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Licht ins Dunkel oder Blendwerk?

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Wo entsteht Strom? Diese Frage hat sich der Schweizer Fotograf Luca Zanier gestellt. Nach jahrelanger Recherche hat er mit seinem „Power Book“ nun ein höchst faszinierendes, aber ambivalentes Werk über einige Ursprungsstätten der Elektrizitätserzeugung vorgelegt. Die klare Ästhetik seiner Fotografien erinnert an Andreas Gursky und Thomas Struth. Es mangelt ihnen allerdings an einer klaren Sprache.
Donnerstag, 20. September 2012
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Ansicht der Raffinerie von Collombey | © Luca Zanier

Was wäre die Welt ohne Strom? Was klingt, wie der Beginn eines Werbespots der Energieriesen führt in die Tiefe der menschlichen Existenz in einer von Elektrizität am Leben erhaltenen Welt. Mikrowelle, Flachbildschirm und iPad diese Götzen der Moderne wären Edelschrott, bekämen sie nicht ihren Lebenssaft aus der Steckdose. In ihnen spiegelt sich die Realität gewordene Abhängigkeit des Menschen vom Strom. Wenn man so will, hat die Frage der Elektrizität religiöse Züge. Ohne sie läuft nichts, mit ihr alles. Wer nun den Einwand anbringen will, dass menschliches Miteinander doch sehr wohl auch ohne Strom funktionieren würde, der sei an die modernen und immer stärker unsere alltägliche Kommunikation bestimmenden Medien erinnert. Und auch Twitter, Facebook und Co. sind Nichts ohne das Britzeln, das durch Leitungen strömt, bis es die Kontakte der Stromabnehmer in den Haushalten erreicht.

Der Tatsache der Bedeutung von Strom in unserer Zivilisation steht die erschreckende Erkenntnis gegenüber, dass wir so gut wie nichts über dessen Herkunft wissen. Gewiss, der geradezu ideologische Konflikt zwischen Ökostromanhängern und Atomstromverfechtern, zwischen Windradanbetern und Kohlemissionaren, zwischen Solarstrombefürwortern und Gasturbinenpropagierern ist bekannt. Aber das Wissen wird ja schon an der Stelle dünn, wo es darum geht, wie welche Energielieferanten gefördert und geschützt werden, was wie viel kostet und zu welchen Lasten das am Ende geht (diesseits berichtete kürzlich über einen entsprechenden Bericht). Noch dünner, nahezu inexistent, wird das Wissen bei den Energiequellen, denn die Energiewirtschaft ist nicht, womit wir uns tagtäglich befassen.

Licht ins Dunkel bringt nun der Schweizer Fotograf Luca Zanier, der im wahrsten Sinne des Wortes tief in das Elektrizitätssystem hinabgestiegen ist und – ausgestattet mit einfacher Ausrüstung – die vorgefundenen Orte in faszinierenden Bildern festgehalten hat. „Es sind menschenleere beton- und Stahlwelten, die sich uns offenbaren, Kathedralen der Moderne, Tempel einer energiefressenden Gesellschaft, die eine kalte Logik ausstrahlen", schreibt der Autor André Küttel in seinem Vorwort. Und tatsächlich, die Ursprungsorte der Elektrizität wirken zuweilen wie Stätten religiöser Kontemplation.

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Lagerhalle von schwachen und mittelaktiven Abfällen im Zwischenlager Würenlingen | © Luca Zanier

Luca Zaniers Power Book ist auf vielfältige Weise ein Augenöffner. Es präsentiert dem Betrachter Orte, die er selbst wohl nie betreten wird. Ob der Kommandoraum eines Kernkraftwerks, die Lagerhalle für schwache und mittelaktive Abfälle, ein Kühlturm von innen, einen Castorbehälter für die Lagerung und den Transport von hochaktiven, abgebrannten Brennstäben oder das Hauptspektrometer im Karlsruher Institut für Technologie – kaum einer wird diese Orte jemals schon einmal von innen gesehen haben oder sie künftig einmal von innen sehen. Zanier soll in manchen Fällen jahrelang dicke Bretter gebohrt haben, bevor er die Zugangserlaubnis bekam.

Zanier geht es aber nicht einfach nur um die Dokumentation, sondern um Farben, Formen und Perspektiven. Diese gewinnen meist derart die Oberhand, dass die Funktionalität der Räume bis zum Verschwinden in den Hintergrund gedrängt wird. Die Fotografien von Größen wie Andreas Gursky oder Thomas Struth drängen sich vor das innere Auge des Betrachters. Er wird, ähnlich wie von deren großformatigen Fotografien, nahezu verzaubert. Unwissend, was man da eigentlich vor Augen hat, geht von diesen Aufnahmen eine große Anziehungskraft aus. Der Betrachter sucht neugierig nach Anhaltspunkten an diesen Stätten, wo der Strom entsteht. Man ertappt sich dabei, wie man auf diesen menschenleeren Bildern den Götzen Elektrizität sucht, als würde er sich irgendwo auf der Fotografie verstecken.

