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Leipziger Buchmesse: David Wagners "Leben" als bestes Buch ausgezeichnet

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David Wagner, Helmut Böttiger und Eva Hesse sind die diesjährigen Gewinner der Preise der Leipziger Buchmesse. Jurypräsident Hubert Winkler ging vor der Preisvergabe auf die Debatte über die Auswahl ein, die seit der Bekanntgabe der Nominierungen geführt wurde.
Donnerstag, 14. März 2013
David Wagner Preisträger

David Wagner | © Thomas Hummitzsch

David Wagners Notizenbuch Leben nimmt nur einen geringen Teil des physischen Gesamtgewichts von 2.893 Gramm ein, den die fünf nominierten belletristischen Titel für den Leipziger Buchmessepreis wogen. Seine inhaltliche und ästhetische Qualität machen ihn aber in den Augen der Jury zum literarischen Schwergewicht. Auch sein Thema ist kein Leichtes. In Leben geht es um das Kranksein, um das Warten auf Gesundung, um das Hoffen und Bangen, um das Zweifeln und Grübeln – eben um all das, was den Menschen beschäftigt, wenn er malade darniederliegt. Wagners Erzähler ist besonders krank, leidet an einer Autoimmunlebererkrankung und braucht ein neues Organ. Wagner selbst war vor Jahren in ebenjener Lage und sein Buch ist das Resultat seiner Krankenhaus-Notizen.

Wagners Erzähler beschreibt seinen Alltag in der Klinik, wo der der König ist, der die schwerste Krankheitsgeschichte vorweisen kann (Hier geht es zur diesseits-Rezension). Er reflektiert die gut gemeinte,  aber nicht minder dreiste ständige Entmündigung durch die Behandlung und das „Leben aus zweiter Hand“, wie es die Laudatorin Daniela Strigl, selbst nur wenige Minuten zuvor mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet, beschrieb. Der Schwere seinen Themas setzt Wagner in Leben eine unerhörte Ironie und Leichtigkeit entgegen, was dieses Buch in weiten Teilen besonders macht. Dem gegenüber stehen jedoch Passagen der ermattenden Schilderung des Krankenhausalltags, die den Leser zuweilen in den Dämmerzustand eines müden Patienten versetzen.

Wagners Erzähler verdankt sein Leben dem Tod eines anderen Menschen, der in seinen 277 Notizen und Erinnerungsblättern immer zugegen ist und dem, dies begreift man am Ende, dieses Buch auch irgendwie in Dankbarkeit gewidmet ist. „Ich habe den eigentlichen Preis längst erhalten“, erklärte ein sichtlich bewegter David Wagner bei der Entgegennahme des Preises.

Preisträger Buchmesse Leipzig 2013

Heinz Ickstatt (für Eva Hesse), David Wagner und Helmut Böttiger (v.l.n.r.) konnten in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse entgegennehmen | © Thomas Hummitzsch

In der Kategorie Sachbuch wurde Helmut Böttiger für seine Geschichte der Gruppe 47 ausgezeichnet (Hier geht es zur diesseits-Rezension). Er mache in seiner „Soziologie des Literaturbetriebs“ deutlich, dass die Gruppe 47 keineswegs, wie so oft fälschlicherweise vermittelt, ein Netzwerk einer konformen Autorengeneration gewesen ist, sondern dass in dieser Gruppe Enge und Weite geherrscht habe und Autoren aus ganz verschiedenen Generationen Platz gefunden haben. Böttigers Werk besitzt seine Stärken im anekdotischen Bereich. Er erzählt unzählige Einzelgeschichten und Ereignisse rund um die Gruppe 47 und ihre Mitglieder, ohne dabei vor der Fülle des Materials zu kapitulieren.

Böttiger selbst zeigte sich überrascht über die Preisverleihung. Er habe von Anfang an gewusst, dass er gegen ein Klischee anschreibe, sei das Autorenkollektiv der Nachkriegsgeneration und Exilierten heutzutage doch eher „uncool“. Das fand die Jury offensichtlich nicht. „Ich werde überlegen, was das heißt, dass ich diesen Preis bekommen habe“, erklärte Böttiger. Dem werden sich sicherlich auch zahlreiche Kritiker anschließen, die angesichts der starken Konkurrenz unter den Nominierten für den Sachbuchpreis eher andere Favoriten im Kopf hatten.

Eva Hesse konnte ihren Preis für die beste Übersetzung nicht entgegennehmen, dies übernahm einer der beiden Herausgeber ihrer Ezra-Pond-Übersetzung Heinz Ickstatt. Aus Alters- und Krankheitsgründen konnte sie nicht nach Leipzig kommen, um sich die Auszeichnung für ein halbes Jahrhundert Arbeit, anfangs mit Ezra Pound und irgendwann nur noch an seinem Hauptwerk Die Cantos abzuholen (Hier geht es zur diesseits-Rezension). Eine „herkulische Aufgabe“ sei das Projekt als solches, unabhängig von seinem Ausgang, erklärte Jurymitglied Martin Ebel vor der Preisvergabe. Pounds Langgedicht speist sich aus der lyrischen Erzähltradition der Antike und des Mittelalters, in das er die Expressivität der Moderne hineinstreut. Mit der prächtigen zweisprachigen Ausgabe im Arche-Verlag, in dem 1953 die erste Übersetzung eines Pound-Textes überhaupt erschien, liege nun das hervorragende Ergebnis eines „lebenslänglichen work in progress“ vor. „Verdammt, übersetze nicht, was ich geschrieben habe, sondern das, was ich schreiben wollte“, schrieb Pound in den 1950er Jahren an seine deutsche Übersetzerin Eva Hesse. Diese hat sich zum Glück nicht daran gehalten, so dass man den puren Ton des umstrittenen Dichters erfahren kann.

„Lesen ist unbedingt erlaubt“, erklärte der Präsident der Jury für die Leipziger  Buchmesse Hubert Winkler in der Glashalle der Messe Leipzig, erst recht wenn dies dazu führe, dass Bücher, die die einen für lobenswert befinden, andere beschimpfen und umgekehrt. Er ging damit auf die alljährliche Kritik von Preisnominierungen ein, die er als Teil des Spiels und Teil der Legitimation von Preisen begrüßte. Im Kritisieren und Kommentieren der Auswahl werde nicht nur genau das gemacht, was mit einer solchen Nominierung beabsichtigt sei, nämlich die Aufmerksamkeit auf eben jene Bücher gelenkt, sondern die Emphase der Rezensenten, insbesondere der kritischen, lenke die Aufmerksamkeit auf die anderen, nicht nominierten Bücher, deren Autoren dann ebenfalls zu den Helden einer Saison aufsteigen könnten. Diesen nicht nominierten Helden wird man sich in Leipzig in den nächsten Tagen zuwenden können.