. De Ridders zusammenfassende Beurteilung der Lage ist offenbar zutreffend:

Die Laien sind für die anstehende Debatte erstaunlich offen, die Ärzteschaft unter Montgomery dagegen verschließt sich dem Problem.

Die Aktivität des HVD auf diesem Feld bleibt daher dringend. Zumal die gesellschaftlichen Debatten dazu beigetragen haben, dass Bewegung in den Bereich der Sterbe- und Suizidhilfe gekommen ist (diesseits berichtete).

Hans Wehrli, Bernhard Sutter und Peter Kaufmann (Hrsg.): Der Organisierte Tod: Sterbehilfe und Selbstbestimmung am Lebensende – Pro und Contra. Orell Füssli Verlag 2012, 270 S. 17,95 Euro.