Charakteristisch für Zaniers Aufnahmen ist, dass die abgebildeten Räume meist lichtdurchflutet, sauber und ordentlich wirken. Stets gibt es eine geradezu strahlende Lichtquelle, nirgendwo sieht man etwas Heruntergefallenes auf dem Boden oder den Armaturen liegen. Ruß und Asche sind ebenfalls völlig abwesend. In den Schaltstellen der Elektrizitätssysteme herrscht die Sterilität eines Operationssaales. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Zanier das Innere des Castorbehälters auch wie einen Operationssaal inszeniert.

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Zugangsstollen zur Kavernenzentrale Ferrara | © Luca Zanier

Diese Sauberkeit wirkt verführerisch. Mit ihr beginnt die Ambivalenz, die die Rezeption dieses Bildbands begleitet, denn Zanier entführt den Betrachter in eine traumhaft schöne, aber surreale Scheinwirklichkeit. Sie erinnert an die Werbekampagne der Atomlobby, die mit idyllischen Fotografien von Kühen vor Atommeilern für die angebliche Umweltfreundlichkeit dieser Technologie in die Köpfe der Deutschen bringen wollte. Ebenso verführerisch wirken Zaniers Bilder. So wie sie den einmaligen Blick hinter die Kulissen erlauben, wirken sie auch wie Ausrufezeichen gegenüber dem Betrachter. Schau hin, ein zweites Mal wirst Du die Chance nicht bekommen!

Was will dieser Bildband? Licht ins Dunkel der Stromproduktion bringen? Oder den Betrachter von den dunklen Seiten der konventionellen Stromproduktionen ablenken? Ist das Power Book ein künstlerischer Lobbycoup? Beim Lesen des Nachwortes von Bill Kouwenhoven, einem internationalen Experten für zeitgenössische Fotografie, könnte man fast den Eindruck bekommen. Dort liest man: „Diese Kraftwerke, Symbole nationalen und zugleich unternehmerischen Prestiges, befinden sich im Zentrum der modernen industriellen Zivilisation. Sie sind das pulsierende Herz unserer vernetzten, von Elektrizität abhängigen Welt". Mit Verlaub, aber dies ist ein befremdlicher Hymnus auf Kern- und Kohlekraftwerke. Zwar spricht Kouwenhoven auch von „der Doppelnatur der modernen Energieerzeugung", die man angeblich auf den Bildern sieht, aber man muss schon viel interpretieren, um sie zu sichten. Im Gegensatz zu Struths oder Gurskys Fotografien, denen die Kritik dessen, was sie abbilden, inhärent ist, verharren Zaniers Aufnahmen in der Faszination. Einzig die Menschenleere auf den Bildern, die sich selbst in den unbenutzt erscheinenden Gängen und Fluren widerspiegelt, sowie die Reduzierung der Anlagen auf die Technik sprechen von einer Technikgläubigkeit, die die Menschheit zuletzt in Fukushima in den Abgrund hat blicken lassen.

Auch die Tatsache, dass keine Aufnahme eines Windrads, einer Solaranlage oder eines Wasserkraftwerks in dem Band ist, macht skeptisch. Finden sich nicht auch dort ähnlich faszinierende Perspektiven? Würden nicht erst die Anlagen der alternativen Stromerzeugung das Bild des Energiesystems rund machen? Fragen, die unbeantwortet bleiben.

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Innenansicht des Hauptspektrometers im Karlsruher Institut für Technologie | © Luca Zanier

Am Ende des Bildbands erwartet den Betrachter die Aura des Karlsruher Hauptspektrometers, kristallblau glänzend, wunderschön, verführerisch. „Wo andere lärmend fabulieren, bleiben Zaniers Bilder ruhig und wertfrei, und gerade dadurch lassen sie sich mit unseren eigenen Wertvorstellungen und Emotionen aufladen", hebt Küttel die Qualität von Zaniers Fotografien hervor. Diese Qualität verpflichtet den Betrachter zur Skepsis.

Nachwort: In der auf gerade Linien und klare Formen reduzierten Bildästhetik der Aufnahmen von Luca Zanier lassen sich über Gursky und Struth Parallelen zurück bis hin zur dokumentarischen Industriefotografie von Bernd und Hilla Becher ziehen. Den Bechers ging es übrigens um die Dokumentation einer aussterbenden Industrie, Gursky und Struth um das Hinterfragen der Verhältnisse, in denen wir leben. Derart Eindeutiges lässt sich auf der Grundlage des Power Book leider nicht sagen.

Power Book

Luca Zanier: Power Book. Raum und Energie. Mit Texten von Bill Kouwenhoven und André Küttel. 37 farbige Abbildungen. Benteli 2012. 112 Seiten. 54 Euro.

Website des Künstlers: www.zanier.ch