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Ein Loblied auf den vernunftgeleiteten Fatalisten

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Das Hamburger Wochenblatt „DIE ZEIT“ hat seine Philosophie-Sonderausgabe in großen Anzeigen angekündigt. Es sollte um Gerechtigkeit, Freiheit und Glück, um Liebe und Kapitalismus, Toleranz und Freiheit gehen. Der Redaktion ist dabei ein beachtliches Heft gelungen, bei dem es am Ende um das Denken als solches geht.
Montag, 17. Juni 2013

Der erfahrene und skeptische ZEIT-Leser konnte kaum ohne Vorbehalte an dieses Heft gehen. Es war zu befürchten, dass sich auch in der Philosophie-Beilage der neoliberal-klerikale Ton einschleicht, der in den vergangenen Jahren mit allzu großer Überzeugung in das Blatt gefunden hat. Papsthymnen und Lobgesänge auf die Kirchen und ihre Vertreter gehören inzwischen zu den wöchentlichen Inhalten. Der ehemals zugewandt-kritische Ton gegenüber religiösen Weltanschauungen ist von einem religionsdogmatischen Einerlei verdrängt worden, so dass man von der wöchentlichen Sonderseite „Glauben und Zweifeln“ getrost das Zweifeln streichen kann. Ob all das eine Folge der redaktionellen Übernahme des Rheinischen Merkur und der Wiedergeburt der evangelisch-konservativen Wochenzeitung Christ und Welt ist oder vielmehr die Übernahme die logische Konsequenz einer redaktionellen Entwicklung bleibt im Dunkeln.

Ganz anders hingegen diese Beilage, die in ihrer Prägnanz und Schärfe, in ihrer argumentativen Stärke und Vielstimmigkeit, in ihrer Aktualität und Unerschrockenheit vor den großen Fragen strahlend glänzt. Fast 20 renommierte Philosophen, Philologen, Psychoanalytiker und Soziologen, allesamt große Denker, stellen sich in der Ausgabe den großen Fragen. Was ist ein freier Mensch, was Gerechtigkeit, was Glück und was das gute Leben? Nicht immer geben die schreibend Denkenden dabei finale Antworten, meistens verweigern sie sich gar. Aber sie liefern, wie sich das für Philosophen gehört, Denkanstöße, die die Lesenden selbst animieren, aktiv zu werden und sich den großen Fragen des Lebens und unserer Zeit zu stellen.

Zeit Philosophie Beilage

Der Frankfurter Philosoph Martin Seel etwa befasst sich mit der Frage nach dem freien Menschen und unterscheidet dabei in vier Wesenstypen: den Tyrannen, den Trotzigen, den Fanatiker und den Fatalisten. Während der Tyrann alle Fesseln ab- und alle anderen seiner individuellen Freiheit unterwirft und der Trotzige einfach seine Ansichten wider aller Vernunft durchdrückt (der Fanatiker verhält sich ähnlich, nur dass er sich in den Dienst eines Dogmas stellt), erkennt der Fatalist seine eigenen Grenzen, glaubt nicht an die bestehenden Verhältnisse, sondern an die Möglichkeiten. „Er segelt gerne gegen den Wind. Der wahre Fatalist zieht seine Nummer nicht durch. Man darf ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen.“

Der Philosoph Hans Joas spricht sich in seinem Beitrag zur Menschenwürde erneut für die „Sakralisierung der Person“ aus, die dazu führe, dass die Menschenwürde auf alle Menschen und die Menschheit als solche ziele und damit keine religiöse oder säkulare Tradition „ein Monopol auf die Menschenwürde“ anmelden könne. Die Menschenwürde sei vielmehr an verschiedene Traditionen anknüpfbar.

Der indische Psychoanalytiker Sughir Kakar machte sich für die ZEIT auf die Suche nach der menschlichen Seele, die er mit dem diesseitigen und jenseitigen Kosmos in Verbindung stehen sieht, letztlich aber doch durch sehr weltlich-humanistische „Manifestationen“ greifbar ist: Toleranz, Mitleid und Empathie machen für Kakar das Seelische aus, dass bedeutungslos bleibt, solange es „in ein individuelles Selbst eingesperrt bleibt.“

Die israelische Soziologin Eva Illouz befasst sich nach ihrem großen Buchtitel Warum Liebe weh tut mit der Liebe in Zeiten des digital breakdown und bemängelt, dass das Erhabene der Liebe zwischen Online-Dating und Internet-Pornographie verlorengehe. Die sexuelle Freiheit werde oftmals mit sexueller Willkürlichkeit verwechselt – „durch den mechanischen Vollzug einer zeitgenössischen Norm, der Norm der Hypersexualität.“

