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Humanismus – ein offenes System

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Dienstag, 11. November 2014

In der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland ist der nunmehr fünfte Band „Humanismus – ein offenes System“ mit acht Aufsätzen der renommierten klassischen Philologen und Humanismusforscher Hubert Cancik und Hildegard Cancik-Lindemaier erschienen.

Cover

Der Herausgeber Horst Groschopp benennt in seinem Vorwort zwei grundlegende Motive dieses Buches: Gezeigt werden soll erstens, dass der Humanismus „eine innere Tendenz besitzt, ein Gebäude an Ideen und Institutionen zu errichten, um Ordnung in sein Selbstverständnis und seine Einrichtungen zu bringen“, und zweitens, dass dabei „ein ‚offenes‘, lernfähiges System“ entstehe (S. 12/13).  Es wird spannend sein, zukünftig zu verfolgen, ob der damit zugrunde gelegte Spagat zwischen der „Provokation Systembildung“ (Groschopp) und dem Anliegen einer „offenen“ Form theoretisch wie praktisch gelingen kann.

Siegfried R. Krebs hat den Band für humanismus aktuell besprochen. Er zitiert ausführlich aus den sehr gut lesbaren Texten, verschriftlichten und bisher unveröffentlichten Vorträgen der beiden Autoren aus Weimar, Taipeh, Peking, Oxford, Houston und Budapest. Die Leser der Rezension erhalten in knapper Form einen ausgezeichneten Überblick über die bei der Lektüre des Bandes zu erwartenden Thesen und Argumente. Krebs stimmt mit Cancik und Cancik-Lindemaier insbesondere darin überein, dass ihre Antike-Rezeption eine Vielzahl überzeugender aktueller Bezüge – Menschenrechte, Toleranz, Luther-Dekade – aufweist.

Ausführlich widmet er sich einem Urania-Vortrag von Hubert Cancik  "Religionsfreiheit – ein Menschenrecht im Spannungsfeld von Humanismus, Reformation und Aufklärung – Zur Erinnerung an 1700 Jahre "Toleranz-Edikt' 313 – 2013" (Berlin 2013), in dem die Entstehungsgeschichte der Religionsfreiheit in Europa sakralisierender, insbesondere protestantischer Vereinnahmungsversuche entkleidet wird.

Krebs fasst zusammen: „Der Wert dieses Sammelbandes besteht nicht nur in der Publikation bislang unveröffentlichter akademischer Vortragstexte. Sein Wert besteht vor allem darin, dass mit ihm eine kompakte wissenschaftliche Handreichung all denen gegeben wird, die antike Quellen nicht im Original lesen können. Der Sammelband ist zugleich eine ausgezeichnete Argumentationshilfe für Humanisten im Diskurs über Menschenrechte, Religionsfreiheit und Humanismus.“ (S. 4)

Autoren, die sich hierzulande mit der Geschichte des Humanismus beschäftigen, gehen oftmals primär oder gar ausschließlich zurück bis zur europäischen Aufklärung, betonen den Fortschritt der modernen Wissenschaft und Technik und heben den mit der bürgerlichen Revolution von 1848 einsetzenden Säkularisierungsprozess inkl. der Stichwortgeber Feuerbach und Marx hervor. Dies ist natürlich nicht falsch, kann aber zu einem arg reduzierten Verständnis von Humanismus führen, wie  die Lektüre des Buches von Michael Schmidt-Salomon, „Hoffnung Mensch“, zeigen mag. Der Band von Cancik und Cancik-Lindemaier belegt dagegen, wie fruchtbar es sein kann, die Geschichte des europäischen Humanismus viel früher beginnen zu lassen, und er deutet außerdem noch außereuropäische, interkulturelle Bezüge an.    

Dabei werden von den Autoren nicht allein Ergebnisse vorgestellt, sondern auch brachliegende Forschungsfelder kartiert. Dies gilt für die Erforschung „weitere(r) Grundbegriffe des europäischen Humanismus“ (Cancik, S. 48) wie für die Entwicklung offener Formen des Sprechens und Schreibens (Vgl. Hildegard Cancik-Lindemaier, S. 88-109), die gravierende Unterschiede markieren können zu Religionen und Ideologien, die sich in sakrosankter und unhistorischer Weise auf ihre Bücher, Texte und Dogmen stützen. Forschungen über das Wie humanistischen Schreibens und Sprechens, ja eine Theorie humanistischen Kommunizierens könnten den traditionellen Schwerpunkt auf das Was des Humanismus sinnvoll ergänzen.

Image of Humanismus - ein offenes System: Beiträge zur Humanistik (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland)

Hildegard Cancik-Lindemaier, Hubert Cancik: Humanismus - ein offenes System: Beiträge zur Humanistik (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland). Alibri 2014, Taschenbuch, 185 Seiten