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Im Land des Abzirkelns und Erwägens

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Birk Meinhardt erzählt in seinem monumentalen Roman „Brüder und Schwestern“ vom Leben der „Arbeiterklasse“ in der DDR und vom Auf- und Abladen der Schuld in einer Kompromissgesellschaft, in der das größte Vergehen darin bestand, den Drang nach Freiheit zu verspüren.
Mittwoch, 13. März 2013
Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern

Auf einem kleinen Gutshof in Sachsen begegnen sich regelmäßig Menschen aus den alten und neuen Bundesländern und erzählen sich ein Wochenende lang gegenseitig ihre Biografien. Was haben sie in ihrer Kindheit erlebt? Wo liegen die prägenden Erlebnisse in ihrer Biographie? Wohin hat es sie verschlagen – räumlich, politisch und mental – und vor allem, warum? Bei diesen nahezu privaten Zusammenkünften des Vereins Ost-West-Forum kann es vorkommen, dass ein für sein Leben gebrochener DDR-Flüchtling die Geschichte eines gut situierten, ehemaligen MfS’lers anhören muss. Eine kritische Situation. Im Mittelpunkt dieser Biografie-Gespräche steht das geduldige und manchmal harte Zuhören, denn allein die historisch-biografischen Wirklichkeiten erklären kaum die Beweggründe der Menschen, warum sie in ihrem Leben welchen Weg eingeschlagen haben. Diese liegen in den leisen Nebensätzen, die in der intimen Runde fallen.

Ein ehemaliger Stasi-Spitzel erzählte bei einer solchen Runde, dass er sich vom Ministerium für Staatssicherheit habe überreden lassen, Informationen über seine Kommilitonen zu liefern, da ansonsten sein sicher geglaubter Studienplatz an einen linientreuen Mitschüler gegangen wäre. Er habe jedoch nur völlig Unpolitisches weitergetragen, versicherte er, nicht dass man ihn falsch verstehe. Alles andere hätte er nicht mit sich vereinbaren können. Was immer das heißt in einem Staat, indem Freiheit das größte Verbrechen war.

Sicher, dieser Mann hätte nicht studieren müssen, aber zuhause wartete seine Frau mit einem kleinen Kind, das zweite war unterwegs. Das Studium und der lukrative Arbeitsplatz, die er beide mit scheinbar nebensächlichen Informationen zu Essgewohnheiten oder der Pünktlichkeit seiner Mitstudierenden sichern konnte, stellten eine gesicherte Existenz in Aussicht. Eine Aussicht, die ihn einen mephistophelischen Pakt eingehen ließ. Und in der Tatsache, dass dieser Mann nur aus seiner Sicht irrelevante Informationen weitergegeben hatte, bewahrte er aus seiner Perspektive Haltung.

Man muss dies nicht nachvollziehen und auch nicht gutheißen können, um verstehen zu wollen, was Menschen im Laufe ihres Lebens dazu motiviert, bestimmte Wege einzuschlagen. Aber man sollte es zur Kenntnis nehmen. Denn in solchen Geschichten drückt sich nichts anderes aus als das tägliche Ringen um Haltung. Genau darum geht es auch in Birk Meinhardts monumentalen Roman Brüder und Schwestern. Darin erzählt der zweifache Kisch-Preisträger DDR-Geschichte aus der Perspektive von Druckern und Bahnwächtern, Lastkahnfahrern und Lehrern, Gärtnern und Hausfrauen, Zirkusartisten und Fußballfans, Staatsangestellten und Verlagssekretärinnen. Meinhardts Protagonisten sind Herr Otto-Normal-Verbraucher und Frau Durchschnittsbürger.

Dreh- und Angelpunkt dieses die Jahre 1973 bis 1989 abdeckenden Werkes ist die Familie Werchow, deren Patron Willy die mittelständische „Aufbruch“-Druckerei in der thüringischen Provinz leitet. Die Ehe mit seiner traumatisierten Frau Ruth bildet noch die Heimat für die auseinanderfallende Familie, für Zärtlichkeit und Nähe aber schon lange nicht mehr. Die holt er sich heimlich bei seiner Geliebten in Berlin. Seine drei fast erwachsenen Kinder Erik, Matti und Britta könnten unterschiedlicher nicht sein. Erik passt sich dem System an, beugt sich dessen Druck auch auf Kosten der eigenen Sippe, um darin einen Weg zu finden, der ihn alles andere als schuldfrei sein, aber die eigene Haltung bewahren lässt. Matti kann diese „bequeme“ Haltung nicht ertragen, überwirft sich mit seinem Bruder, als sich dieser, um seinen Studienplatz zu behalten, von einer revolutionären Aktion seiner kleinen Schwester Britta offiziell distanziert. Britta wiederum ist die Freidenkerin unter den drei Kindern, die sich, aus der Schule geworfen, für die größtmögliche Freiheit im Gefängnis DDR entschied, indem sie sich einem Zirkus anschloss.

