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Der lange Schatten der Toten

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Maralde Meyer-Minnemann ist zum dritten Mal mit der Übersetzung eines Romans des portugiesischen Schriftstellers António Lobo Antunes für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. „Der Archipel der Schlaflosigkeit“ ist einmal mehr ein erdrückendes Porträt der faschistischen Diktaturen Südeuropas.
Mittwoch, 13. März 2013
António Lobo Antunes: Der Archipel der Schlaflosigkeit

Den portugiesischen Schriftsteller António Lobo Antunes und seine deutsche Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann verbindet neben der tiefen gegenseitigen Wertschätzung eines über zwanzigjährigen Autor-Übersetzer-Verhältnisses eine geradezu absurde Eigenschaft. Beide haben eine Art Abonnement darauf, immer wieder für einen Literaturpreis in die Favoritenposition gerückt zu werden und ihn dann doch wieder nicht zu erhalten. So wie der inzwischen 70jährige Lobo Antunes seit Jahren als heißer Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt, wird Meyer-Minnemann immer wieder als eine der hervorragendsten deutschen Übersetzerinnen ins Feld geführt.

Für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse ist sie nun schon zum dritten Mal im Rennen; und zum dritten Mal mit einer Übersetzung eines Romans von António Lobo Antunes: 2005 für Elefantengedächtnis, 2011 für Mein Name ist Legion und nun für Der Archipel der Schlaflosigkeit.

Dieser Archipel liegt auf einem Landgut in Portugal, in der Nähe von Lissabon zu Zeiten des Salazar-Regimes. Dort unterhält sich ein in die Jahre gekommener Patriarch gemeinsam mit seinem Verwalter ein kleines Terrorregime. Drei Generationen seiner Familie sowie zahlreiche Bedienstete leben ein halbes Jahrhundert lang unter seiner tyrannischen Herrschaft, aus der es kein Entrinnen gibt. Dessen Brutalität und Menschenverachtung zieht sich durch den gesamten Roman, was insofern verrückt ist, als dass dieser Despot ziemlich zu Beginn des Romans stirbt. Seine Allmacht über diejenigen, die er jahrzehntelang geknechtet hat, bleibt ungebrochen. Die Überlebenden und Traumatisierten, ja selbst die Toten lässt Antunes aus ihren persönlichen Perspektiven vom Leben und Leiden auf diesem Gut berichten.

Wie die meisten Romane von António Lobo Antunes ist auch dieser von einer atemberaubenden Vielstimmigkeit geprägt. Beim Lesen der unterschiedlichen Stimmen, die ständig wechseln und ineinander fließen und permanent die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit überschreiten, schwirrt dem Leser anfangs der Kopf. Albtraumwandlerisch wirkt dies immer wieder, weil die Ebenen zwischen gelebter Wirklichkeit, vermeintlicher Erinnerung und Trauma verschwimmen. Aber mit der Zuschreibung bestimmter Verhaltensweisen und Phrasen zu den einzelnen Bewohnern durch den Hofdespoten („Komm her!", „Idiot") erhält die Stimmenvielfalt Struktur und Rhythmus.

Bis zur Unerträglichkeit rückt dem Lesenden der diktatorische Ton des Patriarchen, der jegliche menschliche Regung vermissen lässt, auf die Haut. Maralde Meyer-Minnemann verleiht diese vielen Stimmen in der deutschen Fassung jenen Ton, der Identität stiftet und Individualität über die Beliebigkeit triumphieren lässt.

António Lobo Antunes' Romane sind seit jeher geistreiche Reflektionen der spanisch-portugiesischen Klerikal-Faschismen unter den autoritären Staatsführern Francisco Franco und António de Oliveira Salazar. Die Verarbeitung der südeuropäischen Faschismen in seinen Roman teilt Lobo Antunes mit seinem 2010 verstorbenen Landsmann José Saramago, der in seinem Werk ebenfalls ständig die dunklen Jahre des südeuropäischen Rechtsextremismus verarbeitete. Saramago hat übrigens 1998 den Nobelpreis für Literatur erhalten, im Alter von 76 Jahren. António Lobo Antunes kann also noch hoffen. Und einmal mehr Maralde Meyer-Minnemann die Daumen drücken, auf dass sie im dritten Anlauf vielleicht in diesem Jahr den Übersetzerpreis erhält.

António Lobo Antunes: Der Archipel der Schlaflosigkeit. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand-Verlag 2012. 320 Seiten. 22,99 Euro.

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