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Malta: Keine Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer

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Die katholische Kirche in Malta lehnt die Verantwortung für den Missbrauch mehrerer Minderjähriger durch zwei Priester ab. Am vergangenen Freitag gab sie bekannt, dass sie Missbrauchsopfern keine Entschädigung zahlen will.
Montag, 26. September 2011
Kircheninnenraum Düster

Während sich Papst Benedikt XVI. in Deutschland mit Missbrauchsopfern traf, erteilte seine Kirche Opfern von Priestergewalt in Malta, denen Joseph Ratzinger im vergangenen Jahr Hilfe und Unterstützung zugesagt hatte, eine bittere Absage. Die katholische Kirche in Malta gab am vergangenen Donnerstag bekannt, dass sie an die Opfer dieser Missbräuche keine Entschädigungszahlungen leisten will. Eine außergerichtliche Einigung zwischen der Kirche und den Opfern kommt daher nicht zustande. Die Opfer streben nun einen Zivilprozess an.

Anfang August wurden die zwei katholischen Priester Godwin Scerri und Carmelo Pulis zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie in den 1980er Jahren mehrere Minderjährige in einem katholischen Kinderheim missbraucht hatten (diesseits berichtete). Nach einem Treffen des Erzbischofs Paul Cremona mit dem Opferanwalt Dr. Patrick Valentino sowie einer Beratung der wichtigsten Vertreter der katholischen Kirche in Malta gab diese bekannt, dass „in diesem speziellen Fall die Kirche als Institution keine rechtliche Verantwortung" für die Taten der Priester habe. Daher könne sie auch nicht die finanzielle Verantwortung auf sich nehmen, hieß es in einer Erklärung der Kirche in Malta. Die Straftaten der beiden verurteilten Priester in dem kirchlichen Heim St. Joseph in der Kleinstadt Santa Verena waren vor über 20 Jahren verübt worden. Statt der von den Opfern geforderten finanziellen Entschädigungsleistungen bot die Kirche Beratung und Seelsorge an. Dazu heißt es in der Erklärung der Kirche:

Die kirchlichen Behörden finanzieren - ohne Bezug auf konkrete Fälle, ohne Blick auf ihre Rolle in künftigen zivilrechtlichen Fällen und ohne Verzicht auf ihre rechtmäßigen Verteidigungsrechte - die notwendigen Schritte für den Aufbau einer Hilfsstruktur mit psychiatrischen, psychologischen und sozialen Experten, die die notwendige Hilfe in ihrem jeweiligen Bereich bieten. Jede einzelne Person, bei der sich in irgendeiner Weise erweist, dass sie Opfer kirchlicher Funktionäre geworden ist, kann diese Hilfe mit in Anspruch nehmen. Für die Kirche stellt diese Hilfsstruktur einen Teil ihres pastoralen und geistlichen Dienstes dar.

Lawrence Grech, eines der Missbrauchsopfer, sagte gegenüber dem Onlineportal Times of Malta, dass er von dieser Entscheidung „bitter enttäuscht" sei. Er kündigte außerdem an, dass diese Frage zivilrechtlich geklärt werden müsse.

Unser Kampf hat gerade erst begonnen. Genau wie die verurteilten Priester gesagt hatten, dass sie nicht für das Geschehene verantwortlich gewesen seien, haben wir jetzt eine Kirche, die ebenfalls sagt, sie sei nicht verantwortlich dafür. Wir überlassen es nun dem Gericht, über die Verantwortlichkeiten zu entscheiden.

Dies bestätigte Opferanwalt Valentino am vergangenen Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz. Man werde gegen die katholische Kirche, die das St. Joseph-Heim betreibende Bruderschaft MSSP (The Missionary Society of St. Paul) sowie gegen die beiden Priester vor ein Zivilgericht ziehen. Für die Opfer sei dies eine zusätzliche Belastung. Sie hätten die Aufarbeitung ihres Missbrauchs gern so schnell wie möglich beendet, ergänzte Valentino. Er sei „enttäuscht, überrascht und empört", dass die katholische Kirche die vorherigen Verhandlungen um eine außergerichtliche Einigung scheitern ließ:

Zum einen spricht die Kirche nach wie vor von „angeblichem" Missbrauch, obwohl längst Erkenntnisse vorliegen. Zum anderen hat sie juristische Argumente statt ihre moralische Verantwortung, die sie schultert, weil sich die Kinder in ihrer Obhut befunden haben, in den Vordergrund gestellt.

Missbrauch No

Einige andere Fälle waren schon verjährt. Valentino betonte, dass das Leben der Opfer immer vernarbt und ihre Leiden keine Verjährung erfahren würden. Einige von ihnen könnten bis heute kein normales Leben führen. Nur eine finanzielle Entschädigung könne eine „Trendwende" in ihrem Leben herbeiführen und den Schaden ausgleichen, den sie in ihrem Leben erlitten haben. In ähnlichen Fällen hatte sich die katholische Kirche mit den Opfern außergerichtlich auf finanzielle Entschädigungen geeinigt, ergänzte Valentino. Vor der Pressekonferenz hatten einige der Opfer vor der Kurie schweigend protestiert.

Noch im vergangenen Jahr hatte Papst Benedikt XVI. die Missbrauchsopfer, denen nun Entschädigungszahlungen verwehrt werden, getroffen und Wiedergutmachung in Aussicht gestellt. Charles J. Scicluna, der „Anwalt für Gerechtigkeit" der Glaubenskongregation in Rom, äußerte sich nicht zur Entscheidung der maltesischen Kirche. Nach Auskunft des Portals hatte er dem Opferanwalt Valentino sogar empfohlen, die außergerichtliche Einigung, die nun scheiterte, anzustreben.

Die katholische Kirche steht in Malta zunehmend unter Druck. Obwohl noch über 95 % der Bevölkerung in der katholischen Kirche sind, entschied sich eine große Mehrheit im Juni gegen den Willen der Kirche für die Legalisierung der Scheidung. Im August wurden die zwei Priester zu Gefängnisstrafen verurteilt – auch das ein Novum in der Geschichte des kleinsten EU-Mitgliedstaates.