Ausgehend von dieser Familie erzählt Meinhardt in zahlreichen Seitensträngen – die er dramaturgisch geschickt wieder zusammenführt – vom Leben in der DDR. Er erzählt davon, was es heißt, Widerstand zu leisten und wie hoch die Kosten für ein wenig Freiheit in der Unfreiheit waren. Im Hintergrund schwebt dabei stets die Frage aus Adornos Minima Moralia, ob es ein richtiges Leben im falschen geben könne. Das Personal ist stets auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wo der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den eigenen ethischen Ansprüchen und den auferlegten Zwängen liegt.

Meinhardt hat sich für seine Werchow-Saga für eine halbrealistische Perspektive entschieden. Gerberstedt, das thüringische Heimatstädtchen der Werchows wird man auf keiner Landkarte finden. Doch es wird kaum einen DDR-sozialisierten Leser geben, der diesen Ort nicht als prototypisches Provinzkaff mit sozialistischer Lehranstalt, Kreisleitung der Partei und maroder VEB-Produktionsstätte wiedererkennen wird. In Gerberstedt spiegeln sich die Dramen und Skandale der großen Welt im Kleinen.

Birk Meinhardt arbeitet hier insgesamt mehr mit gesellschaftlichem Allgemeingut, als mit historischen Wegmarken. Zwar tauchen im Hintergrund der Erzählung die Ausweisung Wolf Biermanns oder die Streiks der polnischen Gewerkschaft Solidarność in Danzig als historische Bezugspunkte auf, sie bilden als solche aber nur einen Teil des welthistorischen Hintergrundrauschens, das in Meinhardts Roman neue Selbstbefragungen zur eigenen Haltung gegenüber der Staatsdoktrin und damit neue dramaturgische Wendungen auslöst. Die niemals endende Mängelwirtschaft, die nur mit dem Selbstbetrug durch staatseigene „technische Normen, Gütervorschriften und Lieferbedingungen“, kurz TGL, überdeckt wurden, bilden gemeinsam mit NVA-Erfahrungen, MfS-Anekdoten, der Erzählung einer Republikflucht und zahlreicher amouröser Abenteuer als Ausdruck einer Sehnsucht nach innerer Freiheit einen Teil dieser realistischen Hintergrundmusik, vor der sich das Leben der Werchows entfaltet.

Birk Meinhardt

Birk Meinhardt | © Peter-Andreas Hassiepen

Mit Brüder und Schwestern hat Birk Meinhardt seinen dritten Roman und den ersten Teil der Werchow-Familiensaga vorgelegt. Der Roman endet nach ereignisreichen und eng bedruckten 700 Seiten mit der Phrase „– wird fortgesetzt –“. Er wurde bereits als „Anti-Tellkamp“ beschrieben, was insofern nicht ganz falsch ist, als dass Meinhardt an die Stelle der abgehobenen intellektuellen Sprache der Dresdener Bildungsbürger einen mit Patina behafteten Alltagsslang setzt, der von verschrobenen Dialekten und den gesellschaftlichen Zustand ironisch reflektierenden Sprichwörtern der Zeit ergänzt wird. Darin wird vor allem der marode wirtschaftliche Zustand der DDR immer wieder aufgegriffen: „KWV-Wohnung. Kann Weiter Verfallen“. KONSUM – „Kauft Ohne Nachzudenken Ständig Unserem Mist“. „Wer Mifa fährt, fährt nie verkehrt, weil Mifa überhaupt nicht fährt.“ „Bist Du artig hier zuhaus, darfst Du in den Westen raus.“ Kalauer? Ja, sicher auch. Aber auch gelebter Sarkasmus in einer Realität, die ein Überleben mit Haltung anders kaum möglich machte. Ein Staat, der solche Verhältnisse verantwortet, muss sich nicht wundern, wenn er schließlich als „Das Dickste Ruhekissen“ bezeichnet wird.

Birk Meinhardts Personal versucht in diesem Chaos seinen Weg zu finden, der mit der eigenen Würde zu vereinbaren ist. Was einfach klingt, ist inmitten der alltäglichen Erfordernisse kompliziert: „Ja, wir drehen und wenden die Dinge fünfmal hin und her, wir taktieren und paktieren, wir nehmen dauernd Rücksicht, wir nicken verständnisvoll, wenn die aktuelle politische Lage es mal nicht zulässt, etwas Notwendiges auszusprechen, und am Ende wissen wir gar nicht mehr, wo uns der Kopf steht. Ganz kirre sind wir schon.“

Meinhardt bringt mit seinem Roman, der Gesellschafts-, Bildungs- und Familienroman in einem ist, keine Ordnung in diese mentale Unordnung. Seine Leistung besteht darin, diese Unordnung sichtbar zu machen und die allzu eilfertige Bewertung von Verhaltensweisen der Bürger in der DDR zu hinterfragen.

Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern. Die Jahre 1973 bis 1989. Hanser Verlag 2013. 700 Seiten. 24,90 Euro.

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