Susan Neiman bekam von der ZEIT-Redaktion die Frage vorgelegt, was heute noch Religion sei. In ihrem dichten Text bezieht sie Stellung gegen die „Wiederkehr der Fanatiker“, in der sie das Problem unserer Zeit sieht, weil diese nicht willens seien, Glaube und Vernunft zusammenzuführen. Dass diese Wiederkehr der religiösen Fanatiker einhergehe mit der Wiederkehr der neoliberalen Wirtschaftsgläubigen, sei kein Zufall, so Neiman, sondern der Beleg einer „hobbesschen Weltsicht“, in der die Katastrophennachrichten aus Billiglohnfabriken in Bangladesch ebenso wenig überraschen wie die Meldungen, wenn Islamisten mal wieder die Todesstrafe für Atheisten fordern.

Der Philosoph Michael Sandel, dessen aktuelle Studie zur Gerechtigkeit die Buchlisten völlig zu Recht stürmt, würde Neiman zweifellos zustimmen. Im Interview betont er, dass er nicht so scharf zwischen Religion und aufgeklärter Vernunft unterscheiden würde. Dies sei erst in der Aufklärung als Anliegen formuliert worden, um sich von den religiösen Dogmen der Kirche zu distanzieren. Heute sei das aber nicht mehr in der Form nötig, Sandel will „der Vernunft ihre Wurzeln in der Tradition des Nachdenkens“ lassen, so dass sie keine so harte Dichotomie mit der Religion bilde.

Gegen die gegenwärtige Form des Kapitalismus als alternativloses Modell spricht sich die Philosophin und Volkswirtin Lisa Herzog aus, die ihm eine „Therapie“ verordnen möchte, weil er wie die Liebe „zu einer ziemlich elenden Angelegenheit“ verkommen könne. „Auf den Kapitalismus zu verzichten ist keine Option, solange keine lebbare Alternative in Sicht ist. Aber wir müssen und dürfen ihn nicht lassen, wie er ist. Die Menschheit als Ganzes kann sich das, im wörtlichen Sinn, nicht leisten.“ Und Sandel ergänzt marktkritisch: „Eine Demokratie kann ihre Bürger nicht darauf reduzieren, Marktteilnehmer zu sein.“

Der Schweizer Philosoph Michael Hampe plädiert sehr weltlich für ein Ende der Verabsolutierung der Natur, die es als solche gar nicht gebe. „Wir können uns an der Natur nicht orientieren. Menschliche Gruppen müssen selbst, ohne natürliche oder göttliche Transzendenz, entscheiden, wie sie leben wollen.

Julian Nida-Rümelin spricht sich analog zu seinem Plädoyer für eine humanistische Bildung angesichts der multikulturellen und multireligiösen Prägungen der modernen Gesellschaften für eine Kultur der Freiheit aus, die ohne eine „humanistische Leitkultur, eine Kultur, die unterschiedliche partikulare Prägungen der Religion und Herkunft überwölbt und diese gegebenenfalls in die Schranken weist“. Im Zentrum dieser Kultur steht die Idee gleicher menschlicher Rechte.

Dass dies nicht ohne Toleranz geht, ist klar. Dass Toleranz aber nicht einfach zu haben, weil nicht beliebig ist, macht der Frankfurter Philosoph Rainer Forst deutlich. Denn auf der Basis der eigenen Position fordern unterschiedliche Parteien mit unterschiedlichen Interessen die gleiche Toleranz ein. Forst plädiert für eine erkenntnistheoretische Toleranz, in der religiösen Dogmen wenig bis keine Überzeugungskraft innewohnt, eine vernunftgeleitete Toleranz aber durchaus religiöse Positionen akzeptieren kann. „In der Haltung der Toleranz nach Maßgabe der Respekt-Konzeption muss ich ferner anerkennen, dass ich anderen, die mit mir unter einem gemeinsamen Normensystem leben, Gründe für solche Normen schulde, die zwischen und moralisch-politisch teilbar sind und eben nicht aus dem Fundus von Überzeugungen stammen, die ja gerade umstritten sind. Wir nennen diese Fähigkeit, entsprechende Gründe im theoretischen und im praktisch-politischen Gebrauch zu erkennen und diskursiv gemeinsam zu finden, übrigens Vernunft.“