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Leipziger Buchmesse eröffnet Bücherfrühling

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Der Bücherfrühling ist mit der Leipziger Buchmesse eröffnet. Nicht nur, weil am ersten Messetag die nominal besten Bücher in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung gekürt werden, sondern auch, weil die Debatte über die pünktlich zur Messe erscheinenden Bücher aus den Frühjahrsprogrammen endlich startet. Wir verfolgen die Geschehnisse in Leipzig für sie auf einer Sonderseite.
Donnerstag, 14. März 2013
Messehallen Leipzig

Am Mittwochabend wurde die Leipziger Buchmesse offiziell mit der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung eröffnet. In diesem Jahr erhielt ihn der deutsche Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal für sein Buch Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, in dem er die seit sechs Jahrhunderten andauernde Verfolgung und Diskriminierung der europäischen Romavölker untersucht. In dem 2011 bei Suhrkamp erschienen Werk beschreibt er die allmähliche Verfertigung eines historischen Vorurteils gegen ein imaginäres Kollektiv, das mangels Schrift den Projektionen anderer hilflos ausgeliefert war. Bogdal zeige, "wie Europa den Grad der eigenen Kultiviertheit an der Abwertung der Roma im Spannungsfeld zwischen Hass, Abwehr und romantisierender Zigeuner-Folklore festmacht", begründete die Jury ihre Entscheidung. Vor dem Hintergrund des europaweit neu auflebenden Anti-Ziganismus hat Bogdals Studie eine bedrückende Aktualität. 

Verfolgen Sie mit uns die Debatten um die bemerkenswertesten Bücher des Frühlings und verfolgen sie die Geschehnisse in den Messehallen in Leipzig auf unserem Messekanal www.diesseits.de/leipziger-buchmesse-2013.

Am Donnerstagnachmittag werden die Messepreise vergeben, um die in de Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung von 430 eingereichten Titeln noch jeweils fünf Titel im Rennen sind. Seit fünf Wochen diskutieren Deutschlands Kritiker über die Nominierungen für den Leipziger Buchmessepreis. Von den besten Büchern aus der zweiten Reihe war da die Rede, von einer langweiligen Auswahl, von der Ignoranz der deutschen Lebensverhältnisse – kaum ein gutes Haar hat man an den für den Belletristikpreis auserkorenen Titeln gelassen. Birk Meinhardts historischer DDR-Roman Brüder und Schwestern könne mit Uwe Tellkamps Turm nicht mithalten, David Wagners autobiografisch geprägten Betrachtungen einer Lebertransplantation unter dem Titel Leben schwanken zwischen genial und langweilig, Ralph Dohrmanns bundesrepublikanischer Geschichtsroman Kronhardt sei als Debüt bemerkenswert, aber dann doch nicht preisverdächtig und die beiden Jungstars unter den Nominierten, Lisa Kränzler mit Nachhinein und Anna Weidenholzer mit Der Winter tut den Fischen gut, dann doch etwas zu anstrengend in ihrer poetischen Verspieltheit.

Nun ja, man kann tatsächlich fragen, warum nicht Michael Köhlmeiers verrückter Roman eines notorischen Egoisten Die Abenteuer des Joel Spazierer, Eva Menasses Konstruktion Quasikristalle oder Annika Scheffels Bevor alles verschwindet auf der Liste der besten Belletristiktitel gelandet sind. Denn das sind die Buchtitel, über die bislang am meisten diskutiert wird. Und es werden in den nächsten Tagen sicher noch einige weitere bemerkenswerte Frühjahrsbücher hinzukommen, denn erfahrungsgemäß sind mit der Verleihung der Leipziger Buchmessepreise und der anschließenden medialen Kommentierung der Hype um die nominierten Titel dann schon beendet. Der Abschluss der Chronologie des 27. September von Christa Wolf unter dem Titel Ein Tag im neuen Jahrhundert. 2001 – 2011 gehört zweifellos dazu, ebenso wie die Wiederentdeckung des Romans Georg von Siegfried Kracauer. Und blicken wir mal über den deutschen Tellerrand hinaus, dann kommt man in diesem Frühjahr an dem neuen Roman des aktuellen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan Frösche nicht vorbei.

