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Presseschau: New Humanist 3-2013

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Die aktuelle Ausgabe des „NEW Humanist“, dem Magazin der britischen Humanisten, beschäftigt sich unter anderem mit der spirituellen Dimension des Humanismus, den zweifelhaften pädagogischen Konzepten der christlichen Privatschulen in Großbritannien und der Gefährdung des Menschen durch die allumfassende Digitalisierung.
Mittwoch, 5. Juni 2013
New Humanist

Als wir im Frühjahr 2012 nach dem Spirituellen im Humanismus fragten, runzelten einige unserer Leser die Stirn. Der Begriff sei zu sehr mit dem Religiösen und Esoterischen verbunden, sagten die Kritiker, und plädierten für ein naturalistisches Weltbild. Es gab aber auch Befürworter einer weltlichen Spiritualität, die betonten, dass auch die humanistische Menschenbildung an ihre Grenzen stoße und eine spirituelle Erkenntnis zum Menschenverständnis unverzichtbar sei.

Die Befürworter eines weltlich-spirituellen Bedürfnisses erhalten nun Rückenwind aus Großbritannien. Denn ausgerechnet das Magazin der britischen Rationalisten NEW Humanist fragt in seiner aktuellen Ausgabe nach der spirituellen Dimension im Humanismus. Der Philosoph Jonathan Rée fragt im Leitartikel der aktuellen Ausgabe nach einem rationalistischen Weg der Trauer und sieht vor allem im Bereich der Begleitung am Lebensende die Notwendigkeit, Rituale zu entwickeln. Rée setzt den Gegnern von weltlichen Ritualen, die für ihn spirituelle Ereignisse sind, das Argument entgegen, dass gerade weil Atheisten und Humanisten nicht an eine bessere Nachwelt glauben und mit dem Tod das finale Ende eintritt, es für dieses fatale Lebensereignis eine ritualisierte Feierform geben sollte. Nun sind weltliche und humanistische Bestattungen längst keine Seltenheit mehr, aber die Verbindung des Rituals mit einer spirituellen Dimension macht Rées Beitrag überaus spannend. Unterfüttert wird seine These der spirituellen Dimension am Lebensende mit einem Spaziergang von Matthew Adams über die Friedhöfe im Südosten Londons, in der der flanierende Autor zu dem Schluss kommt, dass in den Steinen dieser Trauerorte etwas  „von dem Zauber der Welt“ geborgen sei.

Außerdem beschäftigt sich Jonathan Scaramanga mit den pädagogischen Konzepten der christlichen Privatschulen in Großbritannien. Scaramanga wuchs selbst in einer extrem christlichen Familie auf und weiß daher, wovon er spricht. Es sei unglaublich, dass einige christliche Privatschulen in Großbritannien staatliche Gelder beziehen und ihre Abschlüsse von den staatlichen Behörden mit einem Cambridge-Abschluss vergleichbar sei, schreibt Scaramanga. Denn was sei ein Schulabschluss, in dem statt der Evolutionstheorie die Schöpfungsgeschichte erfragt wird. Und wem das noch nicht reicht, um die staatliche Förderung zu hinterfragen, der bekommt spätestens bei den möglichen Antworten im christlichen Multiple-Choice-Test auf die Frage, wer die Evolutionstheorie erfunden hat, Schnappatmung. Denn neben dem Erfinder der Theorie Charles Darwin und dem Wissenschaftler Gregor Mendel steht, man traut seinen Augen kaum, Adolf Hitler. Die Evolution wird hier unverhohlen mit Faschismus und Nazismus gleichgesetzt. Ein Skandal.

Weiterhin in der aktuellen Ausgabe ein Porträt des „Digitalpioniers“ Jaron Lanier, dem die zunehmende Digitalisierung des gesamten Lebens Sorgen bereitet, nicht nur, weil die Digitalisierung der Wirtschaft ganz undigitale Arbeitsplätze kostet, sondern vor allem, weil die digitale Durchleuchtung des Individuums die Menschheit als solche gefährde: „Es geht am Ende tatsächlich darum, ob Individuen überhaupt existieren oder nicht.“

Darüber hinaus befasst sich Sally Feldman in Anlehnung an den Welterfolg des pseudo-erotischen SM-Romans Fifty Shades of Grey mit den „50 Shades of Feminism“. Wenngleich sie einige wichtige Aspekte berücksichtigt, ist der Beitrag eher enttäuschend, weil man hier die wichtigen Stimmen des jungen und frechen Feminismus wie Laurie Penny oder Susie Orbach vermisst.

Insgesamt aber dennoch eine sehr gelungene Ausgabe des NEW Humanist, den Sie hier bestellen können.