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Orientalische Märchensammlung der Scheherazade

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Claudia Ott legt mit „101 Nacht“ die Vorgänger-Scheherazaden der berühmtesten Märchen des Orients vor, die die arabische Hochkultur im Südeuropa des Mittelalters bezeugen, sondern es auch ermöglichen, den fließenden Übergangen der Scheherazaden zu den großen europäischen Erzählungen nachzuspüren.
Mittwoch, 13. März 2013
Claudia Ott: 101 Nacht

Wenn wir heute über den Islam im Maghreb sprechen, dann erscheint er meist als Bedrohung. Mit der liebevoll editierten Übersetzung der Geschichtensammlung Hundertundeine Nacht (101 Nacht) von Claudia Ott – wer hier vermutet, es hier mit einer kleinen Schwester der berühmtesten Geschichtensammlung Arabiens zu tun zu haben, liegt völlig richtig – begegnet uns der westliche Islam in der Gestalt eines wertvollen Schatzes.

Zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert befand sich eines der wichtigsten Zentren der arabischen Kultur in Nordafrika und der südlichen Spitze Spaniens. Die Mezquita-Kathedrale in Córdoba oder die Giralda in Sevilla erzählen noch von der westlichsten Provinz im Umayyaden-Kalifat al-Andaluz. Die arabische Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Medizin, Mathematik und Architektur blühten in der Region auf. Man spricht daher auch vom „Wunder von al-Andalus", zu dem auch diese Geschichtensammlung gehört.

Zu den Legenden der Abbasiden-Dynastie in Tausendundeine Nacht gesellen sich mit dieser Handschrift, der mit Abstand ältesten der insgesamt sieben bekannten Abschriften von Hundertundeine Nacht, die Geschichten der Umayyaden-Kalifen. Entdeckt hat sie die Orientalistin Claudia Ott 2010 am Rande einer Ausstellung im Berliner Martin Gropius Bau, als dort Schätze des Aga Khan Museums ausgestellt wurden. Ihrem archäologischen Spürsinn ist es zu verdanken, dass die Vorgänger-Scheherazaden von Tausendundeine Nacht nun zugänglich sind.

Die orientalischen Märchen sind, typisch für die klassischen arabischen Sammelwerke, von einem anonymen Erzähler übermittelt. In Hundertundeine Nacht tritt dieser aber bald in den Hintergrund und an seine Stelle tritt ein sich selbst als Philosoph bezeichnender Fihras, der einem König diese Geschichten erzählen soll, damit dieser sie aufschreiben könne – womit das Rad der ständigen Überlieferung in Bewegung gesetzt ist.

Wie auch bei den Geschichten aus Tausendundeine Nacht existiert bei der vorliegenden Geschichtesammlung eine Rahmenerzählung, in die die von Scheherazade erzählten Geschichten eingebunden sind – worunter sich übrigens auch eine Version der Sindbad-Geschichten befindet. Schon in Hundertundeine Nacht entfaltet die orientalistische Märchenkunst ihren vollen Glanz. Es geht um bildschöne Prinzessinnen und liebeshungrige Fürsten, taktierende Frauen und schlaue Wesire, arabische Ritter und Edelmänner, auflebende Reiche und zusammenbrechende Dynastien, Eroberungsfeldzüge und verlorene Schlachten, Affären und Betrügereien, und nicht zuletzt auch immer wieder um die Verbindung von Politik und Liebe.

Die Nähe zu den großen europäischen Erzählungen wie Don Quijote oder Casanova ist beim Lesen zu erahnen, Claudia Ott arbeitet diese und andere erzählerische Übergänge in ihrem erhellenden Nachwort noch deutlicher heraus. 

Diese Sammlung orientalischer Märchen folgt keinem inhaltlichen Programm à la „Geschichte gegen Leben", wie es bei der größeren Geschichtenanthologie der Fall ist. Vielmehr sind hier unterschiedliche Erzählungen und Genres zusammengeführt, stehen zuweilen ohne Kontakt nebeneinander und lassen keine inhärente Verbindung erkennbar werden. Dafür sind die Erzählungen weniger miteinander verschachtelt und umfassen manchmal kaum mehr als zwei Seiten.

Es sind aber nicht die Erzählungen, die in Hundertundeine Nacht den Rhythmus vorgeben, sondern natürlich die Nächte, in denen die gefangene Scheherazade dem König ihre Geschichten vorträgt, die mal schon kurz nach Mitternacht, dann wieder inmitten der Nacht und manchmal auch erst im Morgengrauen enden. Diese Nächte geben der Erzählung den Takt vor. In den Schwüngen der nächtlichen Erzählung schaukeln sich die Lesenden durch diese faszinierenden Erzählungen, bis der Erzähler mit der Phrase endet:

An dieser Stelle unterbrach das Morgengrauen Schahrasad, und sie verstummte. Der König erhob sich, entzückt von ihrer spannenden Geschichte, verschloss die Tür, versiegelte sie mit seinem Siegel und begab sich in seine Regierungsgemächer." Bis es dann wieder heißt: „Und so, mein Gebieter, geht die Geschichte weiter.

101 Nacht. Aus dem Arabischen von Claudia Ott nach der Handschrift des Aga Khan Museums. Manesse Verlag 2012. 336 Seiten. 49,95 Euro. 

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