Im Sachbuchbereich kann man sich auf die Leipziger Auswahl verlassen, nicht zuletzt auch, weil das renommierte Münchener Verlagshaus C. H. Beck, das in diesem Jahr sein 250-jähriges Bestehen u.a. mit einer Jubiläumsedition einiger seiner wichtigsten Titel der letzten Jahre feiert, wie in jedem Jahr prominent in dieser Kategorie mit vertreten ist. Bei so manchem Kritiker ist der Verlag aufgrund seines alljährlich imposanten Sachbuchprogramms schon als Sachbuchverlag abgestempelt, was dem deutlich kleineren, aber sorgsam ausgewählten Belletristikprogramm des Verlags jedoch nicht gerecht wird. Wie dem auch sei, mit Hans Beltings Faces – Eine Geschichte des Gesichts und Kurt Bayertz Geschichte des anthropologischen Denkens Ein aufrechter Gang sind die zwei Schwergewichte in dieser Auswahl schon genannt. Es würde verwundern, wenn nicht eines der beiden Bücher den Preis davonträgt. Wenngleich mit Götz Alys Buch-Gedenkstein für die Opfer der Euthanasie-Aktionen der Nationalsozialisten Die Belasteten ein gesellschaftsgeschichtliches Grundlagenwerk durchaus ein preisverdächtiger Konkurrent mit im Rennen ist. Wolfgang Streecks Erkundung der Ursachen der gegenwärtigen Krise Gekaufte Zeit und Helmut Böttigers Geschichte der Gruppe 47 sind durchaus kluge Bücher, über die schon viel gesprochen wurde, aber sie dürften die geringsten Aussichten auf den Sachbuchpreis haben.

Darüber hinaus sind mit der Naturkunden-Reihe im Berliner Verlag Matthes & Seitz und der Studie Der Wille zum Wesen von per Leo im gleichen Verlag, der Derrida-Biografie von Benoît Peeters oder der sexualsoziologischen Untersuchung Sex und Zitadelle der Ägypterin Shereen El Feki nur einige Sachbuchtitel genannt, die in diesem Frühjahr zweifellos für Aufsehen sorgen werden.

Für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse liegt eine beeindruckende Liste vor. Ein zeitgenössischer Roman aus Russland, ein russischer Roman der klassischen Moderne, eines der wichtigsten Werke der amerikanischen Moderne, eine weitere Übersetzung aus dem frappierenden Werk des Portugiesen António Lobo Antunes sowie die Erstübertragung einer 800 Jahre alten arabischen Handschrift mit völlig unbekannten Scheherazade-Geschichten. Nominiert sind Alexander Nitzberg für seine Neuübertragung von Michail Bulgakows Faust-Roman Meister und Margarita, Andreas Tretner für die Übersetzung von Michail Schischkins Liebesroman Briefsteller, Eva Hesse für die unglaubliche Sisyphusarbeit einer Übersetzung von Ezra Pounds Cantos, Maralde Meyer-Minnemann für die Übertragung von António Lobo Antunes’ Archipel der Schlaflosigkeit sowie Claudia Ott für die archäologisch-übersetzerische Glanzleistung des Erstellens einer deutschen Fassung einer Handschrift des Aga Khan Museums unter dem Titel Einhundertundeine Nacht.

Sebastian Bartoschek: Gedankenwelten

Nachtrag in eigener Sache: Unser Autor Sebastian Bartoschek stellt im Rahmen der Buchmesse seinen Interviewband Gedankenwelten - Interviews zwischen Science und Fiction vor, in dem u.a. seine Gespräche mit dem Comedian Bernhard Hoecker, dem Mitbegründer des modernen Skeptizismus Ray Hyman (beide für diesseits), mit dem esowatch-Blogger Ralf Neugebauer, mit Astronautik-Urgestein Erich von Däniken sowie mit diesseits-Redakteur Arik Platzek versammelt sind. Am Samstag findet zwischen 14 und 15 Uhr am Stand des jmb-Verlags (Halle 4, Stand A102) eine Signierstunde mit Sebastian Bartoschek